Von Joachim Nawrocki

Berlin, im Oktober

Zum erstenmal seit Kriegsende kommt ein französischer Staatspräsident nach Berlin, Keiner von Giscard d’Estaings Vorgängern hat – trotz mancher hoffnungsvoller Anregungen aus Berlin und Bonn – den Weg in die Viermächte-Stadt gefunden. Einerseits waren die Franzosen in der Regel mindestens ebenso standfest wie ihre westlichen Alliierten, wenn es um die Wahrung ihrer Rechte in der geteilten Stadt ging – Rechte übrigens, die sie. erst durch eine Zusatzvereinbarung zum Londoner Abkommen der Siegermächte nachträglich erlangt hatten. Andererseits hat vor allem Charles de Gaulle immer auch die Empfindlichkeiten der Sowjets bei seiner Deutschlandpolitik in Rechnung gestellt.

Dennoch wäre die Behauptung falsch, die Franzosen hätten nicht mehr als eine Militärkapelle und Gendarmerie in Berlin. In ihrem Sektor mit den zwei Bezirken Wedding und Reinickendorf haben sie außerdem zwei Regimenter stationiert, meist junge, wehrpflichtige Soldaten, die die Stadt nach einem Jahr wieder verlassen, und eine größere Anzahl von Berufsoffizieren. Insgesamt leben 6000 Franzosen in Berlin; davon sind 2800 Militärs, die übrigen sind Diplomaten, Verwaltungsangestellte und Familienangehörige. Im „Quartier Napoleon“ haben sie ihre eigenen Wohnviertel, ihre Kinos „Le Flambeau“ und „L’Aiglon“, die Zeitung „Gazette de Berlin“, den Sender „Radio des Forces Françaises de Berlin“ und ihre Einkaufsstätte „Economats“, in der wegen des guten Lebensmittelangebotes auch die englischen und amerikanischen Alliierten häufig kaufen.

Zwar gibt es in Berlin kulturelle Einrichtungen wie das „Maison de France“, das „Centre Français“ oder eine deutsch-französische Theatergruppe, aber im allgemeinen halten sich die Kontakte zwischen Deutschen und Franzosen in Grenzen. Die jungen französischen Soldaten bleiben nicht lange genug hier, um die deutsche Sprache zu erlernen, und unter den Berlinern sind englische Sprachkenntnisse weiter verbreitet als französische. Nur das deutsch-französische Volksfest bringt alljährlich Schwung in die Beziehungen zwischen den Berlinern und ihrer kleinsten Schutzmacht.

Dabei sind die kulturellen Einflüsse Frankreichs in Berlin deutlicher spürbar als in den meisten anderen Gegenden Deutschlands. Als der Große Kurfürst die verfolgten Hugenotten nach Preußen einlud, kamen so viele, daß um 1700 jeder dritte Berliner ein Franzose war. Die Hugenotten bildeten eine französische Kolonie, 1689 wurde das Französische Gymnasium gegründet, das bis heute existiert, und 1780 wurde die Französische Kirche zum Französischen Dom erweitert, der in Ost-Berlin in den letzten Jahren langsam restauriert wurde. Der Französische Kirchhof mit den Gräbern des Schauspielers Ludwig Devrient und des Physiologen Du Bois-Reymond vermitteln nur einen oberflächlichen Eindruck von der Bedeutung, die die Hugenotten für das geistige Leben Berlins hatten.

Auf Sitten und Gebräuche der Berliner hatte vor allem die napoleonische Besetzung seit 1806 prägenden Einfluß. Viele Berliner Gerichte wie Frikassee und Buletten stammen aus dieser Zeit. Vor allem aber der Jargon der Berliner ist bis heute mit verballhorntem Französisch durchsetzt. Das Wort „Muckefuck“ für schlechten Kaffee kommt von „mocca faut“. Man benutzt Pleonasmen wie „Jardin-Garten“ und „Dezkopp“ („Dez“ entstand aus tete, und aus dem ganzen wurde später „Döskopp“). Und wenn der französische Soldat ein Berliner Mädchen aufforderte: „visitez ma tente – komm in mein Zelt“, dann zierte sich die Schöne: „Ne, ick mach’ keene Fisematenten“ – noch heute eine übliche Redewendung.