Ein Sohn von Alfred Döblin verklagt den Literaturwissenschaftler Robert Minder: Pornoschnüffler oder werkgerechter Interpret?

Von Fritz J. Raddatz

Ein in Literaturskandal. Was in dieser Woche vor einem Berliner Gericht verhandelt wird, ist nicht mehr bloße Farce geldschielender Erben, ist Anmaßung und Mißbrauch des Urheberrechts.

Verklagt wird, auf 20 000 Mark, Robert Minder, der grand old man der französischen Literaturwissenschaft, Autor so wichtiger Bücher wie „Dichter in der Gesellschaft“, „Kultur und Literatur in Deutschland und Frankreich“ oder „Wozu Literatur?“, Mitglied allein von vier deutschen Akademien, Professor am berühmten College de France undneben vielen anderen Auszeichnungen Träger des Hansischen Goethe-Preises sowie der Münchner Goethe-Medaille in Gold. Nun soll er ein Sensationsjournalist sein.

Minder nämlich hat in verschiedenen Aufsätzen und Artikeln Beziehungen zwischen dem Œuvre und dem Leben seines jahrzehntelangen Freundes Alfred Döblin hergestellt. Der Emigrant Döblin schrieb schon 1937 auf eine Analyse Minders an seinen Interpreten: „Es ist doch eine merkwürdige Freude für einen Autor, sich so ernst betrachtet zu sehen; man schreibt die leisen und flüchtigen Dinge hin, die einem kommen und die man gerade erwischt, man haut so oft vorbei, und nun wird es da ausgebreitet, hat einen Grund, hat Beziehung nach vorn, rechts, links, merkwürdig. Ich kann Ihnen nur für Ihren eindringenden Blick und die Vorsicht, mit der Sie mit mir umgehen, danken. Darf ich Ihnen als Autor und also von innen einiges Material zu dem Buch geben?“

Diese erste Arbeit begründete eine lebenslange Beziehung, die keineswegs sich beschränkte auf Werk und Interpretation; Minder konnte Döblins Manuskripte kurz vor dem Einmarsch der Deutschen in Paris retten, er floh mit ihm gemeinsam in einem Viehwagen aus Paris (was in Döblins Arbeit „Die. Schicksalsreise“ nachzulesen ist). Minder war einer der letzten Besucher am Sterbebett Döblins im Kurhaus Wiesneck bei Freiburg, Ostern 1957. Es war eine Männerfreundschaft, in den letzten Pariser Lebensjahren Döblins sah man sich zwei- bis dreimal in der Woche.

Gesprochen wurde nicht nur über Literatur – was Wunder. Döblin war zeitlebens ein „homme à femmes“, führte eine komplizierte Ehe, hatte Geliebte, flüchtige Affären, ein uneheliches Kind; es gab Kräche, Abtreibungen, Entlobungen, Probeehen und Probetrennungen. Robert Minder war alles in einem – Interpret und Beichtvater, Freund und Komplize, Talleyrand und Eckermann: Er schrieb – in Gegenwart Döblins – mit. Er besitzt heute noch diese unschätzbaren Notizbücher, über deren Entstehung sein Anwalt Recht schreibt: „Alfred Döblin war bekannt, daß der Beklagte Literaturwissenschaftler ist. Hätte er ihm private Confidencen gemacht, dann hätte er sicherlich einer Mitschrift des Gesprächs widersprochen.“