Das Mädchen, das Gott sein wollte – Seite 1

Ein Dokument zum Leben und Sterben der Sylvia Plath

Von Reinhard Baumgart

Sylvia Plath? Gäbe es keine Frauenbewegung, dieser Name wäre hierzulande wohl längst wieder verschollen. Ein schmaler Gedichtband ("Ariel", Bibliothek Suhrkamp, 1974) hat trotz Erich Frieds hingebungsvollen Übersetzungsversuchen nur klargemacht, wie schwer sich ins Deutsche herüberretten läßt, woraus diese Dichtung lebt: die Materialität der englischen Sprache, eine ungebrochen "romantische" Tradition, aber auch die Himmel- und Höllenfahrten der letzten Plathschen Lebensmonate, die hier streng verschlüsselt und doch schmerzhaft offen nachvollzogen werden.

Verwirrend bleibt sogar, kennt man Sylvia Plaths Leben nicht, die Lektüre ihres scheinbar ungleich leichter geschriebenen Romans ("Die Glasglocke", Bibliothek Suhrkamp, 1968). Das Buch scheint irgendwo in seiner Mitte zusammengeleimt aus zwei Teilen. Vorn breitet sich ein absurder bis alberner Jungmädchenroman aus, eine Art "Nesthäkchen in Manhattan", in dem sich dann langsam, unhörbar die Tür zu einer Kellertreppe öffnet, über die der Leser zögernd in eine Unterwelt der Angst, der Selbstmordversuche und Elektroschocks hinunterstolpert und -stürzt. Das liest sich, als wäre Sylvia Plath mitten im Schreiben vom Leben erwischt worden. Und so war es auch.

Kaum also, was auf deutsch von ihrem Werk zu lesen ist, sondern eher, was man von ihr wußte, von diesem kurzen, heftigen, nach dreißig Jahren durch einen zweiten, diesmal "geglückten" Selbstmordversuch ausgelöschten Leben, das hat die Erinnerung an diese Amerikanerin wieder aktuell werden lassen. Hätte sie überlebt, wäre sie heute gerade siebenundvierzig. Statt dessen steht sie nun, neben der Günderode oder Virginia Woolf, als Zeugin, Märtyrerin für einen weiteren Frauenuntergang in einer Männerwelt. Fragt sich nur, ob sich dieses Leben für einen solchen Beweisgang zurichten läßt.

Liebeslitaneien

Wie in allen "Bewegungen" gibt es auch in der der Frauen den Drang, alles Nahestehende mit einer Sympathie zu umarmen, die Lebewesen plattdrücken kann zu Zeichen und Beispielen. Man braucht Vorläufer, ob in der Rolle von Helden oder von Opfern, und Sylvia Plath, das ist sicher, ist auch an ihrer Frauenrolle gescheitert. Aber das heißt, um die (letztlich ahnungslose und pathetische) Ursachenrechnung für einen Selbstmord weiter zu differenzieren und zugleich zu verallgemeinern: "schuld an" diesem 11. Februar 1963 waren eine (sorgenvolle) Mutter, ein (zu früh und fahrlässig dahingestorbener) Vater, war eine ganze (wunderbare) Familie, waren die fünfziger Jahre, die amerikanischen Mittelstandsnormen in Sylvia Plaths Kopf, waren ihre Begabung, ihr Ehrgeiz, ihre Lebensenergie, waren ihre beiden Kinder und ihr Mann, der Dichter Ted Hughes, waren, ihre (kaum ausgelebte, aber geschriebene) Wut und Trauer, aber auch ihr Optimismus – gerade der. Und diese Schuldlitanei ließe sich fortsetzen bis ins fast Unendliche, worauf sich als Summe ergäbe: ihr Leben hat Sylvia Plath in den Tod getrieben. Etwas genauer: ausgerechnet alles, was diesem Leben seinen Umriß und seine Aura gab.

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Aber solche Hochrechnungen darf zunächst vergessen, wer sich auf ein nun auch auf deutsch vorliegendes Dokument einläßt, das Buch von –

Sylvia Plath: "Briefe nach Hause 1950–1963", ausgewählt und herausgegeben von Aurelia Schober-Plath, aus dem Englischen von Iris Wagner; Hanser Verlag, München, 1979; 538 S., 39,80 DM.

