Als Kolumbus am 12. Oktober 1492 amerikanischen Boden betrat, beschrieb er erste Eindrücke im „Bordbuch“: „Sie gehen nackend umher, so wie Gott sie erschaffen, Männer wie Frauen. Alle jene, die ich erblicke, waren jung an Jahren,... gut gewachsen, mit schöngeformtem Körper und gewinnenden Gesichtszügen. Sie haben dichtes, struppiges Haar, wie Pferdeschweife.“ Auch die Conquistadoren verbreiteten in den folgenden Jahrzehnten immer neue Mythen von märchenhaften Reichtümern, guten Wilden und vom Paradies auf Erden. El Dorado blieb bis heute ungefunden.

Die Gestalt des Entdeckers Kolumbus jedoch zeigt sich bis heute in den zahlreichen Biographien völlig unterschiedlich: Wer war Kolumbus? Ein Abenteurer, ein Genie, ein Verbrecher, ein Missionar? Eine neue „Variation“ (im musikalischen Sinne, wie er sagt) des zwielichtigen Kolumbus gibt Alejo Carpentier in seinem neuen Roman „Die Harfe und der Schatten“ – eine Biographie, Chronik und Legendenkiller zugleich (aus dem Spanischen von Anneliese Botond; Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1979; 200 S., 28,– DM).

Themen und Talente fallen dem kubanischen Romancier wie aus einem Füllhorn zu, so daß jeder Versuch, sein abwechslungsreiches Leben zu skizzieren, zur ungenauen Raffung gerät. Er ist ein unermüdlicher Leser, neugieriger Reisender, Kenner von Architektur, Musik, Literatur und Ethnologie, er ist Romancier, Journalist und Diplomat. Die Dynamik Carpentiers wird mit Schlagworten verbunden wie Barock, Mestizentum, Surrealismus, wunderbare Wirklichkeit, Brücke zwischen Europa und Lateinamerika ... und sie wird täglich in einem streng durchgeplanten Arbeitstag gezügelt.

Die frühesten Morgenstunden (von fünf an) sind der literarischen Tätigkeit vorbehalten, der Vormittag der Arbeit in der kubanischen Botschaft, nach einem guten Mittagsmahl (für Gourmets) bleibt der Nachmittag zur Lektüre, der Abend gehört Freunden oder wird für ein Konzert, Ballett oder Theaterstück reserviert. Carpentier ist auch im Gespräch unermüdlich und belebt es durch ständig neue Anekdoten, Assoziationen und sein immenses Wissen.

Als Sohn einer Russin und eines französischen Architekten wurde er 1904 in Havanna geboren. Mit siebzehn arbeitete er als Korrektor in einer Druckerei und begeisterte sich für Typographie. Zur selben Zeit studierte er, eher lustlos, Architektur; stärker fühlte er sich zur Musik hingezogen. In Kuba organisierte er die ersten Konzerte moderner Musik (Strawinsky, Ravel, Satie). 1927 protestierte er mit den Studenten gegen den kubanischen Diktator Machado, kam sieben Monate ins Gefängnis und floh mit Hilfe seines Freundes Robert Desnos 1928 nach Frankreich.

In Paris arbeitete er für Zeitschriften, Radio und Schallplattenfirmen. Durch Desnos bekam er Kontakt mit Breton und den Sur realisten, und hierdurch erwachte auch sein Bewußtsein von Lateinamerika und der Wunsch, die Wirklichkeit seines Kontinents darzustellen. Während des Spanischen Bürgerkriegs reiste er 1937 zum Internationalen Schriftstellerkongreß nach Madrid und berichtete in mehreren Reportagen von den Greueln des Faschismus. Vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kehrte er, müde von Europa, nach Kuba zurück. 1945 zog er nach Venezuela und schrieb vierzehn Jahre lang täglich eine Kolumne für die Zeitung El Nacional, insgesamt etwa 4000 Artikel. Es war auch die Zeit seiner großen, seiner oft abenteuerlichen Reisen.

„In Haiti fand ich die wunderbare Wirklichkeit Lateinamerikas im Rohzustand. In den venezolanischen Llanos und im Urwald entdeckte ich die unberührte Welt der Genesis. Auf Barbados stand ich plötzlich vor dem Grab von Fernando Paleó1ogo, dem letzten direkten Nachkommen der byzantinischen Kaiser, während ich Material über den französischen Revolutionär Victor Hugues zusammentrug.“ All diese Erlebnisse spiegeln sich, gemeinsam mit scheinbar grenzenlosen Leseerfahrungen, in seinen Romanen wider. „Das Reich von dieser Welt“ (1949) erzählt von der Geschichte Haitis und den ersten Rebellionen in Amerika. Sein erster längerer Roman „Die verlorenen Spuren“ (1953) kann auch als Tatsachenbericht von einer Reise zurück in die Steinzeit gelesen werden.