Die Presse gerät auf die Anklagebank – die Politiker waschen ihre Hände in Unschuld

Von Klaus-Peter Schmid

Paris,im November

Jacques Chaban-Delmas, der Präsident der Pariser Nationalversammlung, sprach das schlimmere Wort aus: Mord. Er gedachte vor vollem Haus des Arbeitsministers Robert Boulin, der am 30. Oktober in den Tod gegangen war, nachdem die Presse über seine Verwicklung in eine zwielichtige Grundstücksaffäre berichtet hatte. Für jeden, der Chaban in diesem Augenblick hörte, war klar, wo die Mörder zu suchen waren: in den Zeitungsredaktionen. Chaban: „Er wurde das Opfer einer Verleumdungskampagne, die um so schwerer zu ertragen war, als sie auf einen ehrlichen, integren Mann zielte.“ Und auch die historische Parallele hatte jedermann vor Augen: den Selbstmord von Roger Salengro, Innenminister der Volksfrontregierung Léon Blums, im Jahre 1936 Opfer einer monatelangen Verleumdungskampagne zweier rechtsradikaler Gazetten.

Die „Affäre Boulin“ erschüttert wie ein Erdbeben Frankreichs politische Landschaft. Es geht längst nicht mehr um obskure Immobiliengeschäfte, es geht um die Demokratie. Für ein paar Tage verschwand der Name Boulin aus den Schlagzeilen, nachdem am letzten Freitag Robert Mesrine, der meistgesuchte Verbrecher des Landes, in Paris am Steuer seines BMW von der Polizei erschossen wurde. Doch der Tod des Gangsters wird bald vergessen sein, Boulins Ende hingegen zieht immer größere Kreise. Zu vieles ist unklar an seinem verzweifelten Schritt, zu klar war der Versuch, eine Aufklärung im Keim zu ersticken. Die Absolution, die sich Frankreichs Politiker nach dem Tod des Ministers eiligst selber spendeten, scheint wie ein Symptom dafür, daß sie aus ihrer Verantwortung fliehen, statt dem Bürger Rede und Antwort zu stehen. Genau besehen geht es heute in Frankreich um nicht weniger als um die Frage, ob sein politisches System nicht durch Affären und die Selbstherrlichkeit der Politiker so belastet ist, daß selbst der demokratische Kern nicht ohne Schaden bleibt.

Wer war dieser Mann, dessen Freitod zum Ärgernis wurde? Seine Biographie sieht etwa so aus: Robert Boulin, 59 Jahre alt, dienstältestes Regierungsmitglied der Fünften Republik, in zehn verschiedenen Ressorts erprobt, seit 20 Jahren zugleich Bürgermeister des Städtchens Libourne, von warmer Freundlichkeit, zurückhaltend, auch von seinen politischen Gegnern respektiert, Kandidat für die Nachfolge von Premierminister Raymond Barre. Am 30. Oktober, einem Dienstagmorgen, fanden Polizisten den toten Minister in einem Teich im Wald von Rambouillet, eine knappe Autostunde südwestlich von Paris.

Plötzlich im Rampenlicht