Zu viel Salz und zu wenig Pflege

Von Günter Haaf

Der Kampfstoff liegt bereit, weißlich schimmernd und aufgetürmt zu Tausend-Tonnen-Halden. Sobald der Feind sich blicken läßt, gewöhnlich um die Weihnachtszeit, rücken die motorisierten Kolonnen aus. Gnadenlos schleudern sie den Stoff über die frisch gelandeten Truppen des General Winter, bis auch die letzte Schneeflocke geschmolzen und damit die Fahrt frei ist für das Volk der Autofahrer: Das Salz hat wieder gesiegt.

Letzten Winter, wer erinnert sich nicht, kam es zur bislang größten Materialschlacht gegen winterliche Glätte in der Geschichte der Bundesrepublik. Mehr als eine Million Tonnen Salz auf den Straßen verschafften deutschen Pneus eine Bodenhaftung, als wär’ der strenge Winter nur ein feuchter Frühling. Auf manchen Hauptverkehrsstraßen Hamburgs luden die Kolonnen bis zu eineinhalb Kilogramm Salzfracht pro Quadratmeter ab. Doch nun sieht es so aus, als könnte sich der totale Tau-Triumph nachträglich in einen Pyrrhus-Sieg verwandeln. Denn das Salz siegt weiter: Nach Schnee und Eis vernichtet es nun die Bäume entlang der Straßen – Lebewesen mithin, die in den Städten ohnehin schon schwer um ihre Existenz ringen.

Die Wirkung der Streukampagnen auf Straßenbäume ist nicht neu. Schon 1968, wenige Jahre nach der Einführung der Auftauaktionen per Salz in der Bundesrepublik, fand der renommierte Hamburger Botaniker und Baumexperte Professor Ulrich Ruge erste Schäden. Doch erst jetzt, nach der Streuorgie der letzten Saison und nachdem die Erkenntnis, daß Grün mehr ist als eine Ampelfarbe, bis in die Rathäuser vorgedrungen ist, sammeln sich die Salzgegner zum Gegenangriff: neben den Baumfreunden auch Ingenieure, die ihre Brückenbauten schneller verschleißen sehen, und Wasserwirtschaftler, die ihr kostbares Naß zusehends versalzen finden – wie zum Beispiel im oberbayrischen Schliersee, dessen Oberflächenwasser "dem Salzwassergehalt des Atlantik nahekommt" (so der Münchner Professor Julius Speer).

Die Argumente wider das Salz fochten bislang die für den Streueinsatz zuständigen Straßenbauämter wenig an. Sie beriefen sich auf ihre Pflicht, den Verkehr am Laufen und die Autofahrer am Leben zu halten, und sie zweifelten von Fall zu Fall die Folgen ihres Tuns an: Nicht das von ihnen aufgebrachte Salz, sondern das der privaten Gehwegstreuer sei schuld; überdies würgten die allgemein schlechten Standortbedingungen in der Stadt die Bäume ab.

Nächste Woche bekommt es, stellvertretend für andere Rathausparlamente, der Umweltausschuß der Hamburger Bürgerschaft schwarz auf weiß, daß die Ausflüchte nicht zutreffen.