Köln

So war es also, damals in Paris, als die Deutschen Juden jagten: „Am Freitag, dem 28. August 1942, ist der 25 000. Jude abgeschoben worden“, notierte der SS-Unterscharführer Ernst Heinrichsohn in seinen Akten. Sie wurden nach Auschwitz „abgeschoben“, in die Gaskammern: insgesamt mindestens 73 000, viele Frauen darunter, viele Kinder, viele Greise, Und auch diese Sätze aus einem offiziellen Bericht waren Heinrichsohn bekannt: „Das Welt Judentum muß wissen, daß die im deutschen Machtbereich befindlichen Juden ihrer restlosen Vernichtung entgegengehen.“

Das war im Juli 1942. Ernst Heinrichsohn, so erinnert sich ein Augenzeuge, war der „blonde junge Mann mit der Reitgerte, der besonders sadistische Züge hatte“. Später soll er von den Franzosen in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden sein. So war das also, damals...

Heute sagt Ernst Heinrichsohn, inzwischen 59 Jahre alt und wohlbestallter, wohlangesehener Rechtsanwalt: Er habe in „untergeordneter Stellung nur eine Bürotätigkeit“ in Paris ausgeübt, habe „nur Autotüren zugemacht und Akten getragen“, sei „nicht der Typ des brutalen Schlägers“, kann sich entweder nicht mehr erinnern oder habe sich „nicht im Entferntesten vorgestellt, daß etwas derartiges (wie der Massenmord in Auschwitz) passieren konnte“, außerdem „habe ich mir nicht jeden Tag den Kopf zerbrochen“. So ist das also heute...

Seit knapp zwei Wochen, 35 Jahre danach, steht der Rechtsanwalt Ernst Heinrichsohn zusammen mit seinen damaligen Kollegen Lischka und Hagen in Köln vor Gericht. Ein ehrenwerter Mann, angeklagt als Mitarbeiter im Judenreferat des Sicherheitspolizei-Befehlshabers in Paris der Mordbeihilfe in über 20 000 Fällen, darunter 4000 Kinder. Er gibt immerhin zu: „Es bedrückt mich, daß ich äußerlich dabei war.“ Er sagt sogar: „Ich fühle mich moralisch verantwortlich, aber nicht kriminell. Ich schäme mich auch.“ Aber er macht sich auch wichtig, als glaube er nicht, was er meint: „Falls ich verurteilt werde, verbringe ich eben den Rest meines Lebens im Zuchthaus. Wenn ich meinem nach wie vor sehr geliebten Vaterland dienen kann – bitte.“

Und so ist das also, noch immer: Dem CSU-Bürgermeister Ernst Heinrichsohn in dem 3600-Seelen-Ort Bürgstadt am Main, kurz vor der Anklageerhebung im März 1978 mit glanzvollen 85 Prozent der Stimmen wiedergewählt, bescheinigt eine seiner Bürgerinnen: „Die Dinge müssen mal ein Ende haben.“ Eine Mutter rühmt ihn, der einmal für den Abtransport von Kindern nach Auschwitz verantwortlich war: „Wenn ich sehe, wie er mit unseren Kindern umgeht... Die Kinder (der anderen) werden nicht mehr lebend, man sollte es vergessen.“ Der katholische Pfarrer will nicht wissen, was der ehrenwerte Sohn seiner Kirche damals getan hat – „keinen Zweifel an ihm“. Der CSU-Kreisvorsitzende kennt ihn nur als „den besten“ Mann seiner Partei – er wie die „vielen jungen Menschen in der politischen Verantwortung“ beurteilen ihn nur „aus einer Zeitspanne, die wir mit ihm verbracht haben ... der beste Garant für eine gesunde Demokratie.“

Darum dachte auch niemand, als die Beschuldigungen gegen diesen verdienten Heinrichsohn bekannt wurden, daran, ihm den Rücktritt zu empfehlen, ihn gar abzusetzen. Selbst die SPD benahm sich „sehr fair“ und stellte im Gemeinderat kein Mißtrauensvotum.