Blaise Pascal gehört zu den faszinierendsten Gestalten der Philosophiegeschichte. Ein religiöser Denker, der nicht nur kein Theologe ist, sondern sogar gerade durch seine beißende Kritik an den zeitgenössischen jesuitischen Moraltheologen bekannt wird, ein Mathematiker und Physiker von hohem Rang, ein Anwalt der Vernunft, der zugleich die Grenzen der menschlichen Vernunft, die "Erbärmlichkeit des Men schen" erfahren hat und daraus seine Angewiesenheit auf göttliche Gnade ableitet. Der Sechzehnjährige schon macht erste Entdeckungen auf dem Gebiet der Geometrie (Kegelschnitte). Frühbegabt und intensiv arbeitend wendet er sich auf Rat der Ärzte später dem mondänen Leben zu und studiert – gestützt auf Michel de Montaignes ‚Essais‘ und seine Erfahrungen im Umgang mit dem Chevalier de Méré, dem Ideal des honnête kommen – "den Menschen". Aber so wenig wie die Geometrie und die Physik, die ihm bedeutende Erkenntnisfortschritte verdanken, vermag ihn die Philosophie der Zeitgenossen zu befriedigen. Die Lehren Descartes’ hält er für oberflächlich und die stoische Moral Montaignes verkenne die Natur des Menschen, sei kalt und elitär. 1654 hat Pascal ein mystisches Erlebnis, das zum Ausgangspunkt für seine Hinwendung zur Religion und zum Jansenismus wird. Er vermag seine Errettung aus Lebensgefahr offenbar nur als göttlichen Eingriff zu deuten und widmet sich in den folgenden Jahren ausschließlich der "Apologie der christlichen Religion", die er infolge seines frühen Todes (er stirbt 1662, weniger als 40 Jahre alt) nicht vollenden kann. Fragmente dieses Buches sind es vor allem die, unter dem Titel "Pensées" nach seinem Tode ediert, bis heute die Erinnerung an den religiösen Denker Pascal lebendig erhalten haben.

Man muß nicht gläubiger Christ sein, um Pascals Gedanken anregend und aufregend zu finden. Kein Autor des siebzehnten Jahrhunderts ist "moderner", nüchterner und zugleich als Mensch uns näher als Pascal. Er stellt keine dogmatischen Behauptungen auf. Pascal weiß, daß seine Zeitgenossen sich nicht mehr einfach Autoritäten beugen. Sie wollen begreifen, was man sie lehrt, allein die Vernunft hat bei ihnen Kredit.

Pascal selber bleibt ein aufgeklärter naturwissenschaftlicher Denker. Über die Erde und die Sterne können nur rationale Erkenntnis und Beobachtung uns aufklären. Aber intensivere Reflexion führt uns alsbald auch auf unsere Grenzen. Dem Staunen über die Größe des denkenden Menschen steht das Erschrecken über seine Erbärmlichkeit gegenüber. Um das Christentum gegen Skeptiker zu verteidigen, die nichts von den Wahrheitsbeweisen der Theologen halten und um seine Nützlichkeit gegen die Stoiker zu begründen, die glauben ohne Religion auskommen zu können, reflektiert Pascal über "den Menschen".

"Nur ein Schilfrohr, das zerbrechlichste in der Welt, ist der Mensch, aber ein Schilfrohr, das denkt. Nicht ist es nötig, daß sich das All wappne, um ihn zu vernichten: ein Windhauch, ein Wassertropfen reichen hin, um ihn zu töten."

"Unsere ganze Würde besteht also im Denken, an ihm müssen wir uns aufrichten und nicht am Raum und an der Zeit, die wir doch nie ausschöpfen werden. Bemühen wir uns also, richtig zu denken, das ist die Grundlage der Sittlichkeit."

Während der esprit de geometrie ausreicht, um das Paradox der Größe und der winzigen Kleinheit des Menschen zu erkennen, erfaßt allein der esprit de finesse das Paradox seiner Niedrigkeit und seiner Erhabenheit. Auch als moralische Existenz ist der Mensch ein lebendiger Widerspruch. Die Selbstsucht des menschlichen Herzens ist groß; diese Sucht nach Ruhm und Anerkennung entspringt einer tiefen Unsicherheit. In unserem Inneren wissen wir wohl, daß wir kein Recht haben, uns zum Mittelpunkt aller menschlichen Beziehungen zu machen, wir ahnen unser Elend, können aber den Gedanken an es nicht aushalten. Pascal geht aber weiter und meint, daß die Menschen letztlich deshalb unglücklich seien, weil es ihnen nicht gelingt, "Tod, Elend, Unwissenheit zu überwinden". Sie seien daher "übereingekommen, nicht daran zu denken". Damit beschreibt er ziemlich genau die Haltung des honnête komme, der von unangenehmen Dingen nicht spricht und durch ein gefälliges Lächeln seinen eigenen Schmerz im Interesse der Geselligkeit verbirgt. Zugleich akzeptiert er aber auch die Resignation des Angehörigen der höheren Stände gegenüber "Elend und Unwissenheit". Denn auch wenn der Tod unbesiegbar ist, gilt das gleiche doch nicht für die beiden anderen Übel, die Pascal mit ihm verbindet.

So bedrückend erscheint Pascal aber unser je eigenes Elend, daß "uns nichts zu trösten vermag; sobald wir nur genauer darüber nachdenken". Aus diesem Grunde fliehen die Menschen vor der Einsamkeit, die sie mit ihnen selbst konfrontiert. Selbst Könige wären tief unglücklich, wenn man nicht ständig für ihre Zerstreuung sorgte.