Von Fritz J. Raddatz

Die Schubladen waren leer, eine Stunde Null hatte nie geschlagen, und einen „Kahlschlag“ gab es nicht: Die deutsche Nachkriegsliteratur hat nicht nach dem Krieg begonnen.

Wolfgang Borchert, als Person wie als Autor gemeinhin zur Symbolfigur einer neuen deutschen Literatur nach Gas und Mord stilisiert, hatte zwar dekretiert: „Zu guter Grammatik fehlt uns die Geduld ... sag deinem Kumpel die Wahrheit, beklau ihn im Hunger, aber sag es ihm dann. Und erzähl deinen Kindern nie vom heiligen Krieg: Sag die Wahrheit, sag sie so rot, wie sie ist: voll Blut und Mündungsfeuer und Geschrei“; aber seine Sprache wie sein Weltgefühl sind keineswegs Beispiel für Traditionsbruch. Das Heimkehrerdrama „Draußen vor der Tür“ ist bis in den Aufbau, bis in kleinste Sequenzen Ernst Tollers „Hinkemann“ des Jahres 1924 nachempfunden, und im Brief an eine Freundin stellt er sich in eine sehr bezeichnende Überlieferung: „Wenn Du mal irgendwas willst, schreib es mir – ich mache Dir gern eine kleine Freude! Etwas von Rilke, Trakl, Hölderlin, Shakespeare oder ... von mir?“

Wolfdietrich Schnurre verordnet zwar 1949 den „Auszug aus dem Elfenbeinturm“: „Ästhetizismus verseucht ... er macht hochmütig, dieser Ästhetendünkel, hochmütig auf Kosten der Menschen“; aber der folgende Passus aus seiner Erzählung „Ein Leben“ ist nicht nur auf anspruchsvollste Weise überstilisiert, sondern könnte auch einen Ehrenplatz einnehmen in jeder Anthologie des Expressionismus:

„Die Nacht hatte ihr Rückenhaar gegen die Zimmerdecke gestemmt, man hörte den glasigen Pelz an den Gipstrauben kratzen, wenn sie mit ihren Kleiderschranklungen einen knarrenden Atemzug tat. Manchmal hob sie träge eines ihrer im Wind klappernden Lider, und durch den flatternden Sehschlitz blitzte, mit milchigblauem Augapfelperlmutt unterlegt, schielend die Mondpupille herein. Die Stühle animierte das sehr; gleich fingen sie an, im Takt des Schnakengeigengesumms ihre gefalzten Heuschreckenbeine zu schwingen und, um die mürrisch über ihr Treibrad gekauerte Nähmaschine herum, steif einen streng abgezirkelten Schreittanz zu zelebrieren.

Oft kam auch, baldrianduftend und ächzend die Kupferknopffaust vor die klirrenden Eingeweide gepreßt, auf seinen abgeblätterten Geißenhufen das Nachttischchen angestöckelt und gab einem teelöffelweis Traum Ingredienzen zu essen: Fledermausflügeloblaten, Spinnenbeinsirup, Katzenlakritze.“

Alfred Andersch summiert zwar 1947 in seinem Aufsatz „Deutsche Literatur in der Entscheidung“: „Die Verachtung aller überkommenen formalen Gesetze ist jedenfalls groß“; aber im Ruf, der von ihm und Hans Werner Richter geleiteten Zeitschrift, über deren Autoren es noch in einem Nachdruck des Jahres 1962 heißt: „Ihre Sprache war nüchtern, ihre Aussage klar und kompromißlos“, benutzt Andersch durchaus die Metaphernsprache der jüngsten Vergangenheit:

„Und allmählich dämmert unter der Totenmaske der nationalen Machtansprüche das wahre Gesicht der Völker herauf. Nirgend stärker als in Deutschland, wo die Maske nicht langsam abgenommen wird, sondern klirrend zerspringt, unter den Hammerschlägen eines tragischen Geschicks.“

Das Material war neu. Das Erlebnis, das es zu gestalten galt, war ganz unmittelbar. Doch die Methoden waren vermittelt. Im Gegensatz zum herkömmlichen Klischee vom gänzlichen Neubeginn gibt eine neuerliche Lektüre der Texte eben den nicht preis. Urs Widmer hat in einer Analyse des Ruf auf spektakuläre Weise nachgewiesen, daß die siebzehn Hefte, die vom 15. August 1946 bis 1. April 1947 erschienen, sich zwar im Untertitel „Unabhängige Blätter der jungen Generation“ nannten, daß die Sprache aber weder „unabhängig“ noch „jung“ war. Vielmehr findet sich in fast allen Artikeln das

Vokabular von „ehern“ und „Garant“, von „auslöschen“, „ausmerzen“ und „fanatisch“, von „Fanal“, „gigantisch“ und „heldischem Haß“ – der jetzt dem „entarteten Nationalsozialismus“ gilt. Die Gedanken waren frisch – die Worte alt. Es gibt da Zusammenhänge.

Die These lautete bisher: Die deutsche Literatur war emigriert (oder ermordet). Die Namen sind bekannt, die Schicksale, die Titel der Bücher auch, die Goebbels’ symbolischer Scheiterhaufen verschlang. Was Alfred Andersch in dem erwähnten Aufsatz als unumstößliche Tatsache hinstellte, war und ist allgemein akzeptiert:

„Denn deutsche Literatur, soweit sie den Namen einer Literatur noch behaupten kann, war identisch mit Emigration, mit Distanz, mit Ferne von der Diktatur. Das muß einmal ausgesprochen und festgehalten werden, daß jede Dichtung, die unter der Herrschaft des Nationalsozialismus ans Licht kam, Gegnerschaft gegen ihn bedeutete, sofern sie nur Dichtung war.“

Diese These aber ist falsch.

Es gab eine große Zahl nicht-nazistischer deutscher Schriftsteller, die im Lande geblieben war, und die auch publizierte. Jüngere Literaturforscher wie Hans Dieter Schäfer beginnen da, Licht in ein merkwürdiges Dunkel zu bringen: Weder hat Peter Huchel zwölf Jahre nichts veröffentlicht, noch war Wolf gang Koeppen emigriert. Von Huchel, der Mitglied der Reichsschrifttumskammer war, gibt es mehr als ein Dutzend Hörspiele, er schrieb das Drehbuch zu Käutners „Unter den Brücken“; Koeppen publizierte 1935 den Roman „Die Mauer schwankt“, dessen zweite Auflage 1938 den heroisierten Titel „Die Pflicht“ trug – bei Kriegsausbruch meldete er sich aus Holland zurück bei seiner Musterungsbehörde. Das Thema ist heikel. Der Reinlichkeit halber soll es geteilt werden – in einen subjektiven, emotional-aggressiven (also: leicht kritisierbaren) und einen objektiven, wissenschaftlich-analysierenden (also: auch leicht kritisierbaren) Bereich.

