Von Joachim Nawrocki

Gut drei Wochen ist jetzt Günter Wallraffs Buch "Zeugen der Anklage – die Bild-Beschreibung wird fortgesetzt" auf dem Markt. Die Vorwürfe Wallraffs gegen die Bild-Zeitung sind ungeheuerlich, die Reaktion hingegen ist spärlich – jedenfalls bei denen, die es betrifft und die es betroffen machen sollte.

Die von Wallraff geschilderten Praktiken der Bild-Zeitung haben mit Journalismus nichts mehr zu tun. Sie sind – wenn die Bild- Beschreibung stimmt – offenkundig geeignet, Menschen ins Unglück zu stürzen. Der Deutsche Presserat will sich damit in seiner Sitzung Ende November in Bremen befassen; was dabei herauskommt, ist ungewiß. In den Grundsätzen des Deutschen Presserats heißt es: "Bei der Beschaffung von Nachrichten, Informationsmaterial und Bildern dürfen keine unlauteren Methoden angewandt werden." Der Deutsche Journalisten-Verband, der auch das Ansehen dieses Berufes zu verteidigen hätte, plant eine Rezension des Buches in seinem Verbandsorgan und will über Wallraffs Vorwürfe "Punkt für Punkt" im Deutschen Presserat debattieren.

Der Axel Springer Verlag, reagierte auch nicht fixer. Die Justitiare des Hauses erklären, der Verlag gedenke wegen Wallraffs Veröffentlichung "erst mal überhaupt nichts zu tun", weil mit juristischen Maßnahmen gegen Wallraff nur für ihn Reklame gemacht würde. Man werde die Angriffe Wallraffs zwar nicht hinnehmen, aber doch das Buch erst "in aller Ruhe prüfen". Auch der Verleger selber bewahrt die Ruhe – er äußert sich nicht. Ist es Axel Springer, der in seinen Reden und Aufsätzen als ein Mann von hoher Moral und Sittlichkeit erscheint, gleichgültig, ob die Vorwürfe Wallraffs für richtig oder unrichtig gehalten werden?

Gewiß gibt es in Deutschland auch andere Zeitungen, denen die künstliche Sensation, eine vermeintlich gute Story wichtiger ist als eine richtige Story. Aber Wallraffs Schilderungen erhärten den Verdacht, daß nirgendwo mit so viel Bedenkenlosigkeit gearbeitet wird wie bei der Bild-Zeitung. Und sie sind großenteils so belegt, daß nicht von vornherein an ihrer Richtigkeit gezweifelt werden müßte. Ein paar Fälle, wie Wallraff sie beschreibt:

  • Da wird ein Mann, dessen Frau Selbstmord begangen hat, von einem Bild- Redakteur ausgehorcht, der sich nicht als Journalist zu erkennen gibt. Die Geschichte, die daraufhin in Bild erscheint, stellt die Hintergründe dermaßen verzerrt dar, daß auch der Ehemann voller Scham und Verzweiflung aus dem Leben scheidet. Der Verlag zahlt Schmerzensgeld und Versorgungsrente für die Kinder.
  • Da wird eine Frau, die sich – hilfesuchend – auf Grund der Aktion "Bild kämpft für Sie" an ihre Zeitung wendet, weil sie das Gefühl hat, von ihrem Fahrlehrer ungerecht behandelt zu werden, in die Schlagzeilen gezerrt, systematisch verhöhnt und als gefährliche Autofahrerin dargestellt. Ein scheinbar menschenfreundlicher Redaktionsservice wird für die Gewinnung von Bild-Geschichtchen mißbraucht.
  • Da werden die Notlage und Unerfahrenheit einer Untersuchungsgefangenen dazu ausgenutzt, ihr einen von Bild am Sonntag bezahlten Rechtsanwalt zuzuspielen, der offenkundig mehr die Interessen der Zeitung als die seiner Mandantin vertritt. Ob dies auch ein Fall für die Ehrengerichtsbarkeit ist? Der Präsident der zuständigen Anwaltskammer Saarbrücken Senssfelder beruft sich auf seine Schweigepflicht.

Wäre es nun nicht angebracht, wenn der Verleger von Bild zu solchen Vorwürfen Stellung nähme? Axel Springer wurde im vergangenen Monat von einer amerikanischen Stiftung als "Mann des Gewissens" geehrt. Bei dieser Gelegenheit sagte er: "Dem Abfall von Gott folgt der Abfall vom Menschen, dem Ebenbild Gottes, auf dem Fuße. Preis und Fluch dieses Abfalls ist die Trägheit des Herzens, jene Sünde, die gewiß nicht vergeben wird."