Eine gescheite, hochgebildete, verehrte amerikanische Essayistin, ich spreche von Susan Sontag, stellt dem Buch, das sie weltbekannt gemacht hat, als Motto diesen Satz voran (meine Übersetzung): „Nur oberflächliche Leute urteilen nicht nach dem Aussehen. Das Geheimnis der Welt ist das Sichtbare, nicht das Unsichtbare.“ Als Quelle gibt sie an: „Oscar Wilde, in einem Brief.“ Der Satz steht in Oscar Wildes Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“. Den liest man wohl weniger, den kennt man.

Es ist ein geheimnisvolles Buch in dem Sinne, daß der Autor vieles hineingeheimnist hat. Wer von Erzählung eher Aufklärung als neue Fragen erwartet, die ein ohnehin kompliziertes Leben noch komplizierter machen, kann mit diesem Mini-Roman wenig anfangen. Er muß auch nicht zu den großen Romanen der Weltliteratur gezählt werden. Daß er auf unserer Liste auftaucht, verdankt er seinem Autor. Wo auch geredet werden muß von den ein paar Jahrhunderte lang probierten Möglichkeiten, Kunst und Literatur zu einem Teil des Lebens zu machen oder Leben wie ein Kunstwerk zu gestalten, durfte ein Typ wie Oscar Wilde nicht fehlen: Der Prophet des Schönen und Witzigen gegen das Gute und Rechte, der so schwer dafür büßen mußte, daß Knaben ihn unwiderstehlicher anzogen als Mädchen, daß er die Kunst für den besseren Teil des Lebens hielt und deswegen sein Leben zu einem Kunstwerk zu stilisieren trachtete.

Der Inhalt, unsere jungen Leser wollen immer den Inhalt wissen, vielleicht um sich Leseverdruß zu ersparen, nicht bedenkend, daß der Leseverdruß auch ein Lesevergnügen sein könnte, der Inhalt jenes „Picture of Dorian Gray“ also läßt sich erzählen in zwölf Sätzen.

Der junge und bildschöne britische Aristokrat Dorian Gray inspiriert den begabten Maler Basil Hallward zu einem Porträt. Basils Freund Lord Henry Wotton spannt Dorian seinem Maler-Mentor aus. Lord Henry lehrt Dorian ein Leben um des animalisch gewonnenen, ästhetisch gedeuteten Genusses willen. Dorian versucht, aus dieser Welt männlicher Freunde auszubrechen und sich an die Schauspielerin Sibyl Vane zu binden. Als die Kunstfigur wie eine ganz normale Frau sich benimmt, verläßt er sie. Sie bringt sich um. Ihr Bruder verfolgt Dorian, um die Schwester zu rächen. Dorian führt das Leben eines skrupellosen Genießers, so wird es gesagt, nie beschrieben. Er bleibt dabei jung und schön, die Spuren der Ausschweifungen zeigt allein jenes Porträt, das den Abgebildeten immer älter, häßlicher, verworfener erscheinen läßt. Dorian führt Basil Hallward, der gekommen ist, um ihm ins Gewissen zu reden, vor das Bild des Wüstlings – und ersticht ihn. Mehr Verworfenes, Verbrechen werden auch angedeutet. Am Ende rammt Dorian ein Messer in das Bild und tötet dadurch sich selber.

Wilde übernimmt romantische Motive des „gotischen Romans“ in England, wie er sie vor allem in „Melmoth the Wanderer“ gefunden haben dürfte: Doppelgänger, Teufelspakt und Zaubererspuk. Aber er macht daraus etwas ganz Eigenes: ein Schauermärchen von der Amoral der Ästhetik, das autobiographische Züge trägt.

Wie Leben und Kunst ineinandergreifen, wurde deutlich, als in dem Prozeß gegen Oscar Wilde, der zu zweijähriger Gefängnishaft wegen Homosexualität führte, der gegnerische Anwalt sich auf den „Dorian Gray“ bezog.

Edward Carson: „In Ihrer Einleitung zu ‚Dorian Gray’ heißt es: ‚So etwas wie ein moralisches oder ein unmoralisches Buch gibt es nicht. Bücher sind gut geschrieben oder schlecht geschrieben. Das ist alles.‘ Gibt das Ihre