Von Cornelia v. Wrangel

Ein kleines, bescheidenes Messingschild weist einen in tristem Grau getünchten Kasten in der Tübinger Brunnenstraße als Leibniz-Kolleg aus. Ab und zu verschwindet ein mit Büchern bepacktes junges Wesen in der Eingangstür. Auch Christine ging hier ein und aus. Wie viele andere wußte auch sie nicht recht, was sie nach dem Abitur machen sollte. Sie hatte zwar ungefähre Vorstellungen, Landschaftsgestaltung zu studieren, aber nach ein paar Probevorlesungen in München verwarf sie diesen Gedanken wieder. Vom Arbeitsamt erfuhr sie von der Existenz des Leibniz-Kollegs in Tübingen, das ein propädeutisches Studienjahr anbietet. „Na ja, da bist du nicht allein und kannst dich ein wenig umschauen.“

Im Kolleg machte sie bei Arbeitskreisen in Astronomie, Jura und Biologie mit. Sie arbeitete über Filmtheorie, half bei den sich anschließenden Dreharbeiten und spielte in einer Theatergruppe. Jetzt will Christine Germanistik, Geschichte und Kunstgeschichte studieren. Germanistik, weil sie meint, die literarischen Kenntnisse einmal beim Theater, für das sie sich entschieden hat, verwerten zu können. Geschichte und Kunstgeschichte, weil sie den politischen und kulturellen Hintergrund der Stücke, mit denen sie sich beschäftigt, kennen möchte. Nebenbei hat sie sich eine Hospitantenstelle beim Landestheater Tübingen beschafft.

Vor über dreißig Jahren wurde das Leibniz-Kolleg in Tübingen gegründet. Neben Paul Ohlmeyer waren Männer wie Carlo Schmid, Theodor Heuss, Carl Friedrich von Weizsäcker und Gebhard Müller daran beteiligt. Junge Studenten sollten hier unter einem Dach mit Lehrenden leben und sich einem Studium generale widmen können.

Im Laufe der jahrzehntelangen Praxis hat sich das Kolleg an die Gegebenheiten der heutigen Bildungslandschaft angepaßt. Es versteht sich nicht als Diskussionsrunde für hochgeistige Allround-Jungakademiker, sondern als Orientierungs- und Entscheidungshilfe für verunsicherte Abiturienten und Abiturientinnen. Für solche jungen Leute also, die nicht wissen, ob oder was sie studieren sollen, weil sie sich von der Flut der Bildungsangebote überschwemmt fühlen. Die nicht wissen, wie sie studieren sollen, da sie nur an ein passives Lernen, ein „Sich-Berieseln-Lassen“ gewöhnt sind und Angst vor dem Schritt aus der Welt von Elternhaus und Schule in die Welt des Nummerndaseins an einer Massenuniversität haben. Es will verhindern helfen, daß eben diese jungen Leute eines Tages ihr Studium abbrechen, weil sie merken, daß ihre Erwartungen nicht erfüllt werden, weil es sie überfordert.

Es will vermeiden, daß diese Menschen von Fach zu Fach wechselnd durch die Hochschulen irren, weil sie sich über die Inhalte der einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen getäuscht hatten. Es will ihnen Perspektiven eröffnen und sie fächerübergreifend denken lehren.

Als ich ins Leibniz-Haus kam, um mich bei den Leibnitianern nach ihrer Meinung über diese von vielen Seiten angefeindete, weil als elitär empfundene Institution zu erkundigen, wurde im Treppenhaus gerade Abschied genommen. Zwei Mädchen hatten sich entschieden, für ein halbes Jahr nach Israel zu gehen. Der diesjährige Kurs war zu Ende.