Von Ben Witter

Ich rief Friedrich Kauls Kanzlei an. "Der Professor ist gegen elf wieder da", sagte die Sekretärin, "aber um was geht es denn?" "Ich möchte mit ihm spazierengehen und rufe kurz nach elf wieder an." Punkt elf rief Kaul an und sagte: "Ich lese, was Sie schreiben, und bin für eine Vorbesprechung in Frankfurt."

Im Hotel Frankfurter Hof sagte er: "Ich werde Ihnen in unserer Hauptstadt einiges zeigen, worauf wir auch stolz sein können." Ich hatte den Namen seiner Begleiterin nicht verstanden. "Das ist Frau Dr. Jun", wiederholte er. Sie war ein Stück größer als er und dreißig Jahre jünger und blond und beinahe schlank. Ihre beschwichtigende Stimme fiel mir erst auf, als wir über Tiefenpsychologie sprachen.

Friedrich Kauls Redeschwall verebbte. Frau Dr. Jun wollte sich frisch machen. "Das ist alles off the record, was wir hier jetzt sagen." Er beugte sich über den Tisch. "Aber Frau Dr. Jun fällt nicht darunter. Sie ist Psychiaterin. Ihr Mann flüchtete mit dem gemeinsamen Kind in die BRD, und ich kämpfte dafür, daß sie ihr Kind zurückbekam. Es war ein schwerer Kampf. Und jetzt lebe ich auch für dieses Kind. Frau Dr. Jun begleitet mich auf meinen Reisen. Die Partei hat unsere Beziehung abgesegnet." Frau Dr. Jun setzt sich wieder neben ihn. "Und ich werde dafür sorgen, daß Sie bald einreisen können. Es geht schneller, als Sie glauben."

Und noch das off the record, und das nicht, und das nicht. Und das konnte ich dann alles nicht mehr auseinanderhalten. Dazwischen immer wieder Anekdoten. Zu der Kellnerin, die im Hintergrund auf ihre Ablösung wartete, sagte er: "Ich kenne das, ich war auch mal Kellner, aber in Kolumbien." Ich hob das Glas und trank auf den Automaten in seinem Kopf. Sein gepreßtes Lachen ging ins Glas. Er trägt nur noch Schlipse, wenn es unbedingt erforderlich ist, und wirkt mit offenem Kragen und Halstuch auch jünger.

Am Übergang Invalidenstraße ging Friedrich Kaul die Kontrolle meines Passes zu langsam. Er nickte nicht einmal, als ein Feldwebel sagte, daßes sich bei meiner Besuchserlaubnis um eine Ausnahme handele und ich heute abend wieder zurückgebracht werden müsse.

In Kauls Büro hatte früher auch ein Anwalt gesessen. Da sah eigentlich alles noch wie früher aus. Früher hieß die Wilhelm-Pieck-Straße Lothringer Straße. Friedrich Kaul sagte wieder: "Also, erst mal alles off the record ...". Er war auf jedem der über fünfzig eingerahmten Photos an den Wänden, und wir saßen zwischen den Büsten von Ernst Thälmann und Rosa Luxemburg. Käthe Kollwitz’ Zeichnung vom toten Karl Liebknecht hing über der Couch.