Zum einen, gleichsam als Vorspann, sei aus jenem „Brief an junge Deutsche“ zitiert, den Hermann Hesse im Frühjahr 1946 an Luise Rinser richtete, rigoroseste Verachtung für all jene „Mitläufer“:

„Nichts habe er verhindern, nichts gegen Hitler tun können, denn das wäre Wahnsinn gewesen, es hätte ihm Brot und Freiheit gekostet, und am Ende noch das Leben. Ich könnte nur antworten: die Verwüstung von Polen und Rußland, das Belagern und dann das irrsinnige Halten von Stalingrad bis zum Ende sei vermutlich auch nicht ganz ungefährlich gewesen, und doch hätten die deutschen Soldaten es mit Hingabe getan. Es sind aber viele dieser Bekenner jahrelang Mitglieder der Partei gewesen. Jetzt erzählen sie ausführlich, daß sie in all diesen Jahren stets mit einem Fuß im Konzentrationslager gewesen seien, und ich muß ihnen antworten, daß ich nur jene Hitlergegner ganz ernst nehmen könne, die mit beiden Füßen in jenen Lagern waren, nicht mit dem einen im Lager, mit dem anderen in der Partei...“

Da bietet sich leider auch die Frage nach Hasses eigenem Verleger an. Ob nämlich so ausschließlich nobel, widerständig und lediglich einer, literarischen Kultur gewidmet die Aktivitäten auch eines Peter Suhrkamp waren – die Zeit wäre gekommen, diese Frage einmal nicht als unerlaubt abzutun. Suhrkamp hat Hitler-Oden in Auftrag gegeben und gedruckt:

„Dies nenn ich ein Geschenk der Götter: Wenn sich ein ganzes Volk verbündet, Ein Halb Jahrhundert festlich zu begehen, Was sich aus Glück und Neid zur Größe zündet. / So sah’n wir staunend vor uns selbst entstehen / Und grüßen’s heut erschüttert als den Retter.“

Und Suhrkamp hat allzu nonkonforme Texte abgewiesen oder konform umarbeiten lassen, hat Artikel über die „treulosen, diebischen, verschlagenen“ Engländer aufgenommen, so, wie Karl Korn die „Heimkehr“ Österreichs ins Reich emphatisch gefeiert, hat. Gewiß, alles um das Blatt zu retten; doch es muß legitim sein, zu fragen, warum das, für diesen Preis – also um fast jeden Preis – eigentlich gerettet werden mußte. Man muß sich immerhin vorstellen, was zur selben Zeit geschah, zu der – verkrochen in diese „Zeit“ ignorierende Unberührbarkeit – Wolfgang Staudte muntere Filme drehte, Max Bense eine Einführung in das Werk Kierkegaards abfaßte oder die Verleger Stomps und Rowohlt sich im Vorkriegs-Berlin bei Jazzmusik mit Horst Lange und Günter Eich am Kurfürstendamm trafen. Carl von Ossietzky war da schon halb totgeprügelt.

„Die Novelle lebt“, rief 1937 Sebastian Haffner in der „Dame“. Erich Mühsam war tot.

Selbst Hans Dieter Schäfer schreibt in einem Aufsatz über die „nicht faschistische Literatur der jungen Generation“, nachdem er auf Peter Hüchels vierzehn Hörspiele und diverse Gedichtpublikationen im Dritten Reich eingegangen ist, offenbar ganz unbeteiligt diesen Satz: „Etwa ein Jahr später, nachdem Hüchels Gedicht erschienen war, wurde Paul Celan in Czernowitz von der SS verhaftet und in das Arbeitslager Buzau verschleppt.“ Man könnte noch sehr viel Namen anfügen – Ernst Kreuder und Johannes Bobrowski, Gerd Gaiser und Hans Egon Holthusen, Karl Krolow und Hans Erich Nossak; Max Frischs erste Prosabände erschienen 1934 und 1937 in Deutschland. Karl Korn edierte und Friedrich Luft feuilletonierte. Es bleibt ein Rest. Vielleicht ist es überzogen pharisäisch. Aber ich möchte dauernd fragen: Pardon, wie war das eigentlich damals? Man trank gewiß auch mal Champagner, man ging aus, flirtete, – kein Mensch ist je dauernd bedrückt; man gab wohl auch Parties, hatte gar elegante Häuser. Aber da fehlten doch ein paar Kollegen? Die früher dabei waren?

Erich Kästner saß beim Whisky, machte Filme, lebte auch im Hellen angenehm – wo war sein Entdecker, Förderer? Der lag unter einer Granitplatte in Schweden, er hatte den „Wendriner unter der Diktatur“ geschrieben und auch, daß er jeden, aber auch jeden verachtete, der „das da“ mitmache, sich arrangiere, der genauso handele, wie Felix Hartlaub es beschrieb: „Man leistete sich kleine Nadelstiche gegen das System, flaggte nicht, weigerte sich, Spenden fürs Winterhilfswerk zu geben oder hörte ausländische Sender und gab ab und zu einem Juden auf der Straße die Hand.“

Dazu war ja nun bald nicht mehr allzuviel Gelegenheit. Aber Gedichte schrieb man weiter? Muß man eigentlich Gedichte schreiben? Wer da zweifelt, der darf gebeten werden, Thomas Manns Reaktionen nachzulesen auf den weinerlich-fordernden Artikel von Frank Thiess: „Die innere Emigration“; die da Deutschland „die Treue gehalten und es im Unglück nicht im Stich gelassen, sein Schicksal redlich geteilt hatten“, die höhnte der große Romancier mit allem Recht: „Sie hätten es redlich geteilt, auch wenn Hitler gesiegt hätte.“

Dies mein subjektiver Aspekt. Es gibt aber auch den objektiven. Wenn nämlich Johannes Bobrowski im „Inneren Reich“ publizieren konnte, dann muß das auch mit seiner Literatur zu tun haben; wenn Günter Eich Mitglied der NSDAP war und nach seinem Austritt freiwillige Beiträge an die SS entrichtete, dann muß irgendwo eine innere Möglichkeit zur Übereinstimmung vorhanden gewesen sein; man bezahlt nicht, was man haßt.

