Müllaffäre

ZDF, Montag, 29. Oktober, 21.20 Uhr: "Das Komplott", Fernsehfilm von Dieter Wedel

Kaum jemand nimmt mehr das Wort "Müll" in den Mund, ohne gleich an Skandal zu denken. Nur ist in diesem Fernsehspiel der Abfall nicht giftig. Er stinkt ganz einfach zum Himmel, liegt offen auf den Halden und soll deswegen beseitigt werden: Eher ein löblicher als ein skandalöser Entschluß, den die Ratsherren einer Kleinstadt fassen. Und doch fängt in diesem reinlichen Punkt die Sache an, schmutzig zu werden. Die geplante Größe der Müllverbrennungsanlage übersteigt angeblich bei weitem die Bedürfnisse der Stadt.

Dies ist der authentische Teil im "Komplott" von Dieter Wedel. Auch den Politiker, in dessen Händen allein die Fäden um den Bauskandal zusammenlaufen, hat der Regisseur einer Person der Zeitgeschichte bewußt nachgebildet. Der Stadtrat ist intelligent, tüchtig und überzeugt selbst Gegner mit seinem Pragmatismus. Aber Ämter und Einfluß häufen sich; politische und private Interessen – der Gemeindepolitiker ist auch Geschäftsführer der mächtigsten Baufirma der Stadt – werden ganz offensichtlich verquickt.

Den fiktiven Teil des Fernsehspiels erlebt der Zuschauer mit. Es ist die Geschichte einer zielstrebigen Reporterin, die die Hintergründe der Affäre um die Müllverbrennungsanlage aufzudecken versucht, um Licht in das Dunkel von Häufung und Verfilzung der Ämter jenes Stadtrates zu bringen.

Dieter Wedel vermischt in seinen Filmen ("Gedenktag", "Einmal im Leben", "Mittags auf dem Roten Platz") gern authentische Elemente mit fiktiven Zügen. So, meint er, bekäme der Begriff "realistisch" die richtige Dimension, sei die Grenze zu "dokumentarisch" gezogen, und nur so könne ein Ausschnitt aus der Widersprüchlichkeit der Wirklichkeit aufgezeigt werden.

Keine am Journalismus zweifelnde Frage bleibt denn auch im Verlauf der Recherchen der Reporterin unberührt. Inwieweit darf sich kritischer Journalismus, um etwas in Bewegung zu bringen, moralisch anfechtbarer Methoden bedienen? Inwieweit ist kritischer Journalismus nicht nur Sucht nach der guten Story, die das Ansehen des Autors und die Auflage der Zeitung steigert? Was kann ein Medium, das seine Information meist aus zweiter Hand bezieht, erreichen? Kontrolle? Kann es Hüter der Wahrheit sein? Wahrheit – interessiert den Leser überhaupt dieses komplizierte Gebäude?

Im Verhalten der Redaktionsmitglieder der Provinzzeitung spiegeln sich die gestellten Fragen wider. Schade, daß Menschen dadurch zu reinen Trägern von Botschaften werden, daß ihr Handeln und Denken oft rasterhaft wirkt. Der Chefredakteur will zwar den regierenden Herren im Rathaus einen Dämpfer versetzen, scheut jedoch vor der letzten Konsequenz zurück. Der Ressortleiter führt vergebens seinen "Kampf ums Gute" und ist Alkoholiker. Die Reporterin will einen "guten Kampf" – und doch schließlich nur um der Karriere willen. Für Informationen ist ihr jedes Mittel recht. Sie läßt dabei Material in ihrer Tasche verschwinden und setzt einen Beamten einem Disziplinarverfahren aus. Bei der Kollegin löst ihre Skrupellosigkeit Weinkrämpfe aus.

Müllaffäre

Wie bei vielen Filmen dieser Machart geht auch im "Komplott" das eigentliche Anliegen manchmal verloren: Die tatsächliche Komplexität der angerissenen Probleme wird nicht immer deutlich. Zurück bleibt die Erinnerung an ein immerhin sehr spannendes Fernsehspiel, das von den Machenschaften zweier Personen handelt. Die Folgen erfährt der Zuschauer gleich zu Beginn. Beide stolpern die Leiter nach oben. Sie geht als Moderatorin zum Fernsehen, er als Oberbürgermeister in eine andere Stadt.

Cornelia von Wrangel