Von Renate Möhrmann

Mit dem Unmutsausbruch „Genossen, eure Veranstaltungen sind unerträglich“, mit dem die Frauen im Sozialistischen Deutschen Studentenbund 1968 auf das überhebliche Gehabe ihrer politischen Kollegen reagierten, hatte es eigentlich angefangen. Hier geschah so etwas wie ein erster feministischer Protest. Die Studentinnen hatten es satt, sich an Kampagnen zu beteiligen, die nichts mit ihren eigenen Problemen zu tun hatten, und mit Texten zu beschäftigen, in denen die Frau nicht vorkam. Sie wollten auch über ihre persönlichen Bedürfnisse und Erfahrungen diskutieren und nicht nur über Sie der Arbeiterklasse. Da die Genossen das als Bloß privates Gelaber abtaten, mußte es eben ohne ihre patriarchalische Zustimmung gehen. Das war die Geburtsstunde der autonomen Fraueagruppen.

Über die Grenzen der Hochschulen hinaus und ins Blickfeld der Öffentlichkeit gerieten die ersten feministischen Ansätze im Kampf um den Paragraphen 218 im Jahre 1971, als sich überall im Land plötzlich Frauengruppen herausbildeten. Das muß festgehalten werden. Denn die Aktion gegen die Expropriation des weiblichen Bauches gab den Anstoß für das Erscheinen einer ersten, von Frauen gemachten Alternativpresse nämlich die Frauenzeitung – Frauen gemeinsam und stark. Die Zeitung soll der Information, der theoretischen Standortbestimmung und der Aktivierung von Frauen dienen. Sie erscheint im DIN-A-3-Format nach einem rotierenden System, jeweils herausgegeben von einer anderen Frauengruppe mit einem Schwerpunktthema. Die erste Zeitung wurde 1973 von den Frankfurter Frauen zum Thema Paragraph 218 gemacht.

Heute lassen sich auf dem Zeitungsmarkt mehr als 20 feministische Zeitschriften nachweisen. Bei aller Unterschiedlichkeit der thematischen Akzentuierung, der weiblichen Zielgruppen, der Aufmachung, Auflagenhöhe und Erscheinungshäufigkeit gibt es Gemeinsamkeiten: die Bemühung um das Verständnis der eigenen, weiblichen Geschichte und die Absage an eine männlich bestimmte Kultur. Die Frau wird aus ihrer Statistinnenrolle befreit und in den Mittelpunkt aller Überlegungen gestellt. Das bedeutet auch: Bloßstellung, Parteilichkeit, Subjektivität und manchmal sogar Larmoyanz. Übereinstimmend gilt die Ablehnung der traditionellen Bilder von Weiblichkeit, der Eva und Maria, Frau Marthe und Gretchen, Kunigunde und Käthchen, also die Weigerung, das Weibliche in Hinanziehendes und Herabziehendes, in Erlösendes und Vernichtendes, in Madonna und Hure zu spalten. Das Bild der Frau in der feministischen Presse ist weniger schillernd, weniger glanzvoll koloriert, aber auch weniger rätselhaft dämonisch, als das in den etablierten Frauenzeitschriften der Fall ist.

„Courage, die selbständig handelnde Frau“, heißt es programmatisch in der zweitgrößten Courage. „Nicht als ungebrochenes Idealbild, wohl aber: sich nicht mit bestehenden Machtverhältnissen zufriedengeben. Alternativen denken und leben. Dafür mag Courage stehen. Nicht mehr und nicht weniger.“

Gemeinsamkeiten gibt es auch auf dem praktischen Sektor. Das Erscheinen und Bestehen der feministischen Zeitschriften ist abhängig von einem persönlichen, oft bis zur völligen Erschöpfung reichenden Engagement der mitarbeitenden Frauen. „Für Beiträge in Der Feminist wird kein Honorar gezahlt“, heißt es lakonisch in einer der Frauenzeitschriften. Und in dem Journal Nr. 12 der Frauenoffensive ist die Galgenfrist bereits abgelaufen. Dort liest man: „Die Nr. 12 ist vorläufig unser letztes Journal, da wir diese Reihe aus finanziellen Gründen leider einstellen müssen.“ Von wenigen Ausnahmen abgesehen – wie etwa Emma und Courage – bedeutet Redaktionsarbeit an feministischen Zeitungen Gratisarbeit, wobei die Materialkosten für Porto und Papier oft noch aus der privaten Haushaltskasse beigesteuert werden.