Der Reichsrundfunk sendet auch nicht fünfzehn Hörspiele, der „Deutsche Kalender“ nimmt auch nicht siebzig Folgen ab, wenn das anstößig gewesen wäre. Dann ist offenbar eine literarische Produktion möglich, die auch mühelos über das Kriegsende rettbar und „beerbbar“ ist. Das folgende Zitat aus einem Aufsatz drei Monate vor Hitlers „Machtübernahme“ mag verdeutlichen, was gemeint ist:

„Eine Entscheidung für die Zeit, d. h. also für Teilerscheinung der Zeit, interessiert den Lyriker als Lyriker überhaupt nicht. (Was nicht ausschließt, daß er als Privatmann sich z. B. zu einer politischen Partei bekennt). Der Lyriker entscheidet sich für nichts, ihn interessiert nur sein Ich, er schafft keine Du- und Er-Welt wie der Epiker und der Dramatiker, für ihn existiert nur das gemeinschaftslose vereinzelte Ich. Und gerade weil er sich für nichts entscheidet, fängt er die Zeit als Ganzes in sich auf und läßt sie im ungetrübten Spiegel seines Ichs wieder sichtbar werden. Denn die Wandlungen des Ichs sind das Wesentliche einer Zeit. Zwar können sie nicht abgelesen werden wie aus einer Zeitung, aber wer Gedichte zu lesen versteht (was kaum zu erlernen ist), der wird auch das in ihnen spüren. So wie wir heute Eichendorff oder Mörike als Ausdruck ihrer Zeit empfinden (ohne daß sie die jeweils neuesten Zeitvokabeln benutzten), ebenso kann sich in einem heutigen, ganz privaten Gedicht für! Spätere unsere Zeit unverkennbar ausdrücken.“

Das ist nicht – aber es könnte sein: von Benn; das ist nicht – aber es könnte sein: von Huchel; das ist von Günter Eich. Dieser Haltung verdanken wir seine schönsten, versponnensten, ins Gedächtnis eingesunkenen Gedichte: „Träume“ heißt die Sammlung, dem Folgendes entstammt:

Fränkisch-tibetischer Kirschgarten

Gebet im Ohr der Stare

aus den Zellen der Klosterstadt,

über den Kirschenhängen

die Aderung im Blatt,

mit Rost- und Regenzeichen

geschrieben auf flatterndes Gras,

was von zerfransten Bändern

zornig der Paßwind las,

von einem Wolkenschatten

in die Kirschenhaut geprägt,

ein Rauschen, das die Schnecke

in ihrem Hause trägt,

das vom Boden des Kessels

aufsteigt, eine Welle im Tee,

über den Pilgerzelten

gehißt als Fahne von Schnee.

Doch der Titel des Bandes zeigt eine ungebrochene Tradition. Zwar ruft Eich in einprägsamen Sätzen zum Störrischen auf – „tut das Unnütze, singt die Lieder, die man aus eurem Munde nicht erwartet! / Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!“ – aber seine Poesie ist sänftigend. Noch galt das Gedicht als „Blume des Herzens“, wie es 1946 in einer literarischer. Umfrage hieß, noch schien der „Stern über der Lichtung“, wie sich eine Gedichtsammlung Carossas nannte. Es wurde weitergedichtet, obzwar alles in Trümmer fiel: „Der hohe Sommer“ oder „Das Weinberghaus“, „Alten Mannes Sommer’ oder „Abendfalter“ – so hießen die ersten Gedichtbände nach dem Krieg. Oda Schäfer freute sich 1945 des Öffentlichkeitsverdrusses: „Nach all dem Schreien; Singen, Marschieren, dem panikerregenden Heulen der Sirenen ist nun Stille eingetreten. Es überrascht mich, daß die Jugend diese Stille zu hören versteht und daß sie danach verlangt, daß sie nach der größten Konzentration der Stille verlangt: nach dem Gedicht.“ Tatsächlich dauerte es, bis sich gegen all diese „Blumen-ABC’s“, Perlenschnüre und Geißblattlauben eine Ausnüchterung durchsetzte; denn Jahre hindurch hatte sich Literatur in die Zierlichkeit geflüchtet. Das Ergebnis ist eine sonderbare Ungleichzeitigkeit, eine vielfache Überschneidung.

Der 32jährige Stephan Hermlin, soeben aus der Emigration zurückgekehrt, fragt im Oktober 1947 auch verwundert

– „Wo bleibt die junge Dichtung?“:

„Das Unvermögen, die jüngste Vergangenheit und die Gegenwart dichterisch zu gestalten, hat wahrscheinlich viel mit der Tatsache zu tun, daß der Faschismus und sein Krieg bei uns fast durchweg erduldet, ja geduldet, aber nicht bekämpft wurde. Ich sage ‚fast durchweg’, nicht ,immer‘. Diesen Umstand näher zu betrachten, ist nicht meine Aufgabe. Mir scheint aber erwiesen zu sein, daß die höchst lebendige, höchst charakteristische zeitgenössische Literatur in einigen anderen Ländern mit der aktiven und militanten Haltung der betreffenden Schriftsteller im Zusammenhang steht. Man hat über die Widerstandsliteratur bei uns schon eine Unmasse gesagt und geschrieben. Unsere zeitgenössische nichtfaschistische Literatur, unsere lyrische Dichtung im besonderen, trägt dagegen den Stempel des Troglodytenhaften, sie ist eine Dichtung von Höhlenbewohnern, wie ein junger Dichter bezeichnenderweise eines seiner Gedichte nannte. Daraus ergibt sich formal der Zug zum Konservativen, zum Statischen, zum Rückwärtsgewandten. Was den geistigen Gehalt angeht, scheut man das Direkte, das Konkrete, man flüchtet in die Metaphysik und nennt die Totschläger am liebsten Dämonen. Aus Widerwillen vor dem Marschieren stelzt man. Es ist an der Zeit, gehen zu lernen.“

Mit dieser Enthaltsamkeit sollte gebrochen werden. Nur: es blieb eher bei der Proklamation. Im legendären Ruf schrieb Gustav René Hocke im November 1946: „Angesichts des Leids korrigiert die Schönheit ihre Proportionen.“ Eine Anthologie solcher Kern-Sätze ließe sich mühelos zusammenstellen, von Wolfgang Borchert „Wir brauchen keine wohltemperierten Klaviere mehr. Wir sind selbst zuviel Dissonanz“ bis zu Schnurre „Zerschlagt eure Lieder / verbrennt eure Verse / sagt nackt / was ihr müßt“. Urs Widmer kann sich auch einen gewissen Spott nicht versagen: „An einer Seite Prosa wie an einer Bildsäule arbeiten, sagte Nietzsche. Die Ruf-Autoren schnitten ihre Prosa-Säulen eher in Schaumgummi“; und gar so dissonant klingt auch vieles von Borchert nicht:

