Stuttgart

Wenn es um Stuttgarts dunkelste Zeit, die Jahre zwischen 1933 und 1945, geht, wird der Historiker und städtische Archivdirektor Kurt Leipner merkwürdig einsilbig. Während sich die seit 1913 vorliegenden „Chroniken der Stadt Stuttgart“ der „geschieht“ schreibend-erzählenden Darstellung“ befleißigten, genügt nach Leisner fortan eine „knappe Aufzählung unverknüpfter Einzelergebnisse in rein zeitlicher Ordnung“. Dabei, so fährt Leipner in einem Chronikband für die Nachkriegszeit fort, sollten sich die Ereignisse „auch im Selbstverständnis der damaligen Zeit und nicht in einer späteren Reflexion widerspiegeln“.

Seit mindestens 15 Jahren bemüht sich inzwischen die Stadt Stuttgart darum, die nazistische Lücke ihrer bis in die Gegenwart hinein erschienenen Chronikbände zu schließen. Aber irgendwie scheint dies nicht zu klappen. Den vorläufigen Höhepunkt in der Auseinandersetzung um die Bewältigung der unbewältigten Vergangenheit bildete jetzt ein offener Brief, den der französische Historiker Marc Poulain Anfang Oktober an den Leiter des Kulturamts der Stadt, seinen Historikerkollegen Fritz Richert, richtete. Poulain, der selbst als freier Mitarbeiter knapp zwei Jahre lang an dem mühsamen kommunalhistorischen Werk im Stadtarchiv mitarbeitete: „Die Art und Weise, wie die Stuttgarter Chronik dieser schrecklichen Zeit zusammengestellt wird, grenzt an Geschichtsverfälschung.“ Poulain wirft dem Stadtarchivdirektor vor, er wolle für die Schilderung dieser Jahre nur Zeitungsausschnitte aus dem NS-Kurier, dem gleichfalls gleichgeschalteten Schwäbischen Merkur und dem Schwäbischen Tagblatt heranziehen. „Eine Arbeit in den verschiedenen Archiven hielt Herr Dr. Leipner nicht für notwendig, ebenfalls nicht eine Befragung von Zeitgenossen oder Opfern der NS-Zeit.“

In der Tat fehlt es an Zeugnissen aus der Stadt nicht. Schon 1960 war die Historikerin Maria Zelzer vom Stadtarchiv damit beauftragt worden, sich in den umfangreichen Aktenbestand aus dem „Dritten Reich“ einzuarbeiten. Wenige Jahre später veröffentlichte sie eine erschütternde Arbeit über das Schicksal der Juden in Stuttgart, die der frühere Oberbürgermeister Arnuld Klett mit den Geleitworten versah: „Der furchtbaren Unmittelbarkeit der Einzelschicksale vermag sich niemand zu entziehen.“ Für Frau Zelzer war diese Veröffentlichung freilich das vorläufige Ende ihrer elfjährigen Arbeit an der Nazi-Chronik der Stadt Stuttgart. „So wie mit dem Judenbuch geht das nicht weiter“, bedeutete man ihr unter Hinweis auf die zeitraubende Quellenarbeit im Stadtarchiv.

Inzwischen hat das Stadtarchiv mehrfach die Mitarbeiter gewechselt, und immer noch muß Kulturamtschef Fritz Richert bekennen, daß es für die Arbeit an der Nazi-Chronik „keine Konzeption“ gebe. Der parteifreie Einzelkämpfer im Gemeinderat, Eugen Eberle, selbst im März 1933 als Kommunist eingesperrt, läßt die Rathausverwaltung unterdessen nicht mit der Forderung in Ruhe, eine Konzeption zu finden, die auch die Erfahrungen und Schicksale der Verfolgten berücksichtige. So weiß offenbar bis zum heutigen Tage niemand genau, wie viele Personen im berüchtigten Lichthof des Stuttgarter Justizgebäudes hingerichtet worden sind. Während die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) 1486 von der Nazi-Stadtverwaltung als „gewöhnliche Sterbefälle“ registrierte Todesurteile entdeckt haben will, kommt das Stadtarchiv auf 381 Fälle, während im Bundesarchiv in Koblenz nur 103 Hinrichtungen bekannt sind.

Oberbürgermeister Manfred Rommel (CDU) hat seinen Stadtarchivdirektor inzwischen zurückgepfiffen. Was die Chronik der Nazi-Jahre angehe, so teilte er dem Stadtrat Eberle mit, so sei ein „differenziertes Vorgehen“ erforderlich. NS-Zeitungen, aus denen nach Poulains Darstellung Leipner die Chronik allein bestreiten wollte, genügten nicht. Allerdings will Rommel aus der Stadtchronik auch wiederum keine Chronik der „bewährten Antifaschisten“ machen, um die sich bereits vor Jahren ein DKP-Stadtrat zu Beginn der zählebigen Stuttgarter Archivaffäre bemüht hatte. Rommel: „Ich bin jedoch der Meinung, daß es nicht angängig und gar nicht möglich ist, ‚Betroffene‘ hinzuzuziehen. Hier könnte keine Abgrenzung gefunden werden.“

Inzwischen hat Stadtarchivdirektor Kurt Leipner dem Stadtparlament die „Chronik 1933 bis 1945“ für Ende nächsten Jahres versprochen. Falls diese Zusicherung zum Unterschied zu allen früheren Ankündigungen eingehalten werden kann, wären 21 Jahre verstrichen, in denen sich die Stadt Stuttgart mit ihrer Vergangenheit herumquält – viel Zeit für einen Zeitabschnitt von zwölf, Jahren, aber wenig im Verhältnis zum „Tausendjährigen Reich“, um das es dabei geht. Jörg Bischoff