Von Hans C. Blumenberg

Zuerst kommen die Geier. Unauffällig sehen sie sich um. Gibt es Gurken in der Stadt, kann man sie fegen? Dann erst kommt der Monarch, ein blasser, verbindlicher Mensch von vierzig Jahren, der sich mit Bedacht das Aussehen eines mittleren Angestellten zugelegt hat. Der Monarch ist ein Profi, er lebt davon, Glücksspielautomaten der Marke „Mint“ auszuplündern. Im Jargon heißt das: „Gurken fegen“. Und „Geier“ nennt der Monarch, der größte seiner Branche, jene gutbezahlten Handlanger, die für ihn die Kneipen auskundschaften, in denen „Mint“-Automaten hängen. Jahrelang hat der Monarch trainiert, bis es ihm gelang, die Maschinen – im Volksmund auch „Groschengräber“ genannt – mittels eines schier unglaublichen Reaktionsvermögens zu überlisten. Er ist ein Künstler, kein Krimineller.

Der Monarch, der im Privatleben Herr Wendtland heißt, war der absolute Star der 13. Internationalen Hofer Filmtage. Er reiste rechtzeitig genug an, um noch drei Kneipen des Ortes heimzusuchen, bevor er sich abends im wie immer restlos überfüllten „Central“-Kino Szenenapplaus holte, als authentischer Titelheld des Films „Monarch“, mit dem das Dokumentaristenteam Flütsch/Stelzer nach Hof gekommen war. Dieses Porträt eines besessenen Spielers, leider allzu routiniert und mit verbrauchten Fernseh-Tricks gedreht, war typisch für die Stimmung dieses angenehmsten, nach Berlin auch wichtigsten deutschen Filmfestivals, für ganze 75 000 Mark von Heinz Badewitz auf wundersame Weise organisiert: Längst eine Affäre von internationalem Rang, in diesem Jahr mit einer Retrospektive des zu Unrecht wenig bekannten amerikanischen Regisseurs Curtis Harrington, eines Meisters subtiler Horrorgeschichten. Dazu gab es Premieren neuer Filme aus der Schweiz, aus Holland, aus England, allesamt in Anwesenheit der Regisseure. Im Mittelpunkt aber stand wie immer das deutsche Kino.

Und das, so scheint es, besitzt zwei Gesichter. Vor wenigen Wochen, beim Filmfest in Hamburg, zeigte es seine Kummerfalten, seinen Lebensekel, seine Angst. Da dominierten Verzweiflungs- und Selbstmordgeschichten, da gab es wenig zu hoffen und nichts zu lachen. In Hof indessen stellte sich ein ganz anderes deutsches Kino vor: zwar auch ein nachdenkliches, aber dabei lustvoll verspieltes, bisweilen abgründig witziges, zu grotesken Scherzen aufgelegtes.

So mochte denn der Spieler „Monarch“, der sich auf seine Weise gegen die Normen der verwalteten Mittelmäßigkeit auflehnt, als eine Symbolfigur der Hofer Filmtage gelten (die ja auch stets beiläufig demonstrieren, wie man ein Festival – in der lebendigen „Provinz“ – ohne Leistungsdruck und Größenwahn veranstalten kann). Aber noch mehr Käuze, Unangepaßte, Spieler, Träumer, Verrückte prägten die fünf Tage am Rande der Bundesrepublik. Einer von ihnen, der seltsamste, hieß Wilhelm Busch.

„Wie wohl ist’s dem, der dann und wann sich was Schönes dichten kann!“ In Niklaus Schillings viertem Spielfilm „Der Willi-Busch-Report“ tobt ein durchaus würdiger Nachfolger des Dichters von „Max und Moritz“ durch eine deutsche Landschaft, die man wohl idyllisch nennen könnte, wäre sie nicht von einer Grenze verunstaltet. Willi Busch (gespielt von Thilo Prückner, der noch nie so gut war wie jetzt bei Schilling) ist ein Phantast, ein Einzelkämpfer wider die Verödung der Köpfe und der Landschaften. Als alleiniger Redakteur der „Werra-Post“, eines trostlos vor sich hin siechenden Provinzblattes, das durch die deutsche Teilung den größeren Teil seiner Leser schon vor 35 Jahren verloren hat, sucht Willi Busch einen Ausweg aus der Misere. Wenn schon nie etwas passiert im öden Kaff Friedheim direkt an der Zonengrenze, hilft Willi Busch den Ereignissen auf die Sprünge, betätigt sich nächtens als Telephon-Marder, um dann am nächsten Tag einen neuen Fall von Vandalismus in der Zeitung anzuprangern.

Doch was sich anläßt als kauzige Komödie über einen Schreibtischtäter, wächst sich allmählich aus zu einem zwielichtigen Drama. Denn was Willi herbeisehnt und herbeischreibt – das Wunder von Friedheim (Kleines Mädchen verkündet Wiedervereinigung), der große Spionagefall – scheint tatsächlich zu geschehen. Unversehens mit der Realität konfrontiert, erleidet Willi Busch einen Realitätsverlust, gerät in einen Verfolgungswahn,