Von w. Martin Lüdke

Wie das Leben so spielt: eines Tages wachst du auf und bist schon jahrelang Taxifahrer Du reibst dir, um das weiterzuspinnen, die Augen und blickst über die verschlungenen Wege zurück, die du in der Zwischenzeit, ohne es zu merken, gefahren bist. Auch du bist, dachte ich mir, als ich noch ziemlich am Anfang von Peter Kurzecks erstem Roman diesen Satz las, das heißt, mehr aus dem Wort-, Satz- und Sprachgewirr der ersten Seiten herauspickte, immer mal wieder „aufgewacht“ – ohne Ortskenntnis.

Vielleicht ein Problem meiner, sagen wir: unserer Generation. Der Traum ist ausgeträumt, aber das Erwachen nicht schmerzhaft: im Gegenteil, die Wirklichkeit selbst ist der Alptraum, aus dem wir zuweilen aufschrecken, verstört um uns blicken und dann schnell wieder zurücksacken in die Routine des tagtäglichen Einerleis. Kein Wunder, daß die Autoren dieser Generation jetzt ihre „Erinnerungen“ schreiben; daß sie, ein paar Jahre über dreißig, damit beginnen, zurückzublicken, in ihrem Gedächtnis zu kramen, um in den Bruchstücken ihre Biographie zu suchen. Man mag das beklagen, Nur zu häufig und häufig nur zu mühsam ist die (ohnehin kärgliche) autobiographische Substanz verdeckt, von der so viele „Romane“ kümmerlich zehren. Man mag auch beklagen, daß daraus ein profitabler Trend geworden ist und viele Autoren der Versuchung erliegen, sich die immer aufwendige Ausarbeitung und stets mühsame Bearbeitung eines weniger handgreiflichen „Stoffs“ durch den Rückgriff auf die eigene Lebensgeschichte zu ersparen. Es scheint sinnvoll, nach den Gründen zu fragen. Es ist offenbar schwierig geworden, „die Zeit in Gedanken zu fassen“ und diese Gedanken dann auch noch in ihrer „sinnlichen Erscheinung“ zu präsentieren. Schon nach Lektüre von Becketts „Endspiel“ sprach Adorno von den schönen Zeiten, in denen eine Kritik der politischen Ökonomie, das heißt: allein die theoretische Beschreibung der gegenwärtigen Lebensverhältnisse noch möglich war. Seither ist es noch schwieriger geworden, der Gegenwart Perspektiven, gleich welcher Art, abzugewinnen.

Kein Wunder also, daß so viele unserer Autoren auf ihre eigene Lebensgeschichte zurückgreifen. Dieser Rekurs ist zumindest von der Hoffnung motiviert, in der eigenen Vergangenheit – als Erinnerung – Momente des Glücks aufzuspüren und festzuhalten, die der leidigen Gegenwart abgehen. Das muß nicht in Nostalgie münden, sondern kann, wie es sich gerade bei Helga M. Novaks „Eisheiligen“ zeigte, zur Abrechnung mit einer Gegenwart werden, die ihre – nie nur individuelle – Geschichte stets zu verdrängen sucht.

Auch das Buch von –

Peter Kurzeck: „Der Nußbaum gegenüber vom Laden, in dem du dein Brot kaufst oder Die Idylle wird bald ein Ende haben!“, Roman; Verlag Stroemfeld/Roter Stern, Basel/Frankfurt, 1979; 354 S., 25,– DM

greift auf die eigene Biographie zurück. Auch Kurzeck, der in der Suhrkamp-Anthologie „Ausgeträumt“ (1978) mit einem Kapitel des jetzt publizierten Romans vertreten war, beschreibt Vergangenheit und, auf weite Strecken, seine Vergangenheit. Aber: anders als üblich (geworden), in einem anderen Tonfall und ohne den geringsten Anklang von Nostalgie. Denn was er beschreibt, waren keine schönen Zeiten; und wo. es ihm gelingt zu beschreiben, was er beschreiben will, da wird etwas von der „Zeitlosigkeit der Zeit“ sichtbar, von der Bewegung im Stillstand, die nirgendwo anfängt und nirgendwo aufhört und nirgendwo hinführt. Samstagsvormittag in der Eckkneipe, Sonntagnachmittag im Schrebergarten, Kurzeck beschreibt seine Geschichte aus einer ungewohnten Perspektive, aus der Sicht der Eckkneipen, in denen er sich herumgetrieben hat. Leute, die Bücher lesen, so hofft der Erzähler / Autor, kommen bei ihm nicht vor.