Es sind Briefe, die sogar vergessen lassen, daß eine inzwischen weltberühmte Lyrikerin sie verfaßt hat. Sylvia Plath, an ihre Mutter schreibend, produziert keine literarischen Schmuckstücke. Hochauffliegende, imponierende Sätze ("Die Welt im aufgeplatzt vor meinen gaffenden Augen und hat ihre Eingeweide verspritzt wie eine geborstene Wassermelone") passieren nur ausnahmsweise, wie aus Versehen. Über den Alltag einer Studentin oder Mutter oder Schriftstellerin wird in einer lebhaften, direkten Sprache berichtet, die nur selten ihre Alltags- und Mittellage verläßt und die auch in dieser Übersetzung ihre ganze Unmittelbarkeit ausstrahlt. Selbst außerordentliche Emotionen kommen in ordentlichen Allerweltsfloskeln unter: "Mir ist, als wandele ich im Traum ... London ist einfach phantastisch ... der zauberhafteste Nachmittag meines Lebens ...", so rauscht es in solchen Glücksbriefen dahin. Wir dürfen und müssen also keinem Genie zuschauen. Identifikation ist möglich.

"Briefe nach Hause" – der Titel ist richtig und könnte den Verdacht nahelegen, daß die Dichterin Plath vor ihrer Familie in einer Art Sklavensprache auftritt, daß dieses rüstige Kostüm der U.S.-Normalität sie eher verbirgt. Aber so einfach, als eine in zuweilen tagtäglichen (!) Briefen produzierte Lebenslüge, läßt sich dieses Drama mit tödlichem Ausgang nicht entziffern. Die Liebes- und Bewunderungslitaneien, in denen da immer wieder der Mutter Salut geschossen wird (aus einem einzigen Brief: "Du hast ... ertragen / Du leistest... / Du hast... gekämpft / Du hast dafür gesorgt ... / Du warst bei mir in ... / Du hast durchgestanden ..." Also: "Denk an Deine Reise ins Zentrum der Kraft Deiner Tochter, die Dich inniger liebt, als Worte auszudrücken vermögen"). – diese Beteuerungen sind zweifellos echt. Man hängt aneinander. Ja: "Man" – denn ein Zwang in dieser Liebe hinüber und herüber bleibt spürbar. Offenbar hat die Tochter draußen in der Welt, in den Colleges und der Literatur, den Auftrag ihrer Mutter zu erfüllen, als wäre sie "delegiert", einen Lebenserfolg zu ertrotzen, der ihrer zaghafteren Mutter versagt blieb.

"Briefe nach Hause": eine unendliche Serie von Rechenschaftsberichten, Glücksrufen, Klagen oder verdeckten Vorwürfen (im Sinn von "Nimm den Kelch von mir"). Fast möchte man sagen: von Frontberichten. Während Mutter Schober-Plath hinten in der Etappe und Heimat sich sorgt um die siegende oder geschlagene Tochter ("kämpfen" ist eines von deren Schlüsselwörtern) und einen immer neuen Nachschub von Zuspruch, Strategien, Kampfmoral liefert.

Kein Wunder also, wenn diese außerordentliche Tochter die ordentliche Sprache der Mutter und das in ihr enthaltene normative Universum der Leistung, des Anstands, der Lebensvorsicht, des Sichzusammen- und Rücksichtnehmens nie ernstlich aufbricht, trotz ihres spürbar heftigeren, unbescheideneren Wesens. Schließlich hatte sie schon als Siebzehnjährige in ihr Tagebuch geschrieben "Ich glaube, ich würde mich gern ,das Mädchen, das Gott sein wollte‘ nennen "God’s Lioness" nennt sie sich dann in einem ihrer späten Gedichte. Eine Löwin also schreibt Briefe an den Zoo, in dem sie geboren und erzogen wurde und dem sie nie mehr wirklich entkommen wird (außer in den dunklen, genauen Ausschweifungen ihrer Gedichte).

