DIE ZEIT: Ihr neuer Roman erzählt von Kolumbus. Alle Ihre Bücher stützen sich auf präzise historische Quellen. Welche brachten Sie auf das Thema Kolumbus?

ALEJO CARPENTIER: Als ich 1937 eine Plattenfirma leitete und den Auftrag erhielt, eine Radiofassung von Paul Claudels „Buch von Christoph Kolumbus“ für Radio Luxemburg herzustellen, las ich den Text und untersuchte ihn auf seine Möglichkeiten für den Rundfunk. Während der Zeit, in der ich die Vorlage studierte, reizten mich fortwährend die hagiographischen Züge, die man der Gestalt Kolumbus verleihen wollte. Claude! sah in ihm schon einen potentiellen Heiligen, Christophoros, einen Mann, der Christus auf seinen Schultern in die Neue Welt trug, einen Menschen voller Tugenden, dem eigentlich nur noch der Heiligenschein fehlte.

Schon damals sah ich Kolumbus nie auf diese Art, aber die Jahre vergingen, und eines Tages stieß ich auf die drei berühmten Bücher, die León Bloy zu Beginn seiner literarischen Laufbahn veröffentlicht hat. Im ersten Band, „Le Révélateur du globe“, verlangte er die Kanonisierung von Kolumbus und stützte sich dabei auf die schlechte Biographie eines katholischen Historikers, Graf Romilly de Lorgues, der Kolumbus sogar mit Abraham, Moses und dem heiligen Petrus verglich, also mit den erlesensten Gestalten aus dem Alten Testament. Ich selber hatte ja nun auch Kolumbus gelesen und ihn ganz anders verstanden: ein genialer Mensch, daran ist nicht zu zweifeln, ein Seefahrer, der mehr seiner Intuition als der Wissenschaft folgte und doch sehr gelehrt war, denn seine Seneca-Übersetzungen ins Spanische sind einfach hervorragend.

Er war ein großer Leser und erfahrener Seemann mit außergewöhnlichem Instinkt und voller Unternehmungslust, der die Möglichkeit erahnt hatte, die Welt der Gewürze zu erreichen, auch wenn er gen Westen anstatt gen Osten segeln würde. Als er sich dessen sicher fühlte, bot er seine Dienste dem König von Portugal an, dem König von England, den bretonischen Königen in Frankreich und zweimal dem spanischen Königshaus, bis man ihm endlich Gehör schenkte.

Ihm war es völlig gleich, ob Engländer, Portugiesen oder Spanier Amerika entdecken würden, ihm kam es nur darauf an, seine Reise durchzuführen, und wir sollten ihn dessen nicht beschuldigen, denn zu seiner Zeit existierte der Sinn für Nationalitäten nicht so, wie wir ihn heute verstehen. Als ich darüber nachdachte, wie man Kolumbus zu einem Vorkämpfer des Spaniertums stilisiert hat, schien mir, daß man seine Texte einfach nicht gelesen hat und sein Leben nicht kennt.

Und was hatte Kolumbus gelesen, um sich einer erfolgreichen Reise gen Westen so sicher zu sein?

Zunächst kannte er alle Berichte der großen Seefahrer seiner Zeit und einige geographische