Es hat sich herumgesprochen, daß Journalisten, wie andere Zeitgenossen auch, zuweilen den Polizeifunk mithören. Daß sie auch private Telephongespräche anderer Bürger belauschen und auf Band aufnehmen, hatte man bislang nicht vernommen. Eben dieses Vergehens hat der Journalist Günter Wallraff die bild-Zeitung beschuldigt. In seinem Buch "Zeugen der Anklage", mit dem er seine Privatfehde gegen das Boulevardblatt fortsetzt, beruft er sich auf die eidesstattliche Erklärung und das Protokoll eines ungenannten Redakteurs. Demzufolge sind am 18. November 1976 alle über Wallraffs Telephon laufenden Gespräche in der Kölner bild-Redaktion über Tischlautsprecher mitgehört worden, unter anderem Telephonate seines Freundes Wolf Biermann mit dessen Frau in Ost-Berlin, mit Rudi Dutschke, der Juso-Vorsitzenden Wieczorek-Zeul und der stern-Redaktion.

Wallraff vermutet, im Kölner Fernmeldeamt sei planvoll eine Parallelschaltung eingerichtet worden, bei der sich bild und ein Geheimdienst gemeinsam bedient hätten. Die Chefredaktion der Springer-Zeitung hat bereits den Verdacht zurückgewiesen, ihre Journalisten könnten jemals Abhörvorrichtungen installiert haben. Durch reinen Zufall sei man beim Anwählen von Wallraffs Büro in die Leitung gekommen.

Mitgehört oder abgehört – das ist hier die Frage. Das eine ist, wenn es denn bei dem Zufall geblieben wäre, zumindest moralisch verwerflich, das andere wäre ein Verbrechen. Man kann es auch krasser sagen, wie der SPD-Bundestagsabgeordnete und Verfassungsschutzexperte Hugo Brandt: "eine riesengroße Sauerei". Das gleiche gilt für die anderen Vorwürfe Wallraffs: Bespitzelung, "Wanzen" in der Wohnung, Dokumentendiebstahl.

Hier sind alle herausgefordert: die Organe unserer Staatssicherheit und die Berufsverbände der Presse, der Bundestag und die öffentliche Meinung. Es geht um die Redlichkeit des journalistischen Berufsstandes und um die Freiheitsrechte eines jeden einzelnen. Mögen die Enthüllungsmethoden Wallraffs noch so anfechtbar sein – es muß ohne Ansehen der Person schnell, hart und gründlich Klarheit geschaffen werden. k. j.