Der Roman ist eher thematisch, nicht chronologisch gegliedert. In großen Zeitsprüngen und – Verschiebungen, in der Verwischung zeitlicher Abläufe wird die „Zeitlosigkeit“ solcher Abläufe sichtbar gemacht. Aber auch die Konturen der Figuren verschwimmen. Manchmal, etwa wenn der Erzähler von „Plaschko“ spricht, einem jung/alt/ewigen Säufer, gewinnt man den Eindruck einer Wunschbiographie: „Anscheinend hatte er sich in aller Frühe grandios-unwiderstehlich betrunken und kam dann mit einem großen Farbkübel – ,Vorsicht‘ – atemlos vors Haus getorkelt (das verzog keine Miene) und stellte ihn ab (fast kopfüber ins grundlose All gestürzt: haltmichfest!), verschwand wie er kam (murmelnd), kehrt wieder mit einem altmodischen Polsterstuhl, hoch, steif, förmliche Lehne, ein sehr senkrechter Speisezimmerstuhl, den er da anschleppt, und stellt ihn auf und ‚bitte‘. Die einladende Handbewegung, mit der er sich einlud: ‚nimm Platz!‘. Nahm Platz, um (mit dem Rücken zur Straße; Welt dreht sich) in aller Ruhe besoffen den Zaun anzustreichen.“

Doch dieser Eindruck täuscht zugleich, Plaschkos gegenwärtiges Leben, sofern überhaupt davon gesprochen werden kann, bleibt so trübselig wie das des Erzählers, Der Autor/Ich-Erzähler – seine Eltern sind geschieden, er wächst in armseliger Umgebung bei seiner Mutter auf, verläßt früh schon die Schule, gammelt sich so durch, ertränkt, vorzugsweise mit Cognac, sein Zeit-, gefühl – hängt freilich von jeher, weil er immer auch schreibt, der Fiktion nach, ein Schriftsteller. (nicht erst zu werden, sondern) zu sein.

Der Weg zu diesem Ziel ist weit. Er führt durch die 354 Seiten des Buches hindurch und ist noch längst nicht am Ende, Denn vieles ist Kurzeck in seinem ersten (veröffentlichten) Buch noch mißraten. Häufig mißtraut der Autor selbst seinen erzählerischen Fähigkeiten und liefert, meist in Klammern, Lesehinweise, die dann beim Lektorat des Verlags Roter Stern, wenn dort – wie zu hoffen ist – mehr zeitgenössische Literatur erscheint, nicht mehr durchgehen werden.

Auch die Konstruktion ist (noch) ungenau Die durchbrochene Chronologie, die thematische Orientierung, die Verwendung leitmotivischer Elemente – da hapert es. Kurzeck hat sich zuviel vorgenommen. Weniger wäre auch hier mehr gewesen, denn manchmal hat er zu einer Sprache gefunden, die dem, was er beschreiben will, schon recht genau entspricht. So, wenn er das verpfuschte Leben eines Lehrers auf wenige Zeilen konzentriert: „ist aber nicht verstorben, sondern auf seine geräumigen alten Tage nach Tübingen gezogen, wo er studiert hat und die schönste Zeit seines verfehlten Botanikerlebens, jedenfalls nachträglich! ... jeden Happen Augenblick dick mit Sinn versieht – versüßt, nahrhaft: so werden Träume rückwirkend Wirklichkeit! Lesebuchgeschichten‘.“

In solch gelungenen Passagen mit ihren elliptischen Sätzen wird die Sprache zum Zitat. In den Bruchstücken dieser Sätze, Abbild der verkümmert/fragmentarischen Erinnerung und zugleich Ausdruck, der trostlosen Verhältnisse, ist jeder Anschein von Aktivität begraben. Schließlich wird auch erzählt von unseren unscheinbaren Zeitgenossen, den kleinen Handwerkern und Kneipenwirten, den Lokomotivführern und Rentnern, den Briefträgern, den Leuten aus der Nachbarschaft also, die nie in ihrem Leben eine Chance zum Handeln hatten und deren Beschreibung darum auch auf die „Tätigkeitswörter“, die ihnen unsere Sprache scheinbar zur Verfügung stellt, verzichten kann. Der Autor beschreibt dann seine Figuren – als Gegenstände in ihrer zeitlosen Zeit.

Und gelegentlich scheint es sogar, als tauchten Gogo und Didi, die metaphysischen Spaßvögel der fünfziger Jahre, ihres Wartens endgültig überdrüssig, im Oberhessischen wieder auf, um dort erneut, nur noch weiter verarmt, mit der bekannten Schwierigkeit zu kämpfen, (sich und uns) die Zeit: totzuschlagen.

Und einmal, als ich mich gerade im wirren Gestrüpp der Sätze zu verlieren begann, schien mir, als könnte ich die Halbstarken der fünfziger Jahre hören, wie sie ihren heutigen Altersgenossen, kaum noch verständlich, zumurmeln: eines Tages wacht ihr auf und seid schon jahrelang Taxifahrer.