Bonn, Ende Oktober

Anscheinend in den Wind gesprochen sind alle Ratschläge, die Familienpolitik nicht als Wahlkampfthema zu benutzen. Die Union klammert sich daran; sei es, weil von Franz Josef Strauß bis Heinrich Geißler da alle an einem Strick ziehen oder doch wenigstens den Eindruck erwecken (wozu es sonst wenig Gelegenheit gibt); sei es, weil sinkende Geburtenraten so recht geeignet scheinen, dem Thema dramatische Akzente zu geben, wenn es nicht gar ein deutsches Trauma berührt.

Vereinzelte Stimmen in der Union nennen es zwar "absolut inhuman", Familienpolitik "bevölkerungspolitisch zu begründen". Genau das reißt aber ein; pompös ist von Kinderfreundlichkeit oder einer ungetrübten Zukunft die Rede, gemeint ist hingegen ein Rentenversicherungsproblem. Solche Rechenoperationen führen konsequent zum Wunsch nach einer "aktiven" Bevölkerungspolitik, nach Staatsintervention bei sinkenden Geburtenraten.

Baden-Württemberg zahlt bereits eine Prämie von 2000 Mark pro Baby. Im Bundesrat haben die Unionsländer kürzlich eine ähnliche Initiative ergriffen, wonach nicht erwerbstätige Mütter während der ersten Monate der Kinderbetreuung mit den Müttern gleichgestellt werden sollen, die – wie von der Koalition beschlossen – bezahlten Mutterschaftsurlaub erhalten. Gegen ein solches Erziehungsgeld für alle lassen sich keine prinzipiellen, sondern allein finanzielle Einwände geltend machen. Strauß kennt sie; aber die Familien Politiker der Union haben den Sparpolitiker Strauß besiegt.

Erschreckend an all dem ist die Erfahrung, mit welcher Wucht ideologische Begründungen in die Politik einbrechen, ja, ihr erst den Schwung geben. Es läßt sich nicht pauschal über den "Bestandserhaltungswillen" einer Gesellschaft reden, als sei das eine mythische Kraft, als gebe es ewig gültige Kriterien für eine "normale" oder "optimale" Geburtenrate.

Um Ideologie handelt es sich auch, wenn behauptet wird, ein falsches familienpolitisches "Leitbild" habe zu dieser Entwicklung geführt. Das stellt die Verhältnisse auf den Kopf und nimmt die Ursachen von Verhaltensänderungen nicht zur Kenntnis. Aber dahinter verbirgt sich ein neues "Leitbild", nämlich das einer intakten Institution Familie, die sich wiederherstellen lasse, wenn man sie nur als "Wert" vorgibt und mit ein bißchen Geld anreizt. Und gleichzeitig enthüllt es das Leitbild einer Familie, die dem Staat zu höheren Zwecken dient, wenn sie viele Kinder hat. So war früher einmal ordenswürdiger Patriotismus nachzuweisen. G. H.