So erfahren wir hier unendlich mehr (oder auch: weniger) als die Entwicklung einer Schriftstellerin. Sylvia Plath bewegt sich mit einem im schönsten und fast schon vergessenen Sinne "amerikanischen" Kopf so naiv und spontan durch ihr 18- bis 30jähriges Leben, daß aus ihren Briefen das letzte abgeschlossene, also historisch gewordene Jahrzehnt wieder aufzuleuchten beginnt: die fünfziger Jahre, die Zeit zwischen Eisenhower und Adenauer.

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Sie rackert sich durch ihre Universitätskarriere, sie tanzt mit Scarlett-O’Hara-Gefühlen durch Millionärsvillen, unterhält sich folgsam mit den ihr verordneten "dates" (über "Hat das Universum einen Sinn bis zum Belgisch-Kongo"), berennt alle ihr erreichbaren Magazine und Preiskommitees mit ihren Manuskripten, gewinnt ermüdet und unermüdlich Stipendien, schließlich auch nach Cambridge in England, sie berauscht sich am Überschreiten von Meeren und Landesgrenzen. Kurz: sie stellt, wenn auch manchmal unter Heulen und Zähneklappern, das scheinbar leuchtende Gegenbild zur Lebenstrauer oder Motivationsleere ihrer heutigen Altersgenossen. "Sie halten sich schön gerade", sagt ein Arzt über ihr Rückgrat, "aber Sie sind dauernd in Gefahr, aufs Gesicht zu fallen." Ein Schlüsselsatz für Mutters Beste.

Natürlich sind wir außerstande, Sylvias herzlich angestrahlte, kämpferisch berannte Fünfziger-Jahre-Welt andauernd so hinzunehmen, wie sie in diesen Briefen aufscheint. Unter dem Brieftext läuft für uns ja immer der Subtext unseres Vorauswissens: das uns bekannte Ende dieser Lebensenergie lesen wir immer wieder in alle ihre Bekundungen hinein. So erhalten noch Glücksausbrüche ihren Trauerrand.

"Intensiv leben" ist die Wunschparole der Briefe. Jede neue Erfahrung, ob mit Büchern oder Menschen oder Städten, kann diese Frau sofort in Brand setzen vor Enthusiasmus und Zuneigung. Langsam lernen wir (was sie kaum lernen wird): Das sind oft Strohfeuer und zurück bleiben doch Brandwunden. Bevor sie 1953 von einer Volontärstelle in New York, über die fieberhafte Erfolgsmeldungen nach Hause geliefert werden, zurückkehrt ins stille Massachussets, zu ihren "wunderbaren, charaktervollen, aufrichtigen, echten, ungeschminkten Leuten", kündigt sie an, "mit welchem Zug mein Sarg ankommt". Flott soll das klingen, cool und komisch, aber zwei Monate später legt sie sich mit Schlaftabletten tatsächlich fast in den Sarg, in ein Kellerloch unter das Haus ihrer wunderbaren, charaktervollen, aufrichtigen, echten, ungeschminkten Leute". Die sind peinlich berührt. Man tut so etwas doch nicht. Aber jetzt muß man helfen.

Auf Leben und Tod

Eigentlich helfen ihr immer alle. Sie schreit ja auch laut genug, im Glück wie im Unglück. Verstellungskämpfe gegenüber ihrer Mutter hält sie nie lange durch. Den größten führt sie auf nach der ersten Begegnung mit Ted Hughes, ihrem späteren Mann. Fast beiläufig teilt sie zunächst nur mit, sie hätte "den einzigen Mann bisher" getroffen, "der so stark ist, daß wir einander ebenbürtig wären", aber den wird sie "nie wieder" sehen (diese magische Formel der Wunschangst wird sie noch oft wiederholen). Worauf sie nun sechs Wochen lang Begeisterungsbriefe über ganz allgemein "die Liebe" schreibt, über ihre neuen, ihre "besten Gedichte", über das "Recht auf Unglücklichsein" sogar: "Oh, Mutter, wenn Du nur wüßtest, wie ich meine Seele forme!... Ich kämpfe, kämpfe und schaffe ein Selbst, unter großen Schmerzen oft, wie bei einer Geburt, aber es ist wichtig, daß es so weh tut..." Endlich wird das Zentrum dieses Geständnissturms preisgegeben: "Das Niederschmetterndste ist, daß ich mich ... fürchterlich verliebt habe; das kann ja nur mit großen Schmerzen enden. Ich habe den stärksten Mann auf der Welt getroffen ... ein einzigartiger Dichter..."