„Wassersüchtige Menschenwracks, todsehnende Lebendige, wellenvertraute, wellenverliebte Wasserleichen voll Abschied und Endgültigkeit mit einsamem Blechschrei schmalflügeliger Lachmöwen: Lustvolle leidvolle Elbe! Lustvolles leidvolles Leben!“ –

Nun gilt Günter Eichs schon im Titel tabula rasa machendes Gedicht „Inventur“ als radikaler Neubeginn, als Inbegriff der Kahlschlagliteratur; erschienen ist es zuerst in der Sammlung von Gedichten deutscher Kriegsgefangener „Deine Söhne, Europa“, die Hans Werner Richter in der Nymphenburger Verlagsbuchhandlung herausgab:

Inventur

„Dies ist meine Mütze,

dies ist mein Mantel,

hier mein Rasierzeug

im Beutel aus Leinen.

Konservenbüchse:

Mein Teller, mein Becher,

ich hab in das Weißblech

den Namen geritzt

Dies ist mein Notizbuch,

dies ist meine Zeltbahn,

dies ist mein Handtuch

dies ist mein Zwirn.“

Und Walter Höllerer hat als Randnotiz in dem von ihm herausgegebenen Lyrikbuch der Jahrhundertmitte „Transit“ daneben vermerkt: „Die Dinge beschränken sich auf das wesentliche. Sie werden arm, um deutlicher zu werden. Augenblick und Einzelding gehören Zusammen.“ Das aber hätte auch Friedrich Pfemfert schon 1916 notieren können: in dem von ihm herausgegebenen Band „Aktionslyrik II“, neben Richard Weines Gedicht „Jean Baptist Chardin“, das dessen Stilleben lautmalt:

„Dies ist mein Tisch / Dies ist mein Hausschuh / Dies ist mein Glas / Dies ist mein Kännchen...“

Der Neubeginn hatte nicht stattgefunden. Nicht so. Nicht jetzt. Einer der Autoren, der mit dem Begriff Nachkriegsliteratur nahezu automatisch assoziiert wird, Heinrich Böll, sagt das unverblümt. In einem langen Gespräch mit dem französischen Publizisten René Wintzen kommt er zu dem Schluß, daß allenfalls das Material-Angebot der Kriegs- und Nachkriegszeit sich unterschiede, die Literatur selber nicht. Bölls hypothetische Erörterung, ob seine Bücher strukturell genauso wären – die Figuren nur anders „verkleidet“ –, wenn es nie einen Hitler, nie einen Krieg gegeben hätte, endet in dem frappanten Satz: „Ich bin ganz sicher, daß ich ‚Und sagte kein einziges Wort‘ ohne Krieg und Nazis fast genauso geschrieben hätte... ich glaube nicht, daß dieser Roman bis auf ein paar zeitgeschichtliche Details anders ausgefallen wäre.“ Böll proklamiert sich geradezu zu einem unpolitischen Autor („Es gibt ja Autoren, deren Einstieg in die Autorschaft unmittelbar politisch ist. Meiner war es nicht.“).

Hier liegt der Knick. Hier ist der Sprung nach vorn. Hier beginnt die Entwicklung, das Neue. Erst als ein Nachkriegsdeutschland sich zu formieren begann, entstand auch eine . eigenständige Nachkriegsliteratur. Sie reagiert auf das Neue, nicht das Alte – und sie reagiert auf das Alte im Neuen; insofern ist sie von Beginn an politisch:

„Die Deutschen haben ihre Geschichte, ich will gar nicht sagen Schuld, sich nie klargemacht, und damit fing das an, was Sie Engagement nennen, ja, da wurden wir plötzlich wach und dachten, um Gottes willen, was kann daraus werden. Mit der Wiederaufrüstung kamen ja auch alte Nazi-Offiziere, da kamen die Industriellen wieder aus ihren Internierungsecken oder ihren stillen Ecken, da wurde die Sache schon sehr deutlich.“ Das sagt Böll im selben Gespräch.

Die deutschen Schriftsteller nahmen von der ersten Stunde an aktiven Anteil an der Gestaltung eines neuen Deutschland. Ja – eines. Die Vorstellungen über ein neues Deutschland waren vage bis romantisch. Doch wie kühn oder zaghaft auch spekuliert wurde – eine Ebene der Vorstellung wurde nie verlassen: ein deutscher Staat, eine deutsche Literatur. Hans Werner Richter erinnert sich an eine Tagung in Tremsbüttel, auf der sich Schleswig-Holsteins Ministerpräsident zum „Reichskanzler“ küren lassen wollte: „Wir waren alle davon überzeugt, daß es über kurz oder lang wieder einen deutschen Reichstag; eine deutsche Reichsregierung und einen deutschen Reichskanzler geben würde. Keiner der Teilnehmer, von Hallstein über Bucerius bis Kuby, zweifelten an einer solchen Entwicklung.“ Diese heute bizarr wirkende, damals eher selbstverständliche Welt spiegelt sich bis hinein in die Zusammensetzung einer Redaktion. Man muß noch einmal – diesmal aus einer autobiographischen Skizze von Alfred Andersch – zitieren, um das Verquere als das ganz Normale zu begreifen:

„An Major H. habe ich nur eine undeutliche Erinnerung, denn er wurde schon wenige. Wochen später von seinem Posten entfernt und von einem anderen amerikanischen Major, Hans Wallenberg, abgelöst. H. war ein glänzend freundlicher und amüsant eitler Mann; es war unterhaltend, ihm zuzusehen wann er, stets gleitet von seiner damaligen Favoritin einerdeutschen Dame, die immer geltende Schleier-Kleidung trug – jedenfalls, kommt es mir nachträglich so vor, als stets ein Wehen wie von Voile-Gardinen um sie gewesen –, durch die Redaktionsräume schritt, in denen bis vor kurzem noch der Völkische Beobachter gemacht worden war. Schritt ist der richtige Ausdruck. Er war ein großer Mann mit etwas hervortretenden Augen, von femininer Schönheit, eigentlich war er eine Frau, der Ruf eines erfolgreichen Ladykillers hing um ihn wie der Duft eines Gesellschaftsberichts aus Budapest im Neuen • Wiener Journal.“

Die Leser haben das kleine Literaturquiz vermutlich schon aufgelöst – die Rede ist von Hans Habe, dessen Feuilletonchef Erich Kästner war, dessen Assistent Alfred Andersch war. Doch blieb es nicht immer bei Damen-Schleiern; die ideologischen Nebel begannen zu wallen.

