Von Fritz J. Raddatz

Einer sagte gestern im Fernsehen: Jetzt fangen Sie wieder mit dem Fall Peter-Paul Zahl an, den haben wir ja nun diskutiert im PEN-Club, an der Universität, ich weiß nicht wo. Und dann winkte er ab, als sei der schon erledigt, mit einer Handbewegung erledigt. Gestern, im Fernsehen, cuch wenn er heute noch lebt, was sein kann.

Jürgen Fuchs: „Tagesnotizen – Gedichte“

Kopf oder Zahl“ – das darf man auch bald nicht mehr sagen; die Kollegen zucken. Aber sie sollen zucken: Denn wenn je Schicksal und Literatur eines Mannes in den letzten Jahren aufregend und verstörend miteinander zu tun hatten, dann bei Peter-Paul Zahl. Seine schriftstellerische Begabung steht außer Zweifel. Wenn vieles zerbrochen ist, roh, schrill, ohne Disziplin – könnte es, fragen wird man ja dürfen, vielleicht doch mit seiner „Situation“ zu tun haben?

Nun muß man nicht immer gleich so lächerlich zucken wie ein namenloser Germanistikprofessor namens Arntzen, der in Münster ein Seminar über Zahl absetzen ließ mit einer – bleibende Leistung dieses Literaturkundigen – denkwürdigen Begründung:

„Dem Lehrbeauftragten Jörg Scheibe wurde vom geschäftsführenden Direktor am 6. 7. 1978 brieflich mitgeteilt, ein Proseminar über Peter-Paul Zahl werde ‚nach genauer Prüfung und Beratung mit anderen Direktoren der Abteilung‘ von ihm nicht für geeignet gehalten, seine Funktion zu erfüllen, nämlich: im Rahmen des Grundstudiums exemplarisch in Begriff und Geschichte der Literatur und die Probleme und Methoden der Literaturwissenschaft einzuführen und die Studenten auf das Hauptstudium vorzubereiten. ‚Ich vermag’, heißt es in dem Schreiben, ‚eine derartige Begründung in diesem Falle jedoch nicht zu geben‘“.

Gegen diesen methodischen wie inhaltlichen Unsinn wehrte sich in einer Universitätsveranstaltung nicht nur Erich Fried:

„Natürlich macht die Einkerkerung allein aus schlechten Gedichten kein wichtiges literarisches Werk, doch darf auch die Freiheitsberaubung als solche einen Dichter nicht ungeeignet für ein Seminar erscheinen lassen.“

Es hielt auch, höchst unverdächtiger Zeuge, der Hannoveraner Ordinarius für Neuere deutsche Literaturwissenschaft Leo Kreutzer ein kurzes Referat, das sich auf die wirkliche Problematik ernsthaft einließ:

„Ich möchte umgekehrt ein paar Bemerkungen darüber machen, weshalb ich durchaus eine Begründung dafür sehe, daß eine Auseinandersetzung mit der politischen Biographie Zahls und mit seinen literarischen Arbeiten in einen Begriff von Literatur und in Probleme einer Literaturwissenschaft einführen könne.

Ich möchte nun diesen Autor auch ein bißchen zitieren, eine kurze Passage aus einem Interview vom vergangenen September, in dem Zahl auch über einen Aspekt der wachsenden Resonanz gesprochen hat, die seine Arbeiten ‚draußen‘ finden:

‚Das für mich Wichtige an der Sache ist, daß praktisch Knastliteratur in zunehmendem Maße, so wie ich sie schreibe, draußen begriffen wird – und das ist ein erschreckender Prozeß – als eine Widerspiegelung der Situation der BRD insgesamt. Die Metapher Knast gewinnt eine größere, eine politische Dimension. Sie wird nicht mehr getrennt gesehen von der Gesellschaft als etwas, was außerhalb der Gesellschaft sei, sondern als etwas, was typisch für sie ist. Ein realistischer Roman, ein realistisches Gedicht über den Knast wird auf einer anderen Ebene eine Metapher für die Bundesrepublik Deutschland. Das ist ein Verknastungsprozeß der gesamten Gesellschaft.‘

Widerspiegelung hin oder her: ich halte diese Selbsteinschätzung für höchst bedenkenswert und keineswegs für ein Ergebnis reduzierter Wahrnehmung eines, der daran gehindert ist, unmittelbar zur Kenntnis zu nehmen, was draußen’, was in unserer Gesellschaft vorgeht. Und ich halte es für möglich, aus derartigen Überlegungen eine plausible Begründung dafür abzuleiten, warum – auch – über die Beschäftigung mit diesem Autor gegenwärtig ,exemplarisch‘ in ein Studium der Literatur, in einen Begriff von Literatur und in Probleme einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit ihr eingeführt werden könne.“

