Von Michael Jungblut

Die Lotterie, die am 1. Oktober in vielen Orten des westafrikanischen Staates Obervolta veranstaltet wurde, war ein Glücksspiel besonderer Art, ein Spiel um Lebenschancen: Am ersten Tag nach den Ferien versammelten sich die Kinder vor den Schulen, um aus großen Töpfen kleine Zettel mit der Aufschrift „oui“ oder „non“ zu ziehen. Wer einen Treffer erwischte, darf in den nächsten sechs Jahren die Schule besuchen – zusammen mit achtzig bis hundert anderen Kindern in einer Klasse.

Viele der Jungen und Mädchen hatten die ganze Nacht vor der Schule verbracht, um den großen Augenblick nicht zu verpassen, der über ihr weiteres Schicksal entschied. Hundert Kilometer vor Bobo Dioulasso standen an diesem Tag riesige Baumaschinen verlassen am Straßenrand. Die Arbeiter hatten am Sonntag gearbeitet, um ihre Kinder am Montag zur Schule in der entfernten Bezirkshauptstadt begleiten zu können.

Doch für die meisten war alle Mühe vergebens. Selbst in Bobo, dem wirtschaftlichen Zentrum des Landes, mußten achtzig Prozent der Kinder wieder nach Hause geschickt werden. Im Landesdurchschnitt körinen sogar nur zehn Prozent aller Kinder einen Platz in der Schule bekommen. Und in Hunderten von kleineren Orten gibt es überhaupt keine Schule.

In Padema zum Beispiel. In dem Dorf mit etwa sechstausend Einwohnern im Nordwesten des Landes, bemühen sich die Eltern seit sechs Jahren um eine Schule. Da die Bezirksverwaltung aus finanziellen Gründen den versprochenen Bau immer wieder verschieben mußte, sammelten die Dorfbewohner Geld. Umgerechnet 1500 Mark wurden schließlich bei einer Bank in Bobo eingezahlt – bei einem durchschnittlichen Jahreseinkommen pro Kopf der Bevölkerung von 200 Mark eine beachtliche Summe. Die Eltern schafften außerdem Baumaterial an für den für die Schule bestimmten Platz und begannen mit der Herstellung von Lehmziegeln. Doch als dann vor einem Jahr der vorgesehene Lehrer erschien, bereitete er den hoffnungsvollen Eltern eine bittere Enttäuschung: Da er zunächst in einem Schuppen unterrichten und in einer der traditionellen Lehmhütten wohnen sollte, machte er sofort wieder kehrt.

Für die Kinder von Padema gab es daher auch in diesem Jahr nicht einmal die Chance, im Lotto einen Platz in der Schule zu gewinnen.

Sie haben auch keine große Chance, wenn sie krank werden. Medikamente sind im weiten Umkreis nicht zu bekommen. Zwar haben einige Jahre lang Sanitäter im Dorf gearbeitet. Der letzte dieser „Barfußärzte“ verließ den – Ort schon vor Jahren wieder. Nachdem er auch noch seinen persönlichen Vorrat an Arzneimitteln für Hilfe in Notfällen verbraucht hatte, konnte er für die 16 000 Menschen in dieser Region nichts mehr tun.