Von Barbara Hartl

Paris

Kopf nach oben, Schwanz nach unten baumeln sie fein säuberlich aufgereiht im Schaufenster von „Chez Aurouze“: 30 Exemplare rattus norvegicus, Jahrgang 1925, erlegt in den damals noch gleich um die Ecke liegenden Fleischerhallen.

Der kleine Laden in der tue des Halles Nummer acht könnte auch Delikatessen verkaufen, so fein sieht er aus. Der Name „E. Aurouze, gegründet 1872“ prangt in goldenen Lettern auf gepflegt gelacktem grünen Hintergrund. Diplome im Innern des Verkaufsraums zeugen von der Qualität des Unternehmens: Amsterdam 1883 Silbermedaille, Paris 1900 Goldmedaille, Saint Louis 1904 Goldmedaille, London 1908 Ehrendiplom. Was Cartier für Schmuck, Fauchon für Eßwaren und Hermes für Leder ist, bedeutet Aurouze für Tierfallen und Gifte.

In seinem edlen Katalog aus dem Jahr 1928 bietet das Haus „Teufelspastete (Marque déposée)“ und „Diabolische Körner“ an, die „Ratten und Mäuse sicher und geruchlos ins Jenseits befördern“. Modell 594 ist eine „rostfreie Mausefalle aus Kristall, Zink und Kupfer“. „La Souricière Parisienne wird im eleganten Karton geliefert“. Preis 16 Francs.

Die Ehre, in dieser Luxusfalle zu enden, wurde wohl nur wenigen privilegierten „surmulots“ – so nennen die Franzosen ihre grauen Ratten – zuteil. Im Jahr 1750 waren sie in großer Zahl eingewandert. Ein Erdbeben hatte sie aus ihrer Heimat, rund um das Kaspische Meer, vertrieben. Gleich nach ihrer Ankunft in Paris kam es zu blutigen Auseinandersetzungen mit den bereits hier ansässigen Rattenstämmen: den Schwarzen und den Braunen. Sie waren von heimkehrenden Kreuzrittern und von Landsknechten während der Religionskriege aus hungernden deutschen Landen unter die Tische der Pariser gebracht worden. Dort ging es ihnen so gut, daß sie bei Ankunft der starken Grauen aus dem Osten zu satten Schwächlingen degeneriert waren und von ihren Artgenossen kurzerhand aufgefressen wurden. Ratzebutz.

Seitdem sind die Grauen die Herren über 2100 Kilometer begehbare Abwässerkanäle, 280 Kilometer Untergrundbahn und Zehntausende von Kellern. Paris – ein Rattenfest fürs Leben.