Das ist der richtige, weil seriöse Ansatzpunkt, um mit den Arbeiten Zahls umzugehen, auch mit Zahls ganz abwegigen Überspitzungen, ob nun von KZ-Imperialismus, Folter oder SA-Kultur die Rede ist („Zwei Formen der Gehirnwäsche: die Wahl zwischen Dasch und Omo, zwischen dem Bodensatz der SA-Kultur und der totalen Stille“).

Die hohe Kunst der Münsteraner Literaturwissenschaft ist – neben zahlreichen anderen Dokumenten, Interviews und dem bislang beschlagnahmten Zahl-Text „Isolation“ – enthalten in dem Sammelband –

„Schreiben ist ein monologisches Medium – Dialoge mit und über Peter-Paul Zahl“, herausgegeben von Ralf Schnell; Verlag Ästhetik und Kommunikation, Berlin 1979; 238 S., 12,50 DM

Und noch einmal, weniger komplett, in der Broschüre –

„Von einem, der nicht relevant ist – Über das Risiko, sich mit der Literatur P.-P. Zahls auseinanderzusetzen“; mit Beiträgen von Erich Fried, Leo Kreutzer und J. Scheibe; Schriftenreihe Zeitgeschichtliche Dokumentatation, Münster, II. Jahrgang, Heft 8/9, 1979; 79 S., 5,– DM

Mit dem parenthetischen Hinweis auf einen der hier erstmals abgedruckten Texte sind wir auch – ja, darf man das so sagen: bei den „Produktionsbedingungen“, unter denen der neue Roman entstand –

Peter-Paul Zahl: „Die Glücklichen“, Schelmenroman; Rotbuch Verlag, Berlin 1979; 525 S., 29,– DM

Der Titel ist Hohn und Rettungsring zugleich, Gaukelei im doppelten Sinne des Wortes. Jenes Teilmanuskript, dessen Titel „Isolation“ wiedergibt, wie Zahl seine Lage sieht, ist Dokument einer Schreibhaltung. Die in der Beurteilung literarischer Texte offenbar geübte Staatsanwaltschaft Düsseldorf gab ein „Lektoratsgutachten“, das sich „Verfügung“ nennt, und verurteilt darin die

in die „erhebliche, zum Teil haftbedingte Phantasie. Der weitaus größte Teil des Textes ist als übersteigerte Kritik an bestehenden Zuständen oder sogar als aus der Phantasie erzeugte Schilderungen ohne jeden Realitätsbezug anzusehen.“

Ohne jeden Realitätsbezug – das wäre schon komisch, wenn’s noch komisch wäre ... „Rathausuhren unter der Haut“ – ob so eine Formulierung gemeint ist? Oder so eine: „In die totale Stille bricht das bloße Anreiben eines Streichholzes an der Reibfläche der Schachtel wie ein Gewitter ein“? Der Aktenzeichen Verfasser 8 Js 248/78 wird’s gewißlich wissen. Aber vielleicht weiß es der Wissenschaftler Dieter Hoffmann-Axthelm auch ein bißchen? In dessen Gutachten, abgedruckt in dem Band –

Peter-Paul Zahl: „Freiheitstriebtäter“, Lyrik & Prosa; Edition Nautilus, Verlag Lutz Schulenburg, Hamburg, 1979; 179 S., 10,80 DM

heißt es:

„a) Der Mensch ist ein reizabhängiges Wesen, er braucht die Außenreize, um eine geordnete nervöse Aktivität aufrecht zu erhalten. Reizreduktion und Reizentzug wirken, wie vielfach nachgewiesen ist, nicht nur als kognitive Einschränkungen, vielmehr der Zusammenbruch der geistigen Leistungen ist ursächlich verzahnt mit einem Zusammenbruch des gesamten Aktivierungssystems, einem Zusammenbruch, der zugleich die Regulierung des unwillkürlichen, vegetativen Systems (Atmung, Herz und Blutgefäße, Verdauungsapparat usw.) einbezieht und unkontrollierbare, isolierte emotionale Erregungszustände freisetzt, zum Beispiel ungezielte Aggression und akute Vernichtungsängste.