Sieht man sich den feministischen Blätterwald einmal genauer an, so lassen sich die folgenden Gruppierungen erkennen. Erstens: Allgemeine feministische Zeitschriften mit nicht festgelegten Themenbereichen wie Courage – aktuelle frauenzeitung (seit 1976) und Emma. Zeitschrift von Frauen für Frauen (seit 1977), die heute beide an Kiosken erhältlich sind. Zweitens: Fachzeitschriften wie die Literaturhefte mamas Pfirsiche – frauen und literatur (1976) und Die Schwarze Botin (1976), wie die Filmzeitschrift frauen und film (1974), die Musikzeitung Troubadoura (1978) oder die Zeitschrift für visuelle Künste Kassandra (1977). Drittens: Theoretische Beiträge wie Der Feminist (1976), die Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis (1978), Die Eule. Diskussionsforum für feministische Theorie (1978) und Wissenschaft und Zärtlichkeit (1977). Viertens: Die Lesbenpresse und fünftens: die zahlreichen regionalen Informationsblätter.

Courage – aktuelle frauenzeitung

Herausgeber: Courage Frauenverlags GmbH

Redaktion: Frauenkollektiv in

Umfang: 60 Seiten

Auflage: circa 68 000

Courage ist meiner Ansicht nach die Zeitschrift, in der die Vorstellungen und Ansprüche der neuen Frauenbewegung am unmittelbarsten in Erscheinung treten. So läßt sich die von den autonomen Frauengruppen praktizierte Arbeitsweise bis in die Herstellungsstrukturen wiedererkennen. Zehn Berliner Frauen, ohne Geld, ohne publizistische Erfahrung, aber mit der unumstößlichen Absicht, auf der Basis ihrer eigenen Erfahrungen eine wirkliche Zeitung für Frauen zu machen, finden sich zusammen. Sitzen mit Schreibmaschine, Photomaterial, Lineal und Kaffeemaschine in zwei Räumen gedrängt, machen alles selbst: Pressearbeit, Werbung, Buchführung, Anzeigen – und starten im Juni 1976 mit 5000 Exemplaren die erste Nummer der Courage. Heute hat die Zeitung eine Auflagenhöhe von circa 68 000.

Aus einer linken feministischen Position heraus wird in unterschiedlichen Rubriken wie „Gesellschaft und Politik“, „Kultur“, „Internationales“ und „Weiterbildung“ über das berichtet, was Frauen in besonderer Weise betrifft. Im Unterschied zu Emma ermutigt Courage ihre Leserinnen stets, sich selbst zu Wort zu melden. Die daraus notwendig resultierende Heterogenität, das Qualitätsgefälle, wird in Kauf genommen. Impulse und Spontaneität werden höher bewertet als Perfektion, puristische Ambitionen als überholte männliche Kategorien abgelehnt.

Schaut man sich die rund 34 Hefte an, dann sind die Akzentverschiebungen, die sich im Laufe der Zeit ergeben haben, nicht zu übersehen. Mir scheint, als wären die Courage-Frauen unpolitischer geworden, als agierten sie zunehmend in den abgelegenen Binnenräumen der Landkommune, der Frauenbuchläden und Frauenkneipen, als hätte ihre Sprache einen blumigen, „tümelnden“ und kindlichen Ton angenommen. Anstatt von den Kämpfen um den Paragraphen 218 liest „frau“ nun Festliches von „Lauras Geburt“, Erbauliches über das Stillen, Tröstliches über die Wechseljahre, Schlimmes – über „Unser täglich Gift“. Ein Hauch Rousseau kommt mir hier ent-

gegen, eine Art Reformhaus-Ideologie, die mir bekannt und irgendwie verdächtig scheint... auch wenn ich sie als dialektisches Kehrum begreife.

Die Schwarze Botin

Frauenhefte

Herausgeberin: Brigitte Classen

Redaktion: Gabriele Goettle, Brigitte Classen

Umfang: 40 Seiten

Auflage: circa 3000

Genau an diesem Punkt setzt die satirische Frauenzeitung Die Schwarze Botin an. Sie sieht in der bisherigen Entwicklung der deutschen Frauenbewegung eher ein „Rührstück“ der „Neuen Weiblichkeit“. „Bühnen mit geblümten Vorhängen geben den Blick frei auf geblümte Frauen, die vor geblümten Kulissen unverblümt Seichtigkeiten von sich geben“, heißt es im Vorwort zur ersten Nummer. Und weiter erfährt man, daß die Arbeit der Schwarzen Botin da beginnen soll, „wo der klebrige Schleim weiblich er Zusammengehörigkeit sein Ende hat“. Sie will das sich allerorts einschleichende „falsche“ und „schädliche Denken“ entlarven, und zwar mit den Mitteln der Satire und der Collage. So enthalten die Hefte in der Tat einige ausgezeichnete Graphiken und literarische Satiren, was in der feministischen Presse nicht gerade häufig vorkommt. Sicherlich ist der Herausgeberin zuzustimmen, wenn sie nicht gleich alles, was von Frauen gesprochen, gedacht und geschrieben wird, zu literarischen „Merk-Würdigkeiten“ de-