Wieder einmal und diesmal auf Leben und Tod beginnt ein Sylvia-Plath-Kampf um das Glück in der Normalität: Studentenehe, Jobs, das konkurrierende Schreiben zweier junger Genies, ein (angebetetes) Kind, zwei Kinder, Publikationstriumphe, endlich Geld, von dem ein Radio, eine Nähmaschine, dann ein Auto, schließlich sogar ein Haus auf dem Lande gekauft werden, westlich von London. Ein Jahr vor dem Ende ist der Glücks- und Normalitätsgipfel erreicht. Sylvia Plath besitzt nun alles: 72 Obstbäume, Bienenvölker, uralte, knarrende Dielen, zwei begeisternde Kinder, einen "Engel" von Mann. Die Fallhöhe aus diesem Märchen ist schrecklich.

Wieder verlocken die Briefe über diese Lebensstrecke dazu, sie als spannenden, "ganz normalen" Aufstiegsroman aus den guten alten Fünfzigern zu lesen, als Erfüllung eines American Dream, mit der zwölf Jahre Kampf, Tapferkeit, Maßhalten belohnt werden. Denn auch das Bedürfnis nach "intensiv leben" ist immer sorgfältig programmiert worden. Mutters Tochter hat schon früh ihren "Sex vernünftig unter Kontrolle", und die Liebe nennt sie mit einundzwanzig "eine sehr langsame, sich entwickelnde, rationeue Sache". Noch ihre weiblichsten Wünsche ("viele, viele Babys", mal vier, dann lieber sieben, "damit das siebente Kind unseres siebenten Kindes eine seltene, weiße Hexe wird") unterwirft sie einer genauen Familien- und Karriereplanung. Nein, sie war nie unbesonnen. Sie kann so gut rechnen wie kämpfen. Bedürfnisbefriedigungsaufschub wäre für sie kein unaussprechbares Wort.

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Zwar, nichts will sie weniger sein als eine "Männernachahmerin", ein"career girl", aber nichts scheint ihr auch ferner zu liegen als eine Revolte gegen eine männliche Planungs-, Ordnungs-, Leistungsprogrammatik, die ihren Kopf vollkommen besetzt und unter Kontrolle hält. Sie hat sich nie "gehen lassen". Außer eben auf dem Papier, in ihren Gedichten.

Immer alles auf einmal

Vom "schreiben müssen", weil sie sonst nicht "leben kann", ist oft die Rede: "Ich fühle mich schrecklich verwundbar und ‚nicht ich selbst’, wenn ich nicht schreibe Aber selbst ihr Schreiben setzt sie unter den Druck eines Realitätsprinzips, entwirft immer neue Proben und Strategien, um sich den Bedürfnissen des vorhandenen Markts "anzupassen" (ein bezeichnender Geschichtentitel: "Home Is Where The Heart ls"). Das "Mädchen, das Gott sein wollte", möchte immer alles auf einmal: die große Lyrik und eine verkäufliche Prosa, das Haus auf dem Land und ein Leben in der Stadt, das Lebensglück durch eigene Kinder und das lebensrettende Schreiben, die liebende Aufsicht der Mutter und die triumphierende Selbständigkeit, Kochendürfen und Nichtkochenmüssen, die Bindung an ihren Mann und dessen Freiheit.

