Aber solche Hochrechnungen darf zunächst vergessen, wer sich auf ein nun auch auf deutsch vorliegendes Dokument einläßt, das Buch von –

Sylvia Plath: "Briefe nach Hause 1950–1963", ausgewählt und herausgegeben von Aurelia Schober-Plath, aus dem Englischen von Iris Wagner; Hanser Verlag, München, 1979; 538 S., 39,80 DM.

Es sind Briefe, die sogar vergessen lassen, daß eine inzwischen weltberühmte Lyrikerin sie verfaßt hat. Sylvia Plath, an ihre Mutter schreibend, produziert keine literarischen Schmuckstücke. Hochauffliegende, imponierende Sätze ("Die Welt im aufgeplatzt vor meinen gaffenden Augen und hat ihre Eingeweide verspritzt wie eine geborstene Wassermelone") passieren nur ausnahmsweise, wie aus Versehen. Über den Alltag einer Studentin oder Mutter oder Schriftstellerin wird in einer lebhaften, direkten Sprache berichtet, die nur selten ihre Alltags- und Mittellage verläßt und die auch in dieser Übersetzung ihre ganze Unmittelbarkeit ausstrahlt. Selbst außerordentliche Emotionen kommen in ordentlichen Allerweltsfloskeln unter: "Mir ist, als wandele ich im Traum ... London ist einfach phantastisch ... der zauberhafteste Nachmittag meines Lebens ...", so rauscht es in solchen Glücksbriefen dahin. Wir dürfen und müssen also keinem Genie zuschauen. Identifikation ist möglich.

"Briefe nach Hause" – der Titel ist richtig und könnte den Verdacht nahelegen, daß die Dichterin Plath vor ihrer Familie in einer Art Sklavensprache auftritt, daß dieses rüstige Kostüm der U.S.-Normalität sie eher verbirgt. Aber so einfach, als eine in zuweilen tagtäglichen (!) Briefen produzierte Lebenslüge, läßt sich dieses Drama mit tödlichem Ausgang nicht entziffern. Die Liebes- und Bewunderungslitaneien, in denen da immer wieder der Mutter Salut geschossen wird (aus einem einzigen Brief: "Du hast ... ertragen / Du leistest... / Du hast... gekämpft / Du hast dafür gesorgt ... / Du warst bei mir in ... / Du hast durchgestanden ..." Also: "Denk an Deine Reise ins Zentrum der Kraft Deiner Tochter, die Dich inniger liebt, als Worte auszudrücken vermögen"). – diese Beteuerungen sind zweifellos echt. Man hängt aneinander. Ja: "Man" – denn ein Zwang in dieser Liebe hinüber und herüber bleibt spürbar. Offenbar hat die Tochter draußen in der Welt, in den Colleges und der Literatur, den Auftrag ihrer Mutter zu erfüllen, als wäre sie "delegiert", einen Lebenserfolg zu ertrotzen, der ihrer zaghafteren Mutter versagt blieb.

"Briefe nach Hause": eine unendliche Serie von Rechenschaftsberichten, Glücksrufen, Klagen oder verdeckten Vorwürfen (im Sinn von "Nimm den Kelch von mir"). Fast möchte man sagen: von Frontberichten. Während Mutter Schober-Plath hinten in der Etappe und Heimat sich sorgt um die siegende oder geschlagene Tochter ("kämpfen" ist eines von deren Schlüsselwörtern) und einen immer neuen Nachschub von Zuspruch, Strategien, Kampfmoral liefert.

Kein Wunder also, wenn diese außerordentliche Tochter die ordentliche Sprache der Mutter und das in ihr enthaltene normative Universum der Leistung, des Anstands, der Lebensvorsicht, des Sichzusammen- und Rücksichtnehmens nie ernstlich aufbricht, trotz ihres spürbar heftigeren, unbescheideneren Wesens. Schließlich hatte sie schon als Siebzehnjährige in ihr Tagebuch geschrieben "Ich glaube, ich würde mich gern ,das Mädchen, das Gott sein wollte‘ nennen "God’s Lioness" nennt sie sich dann in einem ihrer späten Gedichte. Eine Löwin also schreibt Briefe an den Zoo, in dem sie geboren und erzogen wurde und dem sie nie mehr wirklich entkommen wird (außer in den dunklen, genauen Ausschweifungen ihrer Gedichte).

So erfahren wir hier unendlich mehr (oder auch: weniger) als die Entwicklung einer Schriftstellerin. Sylvia Plath bewegt sich mit einem im schönsten und fast schon vergessenen Sinne "amerikanischen" Kopf so naiv und spontan durch ihr 18- bis 30jähriges Leben, daß aus ihren Briefen das letzte abgeschlossene, also historisch gewordene Jahrzehnt wieder aufzuleuchten beginnt: die fünfziger Jahre, die Zeit zwischen Eisenhower und Adenauer.