Von Theo Sommer

Es wäre schön, wenn sich das koreanische Attentatsdrama als Lehrstück begreifen ließe. Wo es schon nicht der Volkszorn war, der den Staatspräsidenten Park Chung Hee hinwegfegte, sondern der Geheimdienstchef, der ihn mit der Dienstpistole niederstreckte, möchte man in dem Mord wenigstens einen Akt politischen Widerstands, ein Fanal bevorstehenden Wandels sehen dürfen. Aber die widersprüchlichen Darstellungen, die Seoul der Weltöffentlichkeit nach den Schüssen im Eßzimmer verabfolgt hat, lassen derlei Schlüsse kaum zu. Ein Mafiosenstreich scheint sich da in der herrschenden Clique abgespielt zu haben, nicht eine befreiende politische Tat.

Park hat achtzehn Jahre lang mit eiserner Faust über Südkorea geherrscht. Die aggressiven Wahnvorstellungen des nordkoreanischen Diktators Kim Il Sung lieferten ihm Anlaß oder Vorwand, sich immer tiefer in eine selbstzerstörerische Sicherheitsbesessenheit hineinzusteigern. Im Jahre 1972 schneiderte er sich eine Verfassung nach Maß: die Yushin-Verfassung. Sie verbürgte ihm sein Amt auf Lebenszeit; erlaubte ihm, der Opposition Zügel anzulegen; gab dem Präsidenten das Recht, ein Drittel der Parlamentsabgeordneten zu ernennen; sah obendrein auch noch Notstandserlasse vor, mit denen er sich über den vorgeprägten Willen eines ohnehin gegängelten Parlaments hinwegsetzen konnte. Als 1975 Vietnam fiel, erließ Park zu allem Übel jenes Notstandsdekret Nr. 9, Südkorea wurde Polizeistaat.

Gegen Knebelung, Folterung und Unterdrückung begehrten schon früh die Studenten und die Intellektuellen auf. Aufrechte Männer und Frauen der Kirchen gesellten sich zu ihnen. Die Oppositionspartei ließ sich stets nur durch brutale Verfolgung und hanebüchene Gerichtsurteile kaltstellen. Ihr früherer Führer Kim Dae Jung, der 1971 fast gegen Park gesiegt hatte, wurde gewaltsam aus Japan entführt und dann eingekerkert. Der jetzige Chef Kim Young Sam, der Ende 1978 mit seiner Partei 1,1 Prozent mehr Stimmen gewann als die Regierungspartei und seither darauf pocht, nur die Yushin-Verfassung hindere ihn daran, den vom Volk gewünschten Machtwechsel zu vollziehen, wurde durch Gerichtsbeschluß seines Amtes enthoben – worauf alle Oppositionsabgeordneten in mutiger Solidarität ihr mit 3000 Dollar monatlich dotiertes Mandat niederlegten.

Park kam mit seiner Repressionspolitik durch, solange Südkoreas Wirtschaft florierte. Sie tat es jahrelang auf eindrucksvolle Weise, mit Wachstumsraten über zehn Proeznt – ein bestaunenswertes Entwicklungswunder in der Dritten Welt. Aber die forcierte Industrialisierung hatte ihren Preis: Landflucht und Verstädterung; Nachhinken der Landwirtschaft im allgemeinen Aufschwung; riskantes Wirtschaften viel zu vieler unterkapitalisierter Unternehmen; Entstehen sozialer Spannungen. Seit einigen Jahren ist das Thema „soziale Gerechtigkeit“ ebenso brisant wie das Thema „Bürgerrechte“. In diesem Jahr aber trieb die Wirtschaft in die Flaute. Die Inflation stieg auf 30 Prozent, die Arbeitslosigkeit auf acht Prozent. Viele Betriebe mußten schließen. Den demonstrierenden Studenten, die demokratische Zustände verlangten, traten die entlassenen Arbeiter und Arbeiterinnen der Pleitefirmen und die bedrohten Kleingewerbetreibenden des neuen Mittelstandes zur Seite. Politische Kritik und wirtschaftliche Unzufriedenheit ergaben ein explosives Gemisch. In den Oktoberunruhen von Pusan, Masan, Taegu entlud es sich.

Der Präsident wollte, wie stets, drakonisch Ordnung schaffen. Er beschwor die Gefahr eines nordkoreanischen Blitzkrieges herauf, verdammte die Aufsässigen als „unsaubere Elemente“, verhängte das Kriegsrecht. Sein Garnisonsstaat wurde noch unerbittlicher, der Ruf nach Wiederherstellung der Demokratie unterdrückt. Der Präsident begann nach zehn Wochen Unruhe aufzuatmen: Die Opposition war ausgeschaltet; das Kriegsrecht tat seine Wirkung; der amerikanische Präsident schickte seinen Verteidigungsminister nach Seoul, der zwar gegen die Menschenrechtspolitik des Regimes protestierte, im übrigen jedoch der gemeinsamen Sicherheitspolitik den Vorrang einräumte. In diesem Augenblick griff der Geheimdienstchef zur Pistole.

Schoß Kim Jae Kyu, weil er mit dem Präsidenten über Kreuz war und seine Amtsenthebung gewärtigen mußte? Oder befürwortete er wirklich, wie manche Beobachter spekulieren, eine Politik größerer Mäßigung und Toleranz? Die seltsamen Umstände des Attentats sprechen dagegen. Auch weist bisher wenig genug darauf hin, daß das Militär eine Kursänderung wünsche oder zulassen werde – zumal in der Unberechenbarkeit Nordkoreas auch weiterhin der Zwang zur Wachsamkeit begründet liegt, damit aber auch die Verführung zur Abendessen weiterbesteht.

Der Mord beim Abendessen hat der Karriere und dem Leben des Despoten im „Blauen Haus“ zu Seoul ein Ende gesetzt. Der befreiende Neuanfang koreanischer Demokratie steht noch aus.