b) Gilt auf der physiologischen Ebene eine lebensnotwendige Reizappetenz, so kann wahrnehmungspsychologisch von einem fundamentalen Orientierungsbedürfnis gesprochen werden. Orientierung bedeutet eine ständige umfassende Vergewisserung des wahrnehmenden Individuums in seiner Umwelt, wozu ein intensives Zusammenspiel aller Sinnesorgane dient, das die Anhaltspunkte der jeweiligen Umwelt ausschöpft. Isolation ist die Beseitigung dieser Anhaltspunkte – der Richtungsorientierung (Schall, Ausblick, natürliche Luftbewegung), der Zeitorientierung (Jahreswechsel, Tag / Nacht-Lichtdifferenzen, Funktionsgeräusche). Auf der Orientierungsbasis ruht die aktuelle Wahrnehmungstätigkeit. Die Reduktion der Wahrnehmungsobjekte, die aus den gleichen Isolierungsmaßnahmen folgt, potenziert sich daher noch. Dies führt zu Unfähigkeit, Aufmerksamkeit zu binden, sich auf Objekte der verbliebenen Umgebung zu konzentrieren (das heißt Erscheinungen als Objekte zusammenzuhalten), Erwartungshaltungen zu bilden. Tierversuche haben ausgiebig gezeigt, daß unter solchen Bedingungen Ausbildung von artspezifischen Wahrnehmungsleistungen verhindert wird, weil diese Bedingungen die allgemeinen Voraussetzungen von Wahrnehmung zerstören.

c) Die Situation der Isolierung gleicht der eines Rekordläufers, den man zwänge, von heute auf morgen nicht mehr zu laufen: da sein ganzer Organismus, seine Gewohnheiten, seine Einstellungen auf ein Ziel hin organisiert sind, das plötzlich entfällt, wäre der Kollaps unvermeidlich. Jeder Mensch stellt zu einem gegebenen Zeitpunkt eine Organisation aller psychischen Verhältnisse dar, die genau auf ein soziales Beziehungsfeld mit dessen Anforderungen und libidinösen Sinngebungen eingestellt und ohne dies ziel-, gegenstandslos ist: die Geschichte seiner psychischen Architektur ist die seiner Auseinandersetzungen. Die Isolation vernichtet den Realitätsbezug nicht durch bloße Entfernung aus dem gewohnten Feld, wogegen Widerstand leicht möglich ist; sondern sie vernichtet überhaupt die Sozialfähigkeit“.

Da kann man sich nun auswählen, was einen mehr überzeugt.

Und nun also ein Schelmenroman, von über fünfhundert Seiten, mit himmelblauem Umschlag und dem spöttischen. Sehnsuchtstitel. Bevor ich mich auf dieses Buch einzulassen versuche, will ich noch einmal Zahl das Wort geben, mit dem Epilog seines Traktats „Über die führende Literaturkritik“; der lautet

„übrigens gehört viel mut dazu einen Schriftsteller anzugreifen der von einem deutschen gefängnis aus antworten soll“.

Und diese Zeilen sind von Georg Büchner, und der Mut kann einem sinken. Drei Thesen sollen (mir?) den Anfang, den Umgang mit dem Roman erleichtern:

Zahl ist ein ernstzunehmender Schriftsteller. Zahls Schreiben aus der Zelle ist Selbsttherapie. Zahls Roman ist an den Haftschäden zerbrochen.

Der Schriftsteller

Wie seine Boris Vian zugeeigneten Erzählungen des Bandes –

Peter-Paul Zahl: „Wie im Frieden“, Erzählungen; Internationalismus Verlag, Hannover 1979; 126 S., 8,50 DM

ausreichend vorführen, gelingen ihm immer wieder Texte von ironischer Heiterkeit. Die köstliche Paraphrase auf das Hohe Lied Salomo, der Lobpreis auf das Rauschgift Liebe, könnte bei jeder unserer vielen literarischen Sportveranstaltungen gelesen (und ausgezeichnet) werden; ob nun in Klagenfurt, Berlin oder Baden-Baden. Bei dem Roman ist es ähnlich. Die Idee, eine Berliner Ganovenfamilie sprechen, leben und handeln zu lassen, ist amüsant, frech, witzig. Im herrlichsten Kreuzberg-Berlinerisch wird geliebt, geklaut, gesoffen, geprügelt – Muttern, mal Schmiere stehend, mal beim Pastor die Sore versteckend und mal die Polente anblaffend, immer dabei. Der Strich und die Kneipen, die große Klappe und die kleine Verzagtheit: Döblin läßt grüßen. Zahl beschreibt mit sozialer Liebe die Welt der Asozialen – und hier, wie in sämtlichen Texten von ihm, ist auffallend: Peter-Paul Zahl ist nie roh. Es gibt keine einzige Brutal-Szene in seinen Arbeiten, Sexualität wird in einer Mischung aus Sehnsucht und Zartheit eingebracht, daß es schier erstaunlich ist. Die erotischen Passagen, nicht nur dieses Romans, zeigen einen Schriftsteller von behutsamer Menschenfreundlichkeit.