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klariert. Andererseits halte ich ihre einseitige Bestandsaufnahme der augenblicklichen Frauenbewegung für unangemessen und unhistorisch. Auch der Rekurs auf die Neue Weiblichkeit muß im Zusammenhang mit den ungelenken Anfängen der Bewegung als dialektische Reaktion auf die Verbannung alles Privaten und Subjektiven von Seiten der Männer gesehen werden. Zudem läßt sich feststellen, daß das eingangs so lautstark verkündete kritische Denken sich eher als ein anarchistisches Denken geriert. Bereits die dritte Nummer verliert stark an Polemik. In zunehmendem Maße bemüht man sich nun um eine weibliche Ästhetik, wie die Beiträge zur Körpersprache oder zur Sexualästhetik signalisieren.

frauen und film

Herausgeber Heike Sander

Redaktion: Claudia Lenssen, Heike Sander,

Gesine Strempel, Helge Heberle

Umfang: 56 Seiten

Auflagenhöhe: circa 3000

Am konsequentesten und differenziertesten nachgedacht über das, was eigentlich Feminismus und eine spezifische feministische Sehweise ist, wird in der Zeitschrift frauen und film (nicht zu verwechseln mit dem Glamourblatt Film und Frau aus den fünfziger Jahren). Hier anzusetzen, ist besonders wichtig. Schließlich hat der Film mit seinen Stereotypen von Vamp und femme fatale, von Mondäner und Pin-up-girl wie kein anderes Medium dazu beigetragen, Klischees über die Weiblichkeit zu verbreiten und zu verfestigen. Die Journalistinnen dieser Zeitschrift wollen die Frauen ermutigen, solchen Bildern zu mißtrauen und ihre eigene Erfahrung zum Maßstab zu nehmen. Dabei gehen sie niemals besserwisserisch oder dogmatisch vor.

Hauptthemen sind Filme von Frauen und Filme von Männern über Frauen (in der herkömmlichen Filmkritik beide meist unspezifisch als „Frauenfilme“ klassifiziert), die in der Filmbranche tätigen Frauen, Filmtheorien, Filmkritiken und geschlechtsbedingt unterschiedliche Wahrnehmungsformen. Es soll überhaupt einmal deutlich gemacht werden, wie unterschiedlich ein Film plötzlich aussieht, wenn die andere, verstummte Hälfte der Menschheit – nämlich die Frauen – ihren kritischen Mund auftut. Das ist für jeden an Film Interessierten wichtig und äußerst spannend zugleich.

Wichtig ist ebenfalls, daß es den Redakteurinnen gelingt, feministisches Denken nicht jenseits gesellschaftspolitischer Räume anzusiedeln, sondern mit einem undogmatischen Sozialismus zu verbinden.

Der Feminist

Herausgeberin: Hannelore Mabry

Redaktion: Hannelore Mabry

Umfang: 40 Seiten

Auflage: circa 3000

Die besondere Absicht dieser vornehmlich theoretisch orientierten Zeitung Der Feminist läßt sich schon am Titel erkennen. Hier sollen nicht nur Frauen angesprochen werden, sondern auch Männer. „Ein Feminist ist ein politischer Mensch, der sich parteiisch, das heißt wertend, Stellung beziehend verhält... Die Hauptaufgabe des Feministen ist heute und in der Zukunft die Lösung der Frauentage, die Abschaffung des Sexismus: der Diskriminierung und Ausbeutung auf Grund des Geschlechts“, heißt es in der Standortbestimmung der ersten Nummer. Feministisches Denken und Handeln sind nach Hannelore Mabry, der Herausgeberin der Zeitung, keine bloße Frage der Biologie. So wird die Gallionsfigur der westdeutschen Frauenbewegung, Alice Schwarzer, als „Nicht-Feministin“ bezeichnet, und alle Männer werden aufgefordert, dem Patriarchat den Rücken zu kehren und Wahlfeministen zu werden. Langfristiges Ziel der Feministen ist immer noch – trotz vieler Enttäuschungen – die Gründung einer feministischen Partei und die Vertretung im Parlament.

So vielfältig wie die Palette der feministischen Zeitschriften ist auch die augenblickliche Situation in der Frauenbewegung, Während in einigen Frauenzentren, wie zum Beispiel in Köln, bei dünnem Tee sektiererisch darüber gestritten wird, ob auch Transvestiten aufgenommen werden können, wollen politisch engagierte Feministinnen die Öffentlichkeit in stärkerem Maß auf Diskriminierungen von Frauen aufmerksam machen. Überlegungen zur Frauenarbeitslosigkeit, zu dem Komplex von Lohn und Hausarbeit sowie zu einer Modernisierung der Rentenverteilung sind Themen, die in vielen feministischen Zeitungen behandelt werden.

Renate Möhrmann Ist Professor am Institut für Theaterwissenschaft der Universität Köln und Autorin des Buches „Die andere Frau – Emanzipationsansätze deutscher Schriftstellerinnen Im Vorfeld der achtundvierziger Revolution“ (Metzler, Stuttgart). Mit Berta Rahm gibt sie die Loseblattserie Ober-„Politikerinnen und Pioniere für Menschenrechte, Freiheit und Frieden“ (ALA Verlag, Zürich) heraus.