Die Radikalität war abgeschwächt. Angst vor Kommunisten, mehr noch: Angst davor, als Kommunist zu gelten, ließ vieles ungeschrieben; also ungedacht. Nicht nur durchkämmten McCarthy-Beamte die Amerika-Häuser nach Büchern von Dreiser, Steinbeck oder Dos Passos, verhinderten Aufführungen von Arthur-Miller-Dramen. Der Wirrwarr herrschte bei den Exekutoren der Re-education so gut wie bei den Umerzogenen. Gustav René Hocke erinnert sich an das Durcheinander im Ruf:

„Doch hatte ich es, von amerikanischer wie von deutscher Seite, auch mit reaktionären Tendenzen von extrem links wie von extrem rechts zu tun. Linksextremistische amerikanische Offiziere aus der sogenannten Freiheits-Fabrik von Fort Getty empfahlen mir, Kommunisten unter den deutschen Kriegsgefangenen für eine zukünftige Demokratie als besonders zuverlässig zu bezeichnen. Ein hoher Beamter des State Department hingegen regte uns dazu an, auf die Worte ‚Antinazi‘ oder ‚Antifaschist‘ zu verzichten, um dem Verdacht zu entgehen, wir seien Kommunisten.“

Die Geste der politischen Denunziation fand Eingang in die Literaturkritik. Klaus Harpprechts Rezension des „Treibhaus“ Von Wolfgang Koeppen, dem er „dürftiges Hochstaplertum“ bescheinigt, zieht die Summe: „Herr Koeppen ist Antifaschist. Er ist vermutlich auch Antikommunist:“ Das war zu jener Zeit ein kompliziertes „vermutlich“.

Von dieser Literatur-Situation der ersten Stunde wollen gar manche heute nicht mehr berichten. „Falsdie“ Allianzen oder auch allzu „richtige“ werden oft so keusch kaschiert wie sogar Teile der literarischen Produktion. Ein Aufsatz von Gustav Zürcher („Welche Hoffnung – wenn es so beginnt“ / Politische Lyrik aus den Nachkriegsjahren) gibt frappante Beispiele für die Enthaltsamkeit gegenüber der einstigen Radikalität: „Man schweigt, worüber sich angeblich nicht reden läßt, und verschweigt und vergißt, was man seinerzeit geschrieben hat.“ So mochte Eich zwanzig Jahre lang die „Abgelegenen Gehöfte“ nicht wieder gedruckt sehen, Weyrauch nahm in den Sammelband von | 1972 „Mit dem Kopf durch die Wand“ nur ein Gedicht dieser Zeit auf, und Schnurres wütende Erstlingsgedichte sind verschollen. In dieser Wirrnis aus Gemeinsamkeit und stehendem Zwist ist ein Datum des Jahres 1947 ein erinnerungswerter Haltepunkt. Nein, die Rede geht nicht von der ominösen Gründung der Gruppe 47 – die Rede geht vom ersten (und letzten) gesamtdeutschen Schriftstellerkongreß, der vom 4. bis 8. Oktober 1947 in Ost-Berlin stattfand, in den Kammerspielen des Deutschen Theaters (an dem Gustaf Gründgens den „Ödipus“ gab).

A wie Heinrich Anacker – daß die Gästeliste des Empfangsabends mit dem Namen des Nazi-Barden begann, war mehr als nur ein makaberwitziger Einfall irgendeines Teilnehmers. Der deutsche Faschismus geisterte durch alle vierzehn Referate und prägte die drei Manifeste – deren erstes eine heraufziehende Gefahr beschwor, das was Peter Rühmkorf Jahrzehnte später den „Trennungsschaden, das Spaltungsirresein“ nennt: „Ja, es mehren sich in manchen Bezirken die Stimmen, die ein Auseinanderfallen, eine Aufspaltung Deutschlands für unabwendbar annehmen und sich mit ihr abfinden wollen.“ Dieses Gespenst ging um, von Ricarda Huchs Eingangsworten in ihrem Begrüßungsreferat, in dem die aus Jena nach Berlin gekommene dreiundachtzigjährige Ehrenpräsidentin das „ganze einige Deutschland“ beschwor, bis zu Axel Eggebrechts Schlußwort, das sich nach dem 17. Juni 1953, nach Budapest und Prag wie eine schwarze Prophetie liest:

„Unser Freund Wolfgang Harich hat auseinandergesetzt, daß die Anwendung von Gewalt unter Umständen gerechtfertigt, ja notwendig sei. Hat Harich vergessen, daß eine der großen historischen Entscheidungen unserer Tage wesentlich durch aktive Enthaltung von der Gewalt erreicht wurde: die Befreiung Indiens nämlich?“

In gewisser Weise wurde der Kongreß von Frauen geprägt: An Anna Seghers großangelegte Rede über geistige Freiheit schloß sich eine schneidende Abrechnung der Elisabeth Langgässer:

„Es ist nicht von ungefähr, daß es heute kaum einen Schriftsteller gibt, der sich nicht als mehr oder weniger geschundenes Opfer der Hitler-Zeit empfindet oder sich wenigstens von seinem Verleger widerspruchslos als ein solches bezeichnen läßt. Verzeihen Sie mir: diese Worte klingen sehr hart, aber sie sollen ja nur einer Gewissenserforschung dienen und eine Art von Beichtspiegel sein, in den jeder von uns um so ehrlicher und furchtloser blicken sollte, je mehr er sich dem Spiel der sechs Bälle hingegeben hat. Sie kennen dieses Spiel: ‚Ja‘, sagt Herr X., ‚wenn Herr Goebbels nicht so dumm und die Herren des Propagandaministeriums nicht so verblendet gewesen wären, hätten sie natürlich merken müssen, was ich eigentlich mit dieser oder jener Figur gemeint habe. Übrigens hat man mir natürlich auch immer weniger über den Weg getraut, man hat mich sehr scharf beobachtet, eigentlich war ich ganz unerwünscht, denn ‚eigentlich‘ ist meine ganze Dichtung nur eine Ablehnung ihrer Weltanschauung gewesen, gerade weil ich mich anscheinend ihrer Ausdrücke bedient habe, und ,eigentlich‘ ist es mein Glück gewesen, daß nachher alles drüber und drunter ging, sonst – usw., usw. Ich sage noch einmal, verzeihen Sie mir! Es ist eine große, eineunverdiente Gnade gewesen, wenn Gott einem Menschen den Arm festgehalten hätte; nüchtender ausgedrückt: wenn er es fügte, daß er auf Grund unqualifizierbarer Vorfahren oder irgendeiner Temperamentsäußerung, über die er selber hinterher erstaunt war, beizeiten aus der sogenannten Reichsschrifttumskammer herausgeworfen wurde, bevor er noch in die Versuchung kam, mit diesem Gesindel einen Pakt zu schließen, von welchem der 25. Psalm sagt: ‚An ihrer Hand klebt Freveltat, gefüllt ist ihre Rechte mit Geschenken.‘“