Die Selbsttherapie

Zahl poltert. Er schlägt gleichsam unentwegt an die Gitterstäbe seiner Zelle, brüllt, tobt, auch literarisch. So ist seine Literatur einerseits SOS-Ruf und Kassiber, ein gellendes „Hört ihr mich auch?“, „Helft mir doch!“ – andererseits die ihm einzig gebliebene Chance zu überleben.

Für den Roman ist das ein Unglück – Zahl bringt sich unentwegt selber ins Spiel, schüttet dem Leser einen Papierkorb von Pressenotizen, Statements zur Schleyer-Entführung oder RAF-Verlautbarungen vor die Füße. Da verschwemmt Güte zu Sentimentalität, und das stets predigthaft vorgetragene Mitleid mit seinen Figuren behängt sie mit allerlei Pappschildchen wie die Preisschilder an Schaufensterpuppen; dort steht an der Bluse „garantiert pflegeleicht“ oder an der Hose „echt bügelfrei“; hier steht „Achtung! Ganove, aber Mensch“ oder „Hure, doch lieb“:

„Die Angst verschwindet. Ich entkorke die Rotweinflasche, fülle das Glas, trete an das Fenster, blicke hinüber zum Parkplatz neben dem Kudamm und trinke. Mein Kopf ist leer. Müdigkeit, Trauer. So ein Morgen sieht trostlos aus. Er besteht nur aus Asphalt, Autos, einigen Tauben und grauem Himmel.

Die Zeitung habe ich vergessen, geht mir durch den Kopf. Hinter mir klappt die Tür. Ich wende mich um. Ilona hat sich ein Negligé angezogen. Ein fliederfarbenes. Eines von der Sorte, wie sie in den Kleinanzeigen der Wichsvorlagen aus dem Bauer-Verlag abgedruckt sind. Nie habe ich es für möglich gehalten, daß jemand so etwas kauft. Grauenhaft, denke ich. Sonst nichts.

Guten Morgen!

(Sie lächelt. Anders als während der Nacht. Ihr Gesicht ist klein, spitz, weiß und leer. Sie kommt auf mich zu. Er soll wohl verführerisch sein, ihr Gang in den Pantoletten. Die sind auch fliederfarben, und sie haben dunkellila Pompons auf dem Spann. Ilona stolpert etwas. Bei unsereins klappt Hollywood nie. Sie lächelt ihr Hurenlächeln. Mir ist hundeelend zumute.)

Na, wie sehe ich jetzt aus? Beschissen!

Was?

(Entschlossen stelle ich mein Glas auf das Fensterbrett, gehe zwei Schritte auf sie zu, nehme sie bei den Schultern und werfe sie auf die Liege.

Ilona liegt auf dem Rücken. Ich stehe vor ihr. Das Negligé läßt jene Stellen frei, die derlei Negliges immer neckisch freilassen – Französischer Schnitt! Per Nachnahme – Und Ilona sieht mich mit jenem Lächeln an, das Huren in diesen Positionen eben draufhaben. Es ist nichts in, nichts hinter den Augen. Ich könnte ihr die Fresse polieren!

Statt dessen nehme ich ihre Beine, streife die Pantoletten ab, hebe Ilona an den Fersen wie ein Kleinkind an und stopfe sie unter die Bettdecke, die ich mit der anderen Hand angelüftet habe. Ihr hoher, schmaler Spann macht mir den Mund trocken.

Nun lächelt sie nicht mehr. Ich polstere ihre Beine, ihren Leib und ihren Hals seitlich zu und setze mich auf die Kante der Liege. Beuge mich über sie und fahre mit den Lippen über ihre Nasenspitze, die Rinne zwischen Mund und Nase, die Lippen und merke, wie sich ihre Schultern entspannen.)

Magste mich nicht?

