Wenn nicht alle Zeichen trügen, ist der französische Minister Robert Boulin, dessen Selbstmord im ganzen Land nicht nur Aufsehen, sondern auch Mitgefühl erregt hat, zwei verschiedenen Gegnern zum Opfer gefallen. Einmal arglistigen Betrügern, deren Manipulationen um ein von ihm gekauftes Grundstück er nicht durchschaute. Zum anderen aber Journalisten vom Canard Enchaîné und von Minute, die den Jahre zurückliegenden Fall aufgriffen mit dem Erfolg, daß der Politiker in den Verdacht zweifelhafter Machenschaften kommen mußte.

Menschen der Öffentlichkeit, vor allem Politiker, müssen in heutiger Zeit gute Nerven haben, um Angriffen aus den Kulissen und moralischen Verdächtigungen gewachsen zu sein. Robert Boulin, ein Mann der ersten Politikergarnitur, hatte diese Stahlnerven nicht. Sein Selbstmord war gewiß eine Fehlreaktion, ein nervliches Versagen. Er ertrug in einem bestimmten Augenblick der Belastung die Verdächtigungen und Verleumdungen einfach nicht. Zugleich sprechen wohl die Tatsache, daß er sich damals betrügen ließ, und sein Verhalten bei dieser Geschichte, aber auch sein Selbstmord, für seine Unschuld. „Anstand zahlt sich nicht aus!“ – dies bittere Wort fand die erschütterte Colette Boulin, als sie vom Tode ihres Mannes erfuhr.

Es sind nun schon heftige Worte gegen die Journalisten der beiden genannten Blätter gefallen, gegen ihre Attacke auf den Minister, die zu dessen Tod führte: „Assassins“ lautet ein Vorwurf: „Mörder!“ Und so konnte auch nicht ausbleiben, was zu befürchten war: Menschen, die sich allgemein durch ein ausgeglichenes Urteil auszeichnen, ließen Gedanken verlauten, daß die Pressefreiheit ein gefährlich Ding sei und daß man sich Sorgen machen solle, ihre Wirkungen einzuschränken.

Nun, wer solche verdammenswerten, verleumderischen Wirkungen eindämmen will, und das „von oben“ her, von Gesetzes wegen, schränkt die Pressefreiheit prinzipiell ein. Die aber ist wichtig, weil sie die Freiheit des Bürgers’ schlechthin ist. In der Meinungsfreiheit der Presse wird das Recht jedes Mannes, jeder Frau, die eigene Meinung zu sagen die eigenen Gedanken zu denken, ein eigenes, also menschenwürdiges Wesen zu sein, manifestiert.

Wie Journalisten beizukommen sei, die aus Bosheit, Leichtsinn, Besserwisserei, Sensationshascherei oder weil sie es eilig haben, auf gut Glück Verleumdungen produzieren oder Material veröffentlichen, das sich der Leser selber zur Verdächtigung zusammensetzt (niederreißen geht leichter und schneller vor sich als aufbauen), sollte Sache der Pressewelt bleiben.

Uns kommt ein Wort von André Malraux in den Sinn, der als Minister im Parlament den Vorwurf eigener Parteifreunde zurückwies. Diese hätten gegen ein Stück von Genet protestiert, mehr noch gegen seine Aufführung im Odéon, einem der Staatstheater. Malraux war gegen ein Verbot. Er war für die Freiheit der Kunst, des Theaters, der Aussage. Er blieb bei dieser Absicht trotz stürmischer Gegenrede und sagte doch: „Die Freiheit hat manchmal schmutzige Hände.“