Von Manfred Sack

Mitsamt dem Hubschrauberlandeplatz oben drauf ist das Rathaus 120 Meter hoch und somit das höchste in Deutschland; mit seinem Rauminhalt ist es das größte, und da es durch das schwer zu beschreibende Geschick der Stadtverwaltung über 186 Millionen gekostet hat, ist es auch das teuerste.

Dabei hätten diese Zahlen eigentlich keine Rolle spielen sollen für die Aufgabe, der größten Stadt des Ruhrreviers, Essen, ein würdiges Bauwerk zu verschaffen, das den Bürgern den Umgang mit ihrer Verwaltung erleichtert, das eine angemessen funktionierende Arbeitsstätte ist, nicht zuletzt aber ein eindrucksvolles Zeichen der politischen Verfassung, kurzum der Mittelpunkt der über 700 000 Einwohner zählenden Kommune. Die Stadt hatte dafür 1963 einen international wahrgenommenen Architektenwettbewerb veranstaltet und vor der illustren Jury einen einstimmig gekürten Gewinner präsentiert bekommen, dem damit obendrein die Ausführung des Projektes verbrieft worden war. Die Aussicht war beneidenswert gut; schon vier Jahre später sollte mit dem Rathaus geschehen, was, um die Kleinigkeit von elf Jahren verzögert, erst diese Woche stattfindet: die Einweihung des neuen Rathauses.

Daß es jedoch ein vollständig anderes Rathaus ist als das, was die offensichtlich enthusiasmierte Jury vor fünfzehn Jahren ausgewählt hatte, ist Umständen zuzuschreiben, die man traurig nennen mag oder skandalös oder bitter. Die Zeichen, die allein der erbitterte Verhandlungs- und Papierkrieg hinterlassen hat, von den materiellen und seelischen Verwüstungen nicht zu sprechen, füllen Tausende von Briefen, Aktennotizen, Mahnungen, stecken in Plänen, gerichtlichen Verurteilungen und Vergleichen. Nein, von Baukunst ist hier wie von gegenseitiger menschlicher Achtung erschreckend wenig zu spüren.

„Macht große Pläne!“

Wenn wenigstens am Ende, während noch die Narben jucken, ein Stück großartiger Rathausarchitektur entstanden wäre und das Verzeihen erleichterte! Doch nichts dergleichen. Essen hat, dank seiner Unentschlossenheit, seiner lange dauernden Konzeptlosigkeit und seiner verhängnisvollen (mit Krach halb geschiedenen) Ehe mit der Neuen Heimat Städtebau einen zwar nicht schlechten, aber nur durchschnittlich guten Bau erhalten, der von der Baugeschichte höchstens im Anhang der verpatzten Gelegenheiten verzeichnet wird. Ein schlechter Architekt? Nein, ein schlechter Bauherr. Nachdem der alte Oberbürgermeister Nieswandt, der lautere Vater des Projekts, abgetreten war, traten nur noch Stiefväter auf, die sich mit dem Außergewöhnlichen nicht zu identifizieren vermochten. Es begannen die endlosen Nörgeleien und Händel. Man muß das wenigstens kurz zur Kenntnis nehmen, um zu verstehen, an welchen Trivialitäten die Hoffnung auf eine angemessene Architektur zerbricht.

Ganz am Anfang hatte es noch so geschienen, als habe die Stadt Essen zwei Sätze von der Art im Kopf gehabt, die ihr Pressereferent zur Einweihung zitierte, einen von Ludwig Mies van der Rohe und einen von dem Chikagoer Stadtplaner Daniel Burnham: „Wenn ihr plant, denkt nicht nur an den Hammer. Nehmt auch die Fanfare zur Hand. Bauen braucht schmetternde Ideen!“ Und „Macht keine kleinen Pläne! Ihnen fehlt der Zauber, das Blut in Wallung zu bringen. Macht große Pläne. Setzt das Ziel eurer Arbeit so hoch wie möglich. Abrupfen werden ohnehin noch andere.“