Es trat aber auch der amerikanische Korrespondent Melvin Lasky auf, dessen temperamentvolle Warnung vor Zensur und Parteidoktrin zu lebhaften Protesten, schließlich zum Auszug der sowjetischen Delegation und einiger deutscher Kollegen führte.

Der alte Krieg war noch nicht kalt, da begann der neue, kalte. Kaum Atem geschöpft, fanden sich die deutschen Schriftsteller abermals in Atemnot. Als Wolf gang Weyrauch dann 1949 – in diesem Jahr entstand der Begriff überhaupt erst! – im Nachwort zu der Anthologie „1000 Gramm“ das so legendenträchtige Wort vom Kahlschlag prägte, war das fast schon eine historische Definition. Neueste deutsche Literaturgeschichte – das heißt, wenn man Peter Rühmkorfs Wort von der „Dichtung als einem Gedächtnis der Geschichte“ ernst nimmt, auch von heute und hier aus fragen: Wie früh eigentlich begann der Absturz nach dem Aufbruch? Wie bald begann Resignation, gar Erbitternis? Wie rasch hörte das Gespräch auf – das zwischen den Autoren „hüben und drüben“ (bei der Gruppe 47 war fast nie ein DDR-Autor zu Gast), das zwischen hüben und hüben aber auch. Geschichte – auch Literaturgeschichte – ist keine Kette von Naturkatastrophen, und wenn man sich heute, Ende der siebziger Jahre, fragt, wie kam es dazu, zu Ulrike Meinhof und Berufsverbot und „neuer Innerlichkeit“, dann ist zu sagen: Es begann sehr früh, es war alles zu frühester Stunde angelegt.

Wolfgang Bächler ist einer der „Zeugen der ersten Stunde“:

„Es war die Zeit der überfüllten, fensterlosen Hörsäle, der geborstenen Fassaden, der häßlichen kalten Buden und der heißen Diskussionen und schönen Illusionen, die Zeit, in der wir zwar nicht die Welt, aber Deutschland verändern wollten. Es waren die Jahre der kleinen Fettrationen und der großen neuen Theater- und Kunsteindrücke, der vielen Zeitschriften und meiner literarischen und publizistischen Anfangserfolge. Doch nun wurde Deutschland in zwei ungleiche feindliche Hälften geteilt, von denen keine unsere Ideale verwirklichte.“

Nun bleibt das nicht Skizze. Es frißt sich ein in den Leib der Literatur. Und die reagiert seismographisch empfindlich; Hoffnung zersiebt. Wenn Bächler 1943 noch schreiben konnte: „In tausend leeren Fratzen hing der Spott. / Und Gott? – Wir hoffen, daß er aufersteht“, dann heißt das eben zehn Jahre später:

Gott sitzt rudernd

auf den Ästen,

ißt die Kirschen,

spielt mit Kernen,

läßt sich treiben,

hat die Welt vergessen.

Das Metaphernmaterial seiner Sprache gefriert: kalt, schneidend, entblößt, verletzt, fröstelnd, verschlossen, zerfetzt sind die Verbalkonstruktionen eines einzigen Gedichts, das so endet:

Auf dem Platz der Freiheit

springt die Fontäne

nicht mehr.

Im Brunnengrund atmet

der Himmel noch einmal,

bevor er zu Eis wird,

Figur und Blume.

Das von Bächler später in einem Gedicht und in einer autobiographischen Skizze festgehaltene, verblüffende Dictum ausgerechnet von Georg Lukacs: „Sie müssen keine Sekundärliteratur lesen ... Es gibt seit Schlegels ‚Meister’-Kritik über Goethe nichts Lesenswertes, nichts, das Sie lesen müßten“, kann man gut auf die fünfziger Jahre anwenden: Es genügt, die Originaltexte zu lesen; sie ergeben ein finsteres deutsches Leser buch. Der geistabweisende Hohn Konrad Adenauers schuf zwei Lager. Auf die tiefernste Besorgnis der achtzehn Göttinger Wissenschaftler angesichts der atomaren Bewaffnung (Deutschlands Elite, von Max Born bis Carl Friedrich von Weizsäcker, Otto Hahn bis Werner Heisenberg, war auf diesem Papier versammelt) hatte er nur diese bigotte Dünnlippigkeit: „Zur Beurteilung dieser Erklärung muß man Kenntnisse haben, die diese Herren nicht besitzen. Denn sie sind nicht zu mir gekommen.“ Da mußte man nicht zänkisch wie Kurt Hiller sein, um zu giften, „...daß eine dem wahren Interesse des Vaterlands fortgeseszt abträglich handelnde arrogante Null wie Sie raschestens von der politischen Bildfläche verschwinde“. bnu nenniwst Einen Tag vor dem 24. Jahrestag der Bücherverbrennung, am 9. Mai 1957, verzeichnet das Protokoll der Haushaltsdebatte des deutschen Bundestages diese dem Tag wohl eher auf verquere Weise Rechnung tragende Antwort des deutschen Außenministers Heinrich von Brentano auf eine Anfrage des SPD-Abgeordneten Kahn-Ackermann: „Sie waren der Meinung, daß Bert Brecht einer der größten Dramatiker der Gegenwart sei. Man mag darüber diskutieren. Aber ich bin wohl der Meinung, daß die späte Lyrik des Herrn Brecht nur mit der Horst Wessels zu, vergleichen ist.“ Geschichte ist auch Gegenwart – da ist ein Kontinuum, von diesem kennerisch taktvollen Vergleich zu Erhards „Pinschern“ zu Strauß’ „Ratten und Schmeißfliegen“ zu Prof. Carstens Merk-Satz: „Ich fordere die ganze Bevölkerung auf, sich von der Terror-Tätigkeit zu distanzieren, insbesondere auch den Dichter Heinrich Böll, der noch vor wenigen Monaten unter, dem Pseudonym Katharina Blüm ein Buch geschrieben hat, das eine Rechtfertigung des Terrorismus darstellt.“

Darauf reagiert Literatur. Dieses Verhältnis, das ein Mißverhältnis zu nennen Beschönigung wäre, des deutschen Staates zu seinen Schriftstellern richtete allerlei an. Man mache sich nichts vor: bis in den zerbrechlichen Bau von Gedichten. Metaphern von Ersticken und von Spinnweb etwa sind überall zu finden:

Die Spinnennetze sinken

rauchgrau in die Schleifen

des Fischreiherflugs.

