Der Amnestierte aus der DDR: weder gescheiterte Existenz noch deutscher Freiheitsheld

Von Joachim Nawrocki

Berlin, im November

Drei Wochen ist Nico Hübner jetzt im Westen. Die Genehmigung zum Verlassen der DDR kam fünf Tage nach der Haftentlassung so plötzlich, daß er nur eine Nacht lang Zeit hatte, sich von Freunden und Bekannt ten zu verabschieden. Als er dann völlig übermüdet nach einem Umweg über Nürnberg in West-Berlin eintraf, da prasselten die Reporterfragen, Interviewwünsche und Exklusivangebote über ihm zusammen. Er mochte sich der Publizität nicht entziehen, denn Nico Hübner empfindet, wie er sagt, „ein Gefühl der Dankbarkeit für alle, die sich für mich eingesetzt haben“.

Nico Hübner verdankt seine Freiheit und auch eine etwas bessere Behandlung in der Haft fraglos der Publizität seines Falles. Er und Rudolf Bahro sind die einzigen DDR-Bürger, die nach der Jubiläums-Amnestie in den Westen gehen durften. Deshalb sieht Hübner keinen Anlaß, denen zu grollen, die ihn bekannt gemacht haben. Aber er sagt auch: „Wenn die den Rummel jetzt weitermachen, kann ich doch nichts dafür.“

Vieles, was über Nico Hübner berichtet wird, ist sicherlich zu schrill geraten, auf der einen Seite wie auf der anderen. ZDF-Magazin-Chef Gerhard Löwenthal begegnete ihm in der Welt am Sonntag mit theatralischer Ehrfurcht: „...und dann ist es so weit, während mir noch all die vielen Einzelheiten durch den Kopf gehen, die ich mir im Laufe der Monate des publizistischen Ringens um seine Freiheit eingeprägt hatte, rollt die kleine Maschine aus ... Der Streß in Gesicht und Haltung unübersehbar – sein Händedruck aber fest und der Blick klar und unverschleiert, als wir uns nun zum erstenmal gegenüberstehen. Und beiden stockt ein wenig der Atem.“

Der stern dagegen, dem das Engagement der Springer-Presse für Nico Hübner offensichtlich suspekt ist, behauptete, Hübner sei in der DDR „wegen Rowdytums verurteilt und aus einer Bootsbauerlehre davongelaufen“. Nun werde er im Westen zum „Held aus der Retorte“ gemacht. Dieser Vorwurf ist deshalb so pikant, weil der stern für die Exklusivrechte an Nico Hübners Geschichte eine sechsstellige Summe geboten hatte – sicherlich nicht, um dann die Story über eine „verbrachte Existenz“ zu schreiben.