Saarbrücken

Merkwürdig ist das Gefühl schon. Da hält Werner Zeyer, 50 Jahre alt, Ministerpräsident des Saarlandes, ein Photoalbum in der Hand, das ihm gut 20 Jahre vorher der damalige Ministerpräsident Franz Josef Röder geschenkt hatte. Die Widmung: „Herrn Regierungsrat Werner Zeyer zur freundlichen Erinnerung an seine Tätigkeit in der Staatskanzlei überreicht. Saarbrücken, 30. 6. 59, Röder“. Damals ging Zeyer als Richter in den Justizdienst zurück, als der Vorgänger Röders, Egon Reinert, der ihn geholt hatte, bei einem Unfall plötzlich gestorben war. Als Röder als dessen Nachfolger kam, ging Zeyer – „ohne Groll“. Als Röder fast auf den Tag genau 20 Jahre später starb, zog Zeyer wieder in die Staatskanzlei ein – diesmal selbst Ministerpräsident.

Inzwischen hat er die ersten hundert Tage regiert. Seine Arbeit beginnt Konturen anzunehmen. Das ist das Erstaunliche an der Bilderbuchkarriere des Politikers Zeyer: 18 Jahre lang war er stellvertretender CDU-Landesvorsitzender, ohne daß es die sogenannte breite Öffentlichkeit in dem 1,1-Millionen-Land bemerkte. In seinem Heimatkreis St. Wendel kennt ihn jedes Kind, doch ins Bewußtsein der übrigen Saarländer rückte der Mann erst nach der Wahl zum CDU-Landesvorsitzenden im letzten Jahr und natürlich nach der Wahl zum Nachfolger Röders im Juli 1979.

Zeyer wußte schon immer, was er wollte. Früh schon in der Jungen. Union aktiv, mit 32 Jahren, wurde er der jüngste Landrat der Bundesrepublik. In diesem Heimatkreis St. Wendel, wo ein Landrat noch etwas gilt, versah er das Geschäft des Landesvaters im kleinen Maßstab, was er heute von der Staatskanzlei in Saarbrücken aus auf das ganze Land ausgedehnt hat. Dabei hatte er nie den Blick für die Zukunft – und die Karriere – verloren: Seit 1972 war er Mitglied des Bundestags und seit 1977 des Europäischen Parlaments.

Mit Spannung hatte man in dem Land an der Saar die erste Regierungserklärung des Präsidenten erwartet, von dessen politischer Meinung und dessen Standort in der CDU man so wenig weiß. Zwei Stunden lang gab er eine Zusammenfassung der Arbeit und Ziele der CDU/FDPgeführten Regierung, forderte verstärkte Nutzung der Kohle und kündete Maßnahmen zur Verbesserung der Wirtschaftsstruktur in dem Land an, dessen Arbeitslosenquote immer noch über dem Bundesdurchschnitt liegt. Viel Neues war nicht darin enthalten, doch, so sagen es selbst CDU-Kommunalpolitiker, die nicht hinter Zeyer stehen – und das sind immer noch eine Menge – „man wächst ja mit den Aufgaben“. Als Röder anfing, vor 20 Jahren, habe ihn auch nicht jeder Saarländer gekannt. Der Opposition fehlten in der Rede wichtige politische Aussagen und Programme für die Zukunft. Bei der Aussprache im Landtag über die Regierungserklärung überzeugte Zeyer dann aber mit sachlichem Diskussionsstil und fundierter Detailkenntnis.

Offiziell steht die CDU/FDP-Koalition geschlossen da, und beide Seiten bekunden den Willen, die gemeinsame Arbeit nach den Landtagswahlen 1980 fortzusetzen. Der Wahlkampf hat begonnen, wobei sich die SPD kräftig auf den FDP-Landesvorsitzenden, Wirtschaftsminister Werner Klumpp, einschießt. Klumpp wird von der Opposition immer wieder an seine Aussagen von 1975 erinnert, als er zusammen mit der SPD den Wahlkampf gegen die CDU geführt hatte. Warnungen kommen auch von unten: Die Jungdemokraten sprechen von einer überwiegenden Mehrheit bei den FDP-Wählern für eine Koalition mit der SPD statt des Bündnisses mit der CDU. Klumpp persönlich kann nicht zurück, will er nicht jede Glaubwürdigkeit endgültig verlieren. Also droht er mit persönlichen Konsequenzen, falls ihn der Parteitag: Anfang Dezember im Stich läßt.

Noch sind sechs Monate bis zur Wahl, Zeyer will sie gewinnen. Er besucht Gemeinden, ist bei Wein- und Pfarrfesten dabei, fährt in eine Grube ein, läßt keine Gelegenheit zur Selbstdarstellung aus. Er ist nicht der Typ Landesvater, der Röder auf seine souverän-umgängliche Art war. Er, eher spröde, wird es schwer haben, in der kurzen Zeit genauso populär wie sein Vorgänger zu werden. Christel Szymanski