Pascal kritisiert aber auch jene, die den Menschen ihre Zerstreuungssucht zum Vorwurf machen. Ihnen fehlt es an Einsicht in die elende Lage des Menschen. Nur das ständige, unruhige Streben läßt den Menschen ihr Leben erträglich erscheinen. Freilich erlangen sie auf diese Weise nie wirkliches Glück, aber sie vergessen wenigstens für einige Zeit ihr Elend.

"So verrinnt das ganze Leben: man sucht die Ruhe, indem man einige Schwierigkeiten, die uns hindern, überwinden will; und hat man sie überwunden, dann wird die Ruhe unerträglich ..." Was Pascal hier beschreibt, scheint noch immer für die meisten Zeitgenossen gültig zu sein. Freilich kann man sich fragen, ob es "für den Menschen schlechthin" gilt, ob denn keine kulturelle und soziale Ordnung denkbar ist, in der die Menschen allgemein anerkannt, glücklich und zufrieden wären? Für Pascal gibt es eine Ruhe der Herzen allein in Gott.

Pascal macht nicht den Versuch, Gott rational zu beweisen. Er schlägt vielmehr auf höchst nüchterne, beinahe möchte man sagen "rechenhafte" Weise vor, die Hypothese, Gott sei in Christus Mensch geworden, als wahr anzunehmen, da man bei einer solchen "Wette" fast nichts verlieren und unendlich gewinnen könne.

Gott vermögen wir nicht zu erkennen, weil wir schon die unendliche Zahl nicht erkennen können, sie ist nämlich weder eine gerade noch eine ungerade Zahl, eine solche Zahl aber kennen (und erkennen) wir nicht. Sofern wir also nicht glauben, können wir nur eine Art Berechnung darüber anstellen, ob es für uns vorteilhafter und sinnvoller ist, einen Gott (und den christlichen) anzunehmen oder nicht. Unser Einsatz besteht dabei im Risiko des Irrtums (den wir womöglich mit der Annahme der Existenz Gottes begehen), unser möglicher Gewinn aber ist "unendlich", nämlich das "ewige Leben", das die christliche Religion dem Gläubigen verheißt. Eine solche "Wette" ist vernünftig, sogar weit vernünftiger als der Einsatz im Roulette, wo man "sicher das Endliche einsetzt, um unsicher Endliches zu gewinnen". Diese berühmte Pascalsche Wette scheint mir ein wenig banal. Sie führt den Glauben ähnlich wie viel später der amerikanische Pragmatismus auf den Nutzen fürs individuelle Glück zurück. Darin zeigt sich ein eminent bürgerliches Bewußtsein. Dasselbe Bewußtsein, das Pascal im übrigen so scharf analysiert und kritisiert hat.

Was uns aber unvermindert bei Pascal anspricht, ist seine Erkenntnis, daß unter den bestehenden Verhältnissen (die er allerdings für unveränderbar zu halten schien) "Glück", das nicht auf dem Unglück anderer beruht, nur im religiösen Glauben gefunden werden kann; mit anderen Worten: Wer rechtschaffen ist, hat keine Chance, auch glücklich zu werden. In der Welt sind Lug und Betrug, Ellbogenstärke und Gewalt als Mittel zum Erfolg unentbehrlich. "Le moi est haissable", "das Ich ist hassenswert", das kann doch nur für jenes egoistische Ich gelten, das Pascal allein im Auge hatte. Aber auch wer das hassenswerte, egoistische Ich in Richtung auf ein solidarisches "Wir" (das alle Elenden und Beleidigten der Erde umfassen und auch die übrige Kreatur einbeziehen müßte) transzendieren will, wird immer wieder durch die subtilen Beobachtungen Pascals betroffen sein. Seine "Pensées" werden daher eine Anregung zu kritischer und selbstkritischer Reflexion bleiben, zumindest solange die Menschen so zusammenleben, wie sie es heute (noch?) überall tun. Das Staunen freilich über das "denkende Schilfrohr", das das All umfaßt, auch wenn es von "einem Windhauch" oder "einem Wassertropfen" getötet werden kann, wird bleiben, solange es überhaupt Menschen gibt. hing Fetscher

Blaise Pascal: "Über die Religion und über einige andere Gegenstände (Pensées)", aus dem Französischen und herausgegeben von F. Wasmuth; Verlag Lambert Schneider, Heidelberg, 1972; 588 S., 28,– DM