Ich werfe Astern hinein.

Eulen fangen sie auf

mit stäubenden Flügeln.

Ich werfe Muscheln hinein.

Eulen hacken sie auf mit schartigen Schnäbeln.

Ich werfe mein Herz hinein.

Eulen schlagen es auf

mit blutigen Krallen

Spinnweb wohl nicht nur wie in diesem Bachler-Gedicht als erstickender Grauschleier, Spinnweb sehr früh schon als Begriff bedrohlicher Beobachtung; der Manifest-Charakter der Literatur dieser Zeit erklärt sich aus diesem Gefühl, wachsender Gefahr bedroht zu sein.

Es ist natürlich ein sehr bewußter Vorgang, wenn Alfred Andersch seine Wiederentdeckung Thomas Manns, dem von links wie rechts Geschmähten, als „dem Politiker“ widmet und in seiner Studie auf heute bestürzende Weise prophetisch das Schicksal der deutschen Nation beruft:

„Als Nation werden wir tot sein – eine jener galvanisierten Leichen, wie sie zu Hunderten in der Geschichte herumliegen. – Es mag uns trösten, zu wissen, daß die Stunde des Endes aller Nationen gekommen ist.“

Sein fulminanter Essay gilt ja einem Autor, der noch eben gesagt hatte: „Ja, Deutschland ist mir in all diesen Jahren doch recht fremd geworden. Es ist, das müssen Sie zugeben, ein beängstigendes Land“ (darin auf seltsame Weise nahe dem Widersacher Brecht und dessen grauen Satz: „Das Land ist unheimlich“); und der Aufsatz ist damit auch eigene Standortbestimmung des Autors Alfred Andersch. Deutschlands Rausch und Sehnsucht zum Tode hin – das war’s ja, wovor der junge Soldat in die Desertion floh – ein Bewegungsgesetz das fast alle seine Prosatexte prägt wie trägt: Flucht; Aussteigen, weg. sein. So früh beginnt das schon – und wird auch erkannt. Kein geringerer als Arno Schmidt widmet in der links-pazifistischen „Anderen Zeitung“ Anderschs „Sansibar“-Roman eine Kritik unter der Überschrift „Das Land, aus dem man flüchtet“, die mit dem Satz beginnt: „Und gleich den Schock vorweg: er meint Deutschland!“ und die wiederum in einer manifestähnlichen Empörung gipfelt:

„Macht man sich denn in allen Kreisen keine Gedanken darüber: Warum wohl der große Einstein emigrieren mußte; und nicht nach Deutschland zurückkehrte? Warum Thomas Mann (der nach Europa zurückkam) mitnichten seinen Wohnsitz am Brunnquell westdeutschen Geistes, in Bonn, aufschlug, sondern lieber in der Schweiz blieb? Warum Hermann Hesse – ich wähle, es ist dem Bürgertum eindrucksvoller, deutsche Nobelpreisträger – still in seinem Tessin bleibt? Denn es genügt nicht ganz, wenn ein Land von sich rühmen kann, daß es die Wiege großer Männer war; es muß auch noch den Nachweis erbringen, daß es ihr Grab zeigen kann – und selbst das ist wertlos, wenn die verehrend dorthin Pilgernden immer wieder nach irgendeinem Buchenwald gewiesen werden!“

Die Härte der Texte von Andersch oder Weyrauch oder Schnurre ist Versuch, mit der Härte der unmittelbaren Erfahrung, fertig zu werden. Schnurres Text „Wer ich bin“ etwa liest sich wie eine seiner Erzählungen – und ist doch lediglich „Fragebogen“:

„Mit fünfzehn habe ich, zwischen einem Dutzend spiegelnder Schäfter hindurch, sechs Rücken gesehen; sie beugten sich auf blaugeäderte Hände hernieder, die Zahnbürsten hielten.“

Dem entspricht, bis in die atemlose Stil-Losigheit hinein, Wolfgang Weyrauchs nobles Bekenntnis „War ich einer davon?“, in dem er sich – entgegen allen Praktiken und Usancen bundesdeutscher Politiker – nicht ausnimmt und reinwäscht und um eigene Schuld herummogelt:

„Wir gingen spazieren, es war mitten am Tag, also konnte man erkennen, wen man traf, trotzdem sagten die Eltern Herrn und Frau M. nicht Guten Tag, als die beiden grüßten, ich war verwundert, drehte mich nach den M.’s um, im selben Augenblick sahen sie auch zurück, wir nickten uns zu, aber auch ich sagte nicht Guten Tag, die Eltern gingen rascher, ich mit ihnen, fast flohen sie, erst als wir zu Hause waren, fragte ich, obwohl ich Bescheid wußte, was ist los, Juden, antworteten die Eltern, aber Ihr wart beinah befreundet, sagte ich, nie, erwiderten sie, und wenn, das muß jetzt aufhören, es ist nicht recht, sagte ich, es ist gefährlich, riefen sie, es geht vorbei, sagte ich, als wüßte ich es, sicher, entgegneten sie, aber bis dahin, ich war nicht einverstanden und ich widersprach nicht, ich schämte mich meiner Eltern, aber nicht vor mir selbst, ich tat so, als gehörte ich nicht dazu (also gehörte ich dazu).“

Auch hier ist eine direkte „Ernährung“ der literarischen Struktur festzustellen. Wenn nämlich jene „Härte“ die Texte etwa von Weyrauch und Schnurre einander so ähnlich macht, verdankt sich das keineswegs einem Stilwillen; auch wenn der immer wieder – wie in Weyrauchs Kahlschlag-Nachwort – proklamiert wird:

„Die Schönheit ist ein gutes Ding. Aber Schönheit ohne Wahrheit ist böse. Wahrheit ohne Schönheit ist besser.“

Das sind eher hinterher abgegebene Absichtserklärungen. Die (meist früher) entstandenen literarischen Produktionen führen auf viel sensiblere Weise Verletzung und Mißtrauen vor: Sie kommen ohne Verbalkonstruktionen aus. „Rumms. Zu, die Tür“ oder „Zur Dachluke raus. Sprung. Regenrohr runter, n Hof“ – das ist nicht bloßes Erzähltempo. Sprache, die ohne Verb auskommt, leugnet das Individuum. Der Einzelmensch ist hier belastete Größe, Schuld und Verstrickung haben seine Stimme erstickt – nicht als Programm, sondern aus Wirklichkeitserfahrung. Das Mißtrauen gegen alle Tätigkeit geht so weit, daß auch in späteren Texten ein „Ich“ meist ein Rest-Ich ist, tot oder sterbend. Geschichte kann erfahrbar gemacht werden nur mehr am Menschenmüll; Weyrauchs ergreifende Ballade „Die Minute des Negers“ ist Muster dafür. Die DC 6 der TWA wird in neun Sekunden einen Berg rammen, neun Sekunden, in der menschlichen Existenz:

meine Fragen meine Fragen

tönen

tönen tönen durch die

durch die

durch die

Lautlosigkeit

Lautlosigkeit

Lautlosigkeit.

Dieser ständig bereiten, unmittelbar reagierenden reizbaren Wachheit gegen Umzingelung, gar Tötungsmechanismen verdankt die Literatur der deutschen Nachkriegszeit ihre Intensität; „Gesang um nicht zu sterben“, wie ein Gedicht Weyrauchs heißt. Daß sein großes Anti-Atom-Gedicht „Atom und Aloe“ ausschließlich mit Metaphern der Natur, der organisch-biologischen Welt arbeitet, um einen globalen Erstickungstod zu denunzieren, steht in genau diesem Zusammenhang; es ist ein „unbewußt“ politisches Gedicht, ein Gedicht ohne jegliche Vokabel aus dem Kommandobereich der Politik. Es hat die Stärke und die Schwäche eines Gewissensappells. Das meint wohl Martin Walser, wenn er Weyrauchs Arbeit als eine des „Präsens“ charakterisiert – also ohne Kausalitäten zu analysieren: „Der Text ist Aktion. Lebensaktion. Bewußtseinshandlung. Wieder: Existieren. Dir wird nichts mitgeteilt. Entweder du machts das Existieren mit oder du kommst überhaupt nicht in Frage.“

Das, der Kreis schließt sich, heißt letztlich: Aktionismus. Kennzeichen, tatsächlich, der Literatur von 1945 bis weit in die sechziger Jahre ist das Theoriedefizit. Die intellektuelle Gesellschaft der jungen Bundesrepublik ist so Vexierbild der atemlosen Trümmerbeseitigung, genannt Wiederaufbauphase. Die alten und neuen Erfahrungen stürzen ineinander, die neuen Einflüsse stürzen übereinander; Heinrich Böll erzählt, wie das gleichsam übereinanderpolterte – Camus und Hemingway, Proust, Kafka und Joyce, Pavese, Moravia und Graham Greene – aber die große deutsche, die „Emigrationsliteratur“: „Damit konnten wir merkwürdigerweise nicht viel anfangen.“

Wenn aber Döblin oder Heinrich Mann oder Brecht erst einmal nicht die geistigen Ernährer (bestenfalls Verwirrer) waren, vom bis Ende der fünfziger Jahre nicht gedruckten Karl Marx oder dem bis heute nicht gedruckten Carl von Ossietzky zu schweigen – dann gleicht das einer Art intellektuellem (nicht moralischem) Analphabetismus. Der Bruch ging bis in die Sprache. Böll sagt im selben Gespräch:

„Diese Veränderung der deutschen Sprache hatten wir mitgemacht, wir hatten sie erlebt, diese Sprache war auch unsere Sprache, und da gab es zur Sprache der Emigrationsliteratur sehr wenig Anknüpfung.“

Das wiederum produziert Rigorosität. Staatsverdrossenheit wird zwar erst ein Terminus der siebziger Jahre sein – aber eine vollkommene Desintegration mit dem eigenen Staatswesen verrät das „Manifest für den Spiegel“, des Jahres 1963, dessen heikelster Satz nicht einmal bürgerliche Unternehmer wie H. M. Ledig-Rowohlt oder Siegfried Unseld von der Unterschrift abhielt (und der die unerkannte Paraphrase eines Tucholsky-Satzes aus der „Generalquittung“ für Carl von Ossietzky, war):

„In einer Zeit, die den Krieg als Mittel der Politik unbrauchbar gemacht hat, halten die Unterzeichner die Unterrichtung der Öffentlichkeit über sogenannte militärische Geheimnisse für eine sittliche Pflicht, die sie jederzeit erfüllen würden.“

Das hat dieselbe Emphase der wütenden Staatsabwehr wie Hans Magnus Enzensbergers „Beschwerde“ die er – sicherlich ohne Oskar Maria Grafs weiland „Verbrennt mich auch“ überhaupt zu kennen – gekränkt dagegen vorbringt, daß im Rotbuch „Verschwörung gegen die Freiheit. Die kommunistische Untergrundarbeit in der Bundesrepublik“ unter dem schönen Stichwort „Sektor Kultur“ zwar Werner Egk und Carl Orff, Erich Kästner und Wolf gang Koeppen, Albrecht Goes und Martin Niemöller, Otto Dix und Max Born aufgenommen wurden – er aber fehlt. Das ist die Kehr-Variante eines Gedichts, das ziemlich zur selben Zeit in der DDR erscheint: Günter Kunerts Fünfzeiler „Unterschiede“:

Betrübt höre ich einen Namen aufrufen:

Nicht den meinigen.

Aufatmend

Höre ich einen Namen aufrufen:

Nicht den meinigen.

Die Einheit Deutschlands in der Literatur, sehr anders nun: Staat ist Gefahr, dort wie hier. Mit dem 1959 erschienenen Roman „Mutmaßungen über Achim“ des Grenzwechslers Uwe Johnson (im selben Jahr erschien auch „Die Blechtrommel“ und Bölls „Billard um halb zehn“) beginnt ein ganz neuer Abschnitt jüngster deutscher Literaturgeschichte; weil ein ganz neuer Abschnitt deutscher Nachkriegsgeschichte. Der Titel einer Erzählung von Alfred Andersch, eine Berliner Wandinschrift zitierend, mag ihn benennen: „Jesuskingdutschke“.