So, wie eben, nicht. Komm, schlaf. Du ... wir wollten doch darüber reden. Impotent bin ich nicht.

(Sage ich schnell und betone das Nicht.) Was ist es denn?

Vögelst du gerne?

Was?

Ob du gerne liebst, vögelst, bumst, oder wie nennst du das?

Nein. Überhaupt nicht.

Deswegen. Ich schlafe nicht mit Frauen, die nicht gerne vögeln“.

Der Gestus des Selbstgesprächs des Isolierten dringt in die Struktur des Buches; deswegen ist das Buch

an den Haft-Schäden zerbrochen

Zahl kann nicht differenzieren und nuancieren. Seine Wut und seine Angst fällt die eigenen Gestalten an, brüllt auf sie ein, belehrt sie (und uns) über die Ungerechtigkeit der Welt. Das geschieht in winzigen Sprach- und Inszenierungsverschüben, wenn er etwa einen der Ganovenbrüder nach gelungenem „Bruch“ philanthropisch sinnieren läßt und damit unfreiwillig komisch wird: „Nach Geld oder Sore hat er nicht gefragt. Er wird den geklauten Kombi wie vereinbart auf dem Parkplatz am Wittenbergplatz abstellen. Wir fahren immer getrennt, in öffentlichen Verkehrsmitteln, nach Hause, zu Mama. Und dann sitze ich in der U-Bahn und kann den Blick nicht halten, angesichts all dieser kaputten Leute, die mir nicht einmal fünf Sekunden in die Augen gucken können. In diesen schwarzen stumpfen Pupillen ist ihre ganze Lebensgeschichte und die ganze kaputte Geschichte dieser ganzen kaputten Halbstadt. Wenn die wußten, was in der Tasche ist, sage ich mir.“

Rififi bei der Heilsarmee...

Schlimmer, ganz unnütz – und doch nur zu verständlich: Zahl schreibt unentwegt über Zahl; Wieder müssen wir den Ablauf jener Verfolgungsjagd erleben, die wirre und Widersprüche liche Jurisdiktion seines Falls, oder mitanhören, wie weiland ein Kriminalrat bei der Durchsuchung seiner Druckerei maulte „Verlassense sich druff, Ihre Druckerei kriejn wa noch kaputt“.

Das bewirkt das Gegenteil von dem, was Zahl offenbar ereichen will. Es stumpft ab. Zahl verrät seine Figuren wie seine Leser, läßt beide im Stich, zerhackt in seiner Wut Prosa in Geröll. Der Roman hat großartige Passagen, deren zärtliche Heiterkeit verblüfft – das schwebende Glück einer Schwangeren, die Panik einer dennoch fröhlichen Geburt oder die Skatrunden mit dem Ganoven-Hausfreund-Pastor. Das ist geschrieben, das hat sogar Leichtigkeit. Und wird zersiebt durch Meckerei und alberne Plakatzusätze: „Die Polizei in der Bundesrepublik Deutschland und in Westberlin ist keine Polizei, sondern eine Armee. Eine Besatzungsarmee der Reichen gegen die eingeborenen Armen, Werktätigen Diese ewigen Belehrungen im Stile von Studentenversammlungen des Jahres 1969 machen (mich) harthörig, unwillig. Das prallt ab, ist ja nur umgedrehte Werbesprache, also keine. Ein Autor mißtraut damit der Realität – und seiner Fähigkeit, mit ihr umzugehen. Wieviel schneidender sind da diese Zeilen:

„wenn allende ermordet worden ist sind ensslin baader und raspe ebenfalls ermordet worden der Wahrheitsgehalt ist der gleiche“

Das aber ist kein Gedicht von Peter-Paul Zahl – das ist ein wörtliches Zitat von Franz Josef Strauß. Warum da noch belehren? Warum das Ineinanderrühren von US-Besatzung und Benno Ohnesorg, Marighela, Mao und Mandel? Der Schriftsteller verkommt hier zum Lautsprecher.

Eines ist deutlich: Unter anderen Bedingungen – zum Beispiel in Zusammenarbeit mit einem gewissenhaften Lektorat – wäre Peter-Paul Zahl ein echter Schelmenroman geglückt. Nicht gleich ein „Ulenspiegel“, mag sein; aber eine Gaunerposse, deren Lumpenkostüm genug Verlumptes unserer Gesellschaft gezeigt hätte. Aber kann man erwarten, daß einer durch Gitterstäbe lächelt?