Was dann dem Dichter- und Märchenpaar passiert, ist wieder von niederschmetternder Normalität, und die Mutter drückt es auch unübersetzbar konventionell aus: "Ted had been seeing someone else." Pünktlich im siebenten Ehejahr tauchte also ein andere Frau auf, offenbar wirklich ein Londoner career girl, während zu Hause in Devon das zweite Kind noch in den Windeln liegt. Aber zu Strindberg-Szenen ist es offenbar nicht gekommen. Ted, der "Engel", benimmt sich verhältnismäßig fair. Sylvia, die Selbstlose, hält ihm zugute, daß Genies eben keine Bindung bindet. Aber auch Ordnung will sie sofort wieder herstellen, durch eine säuberliche Scheidung.

Ein Chaos aus Planungsgedanken und Verzweiflungsphantasien, demütigen Hilfeschreien und größenwahnnahen Euphorien bricht nun in den Briefen aus. Alle Widersprüche des Sylvia-Plath-Kopfes haben (endlich einmal) freien Auslauf. Die Beteuerungen, nun wäre sie so glücklich "wie in meinem ganzen Leben noch nicht" (wie oft hat sie das in ihren 700 Briefen schon beteuert?!); der Satz "Mit mir ist alles in Ordnung" nur vier Zeilen neben dem "Ich bin jetzt verlassen wie nie"; der Triumph, daß sie ja trotz Haushalt und Kleinkindern morgens zwischen 4 und 8 Uhr schreiben könne, "so gut wie noch nie"; der Ausruf: "Ich glaube, ich bin einer der schöpferischsten Menschen auf der Welt" –: Das alles klingt sehr nach dem Hochgefühl eines Fahrers, der seinen Wagen gleich mit 130 gegen den nächsten Chausseebaum ziehen wird. Denken wir. Zu früh.

Denn "God’s Lioness" triumphiert nicht nur in Briefen, sondern sogar auf dem schwierigen Londoner Wohnungsmarkt. Die nächste Stufe ihres Lebensplans wird ohne Ehemann in einem Anlauf erreicht: Das Haus in Devon wird behalten, eine Wohnung in London gemietet, die letztere sogar im ehemaligen Haus ihres Lyrikgottes W. B. Yeats. Mit neuer Frisur, neuen Kleidern, neuer Wohnung, neuen Gedichten, so tritt die Wiedergeborene den Londoner Freunden entgegen, damit die nicht denken sollen, sie wäre das männerlose "arme Frauchen vom Lande". In ihrem Kopf tickt schon der nächste Fünfjahresplan.

Früher einmal hat sie gestöhnt, daß sie sich "nach einem Menschen sehne, der mir die Nase putzt". Jetzt verbittet sie sich zum erstenmal und gereizt den dauernden Zudrang mütterlicher Sorge.

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In einem Roman würden wir es für eine trostlos zynische Pointe halten, wenn der Autor diese Heldin kurz nach ihrem ersten Emazipationsrausch ihren Kopf in einen offenen Gasherd legen ließe. Mit dieser traurigen Geste, der kältesten Perversion des Wunsches "Zurück in Mutters Schoß" ist Sylvia Plath also gestorben, und mir schien dieser Tod nach 500 Seiten Briefleben so unglaubwürdig und unannehmbar, so verletzend wie der eines "eben noch" lebendigen Wesens, verletzender also als jedes Romanende: so fast vollkommen, so fast physisch spürbar können diese Briefe die Stimme, die Figur, das Wesen der Schreiberin, nein, eben nicht "beschwören", sondern verkörpern. Jetzt "wäre" sie siebenundvierzig Jahre alt –, ein Gespenstersatz.

Wie Betäubungsversuche an dieser Betroffenheit kommen mir deshalb alle oben angestrengten Schuldzurechnungen für diesen Selbstmord vor. Hier ist, fürchte ich, kein Fall und Lehrstück zu besichtigen, aus dem sich Vermeidungsstrategien entwickeln ließen für jene Konflikte, in denen Sylvia Plath gelebt hat und an denen sie gestorben ist. Oder, anders gesagt: Wer ihrem Unglück mit Sicherheit entgehen will, der dürfte auch die Spanungen und damit die Kreativität, das Glück dieses Lebens nicht riskieren. Ein mögliches, trostloses, beruhigendes Rezept.

Weitere Aufnahmen aus diesem Buch im ZEIT-magazin dieser Woche (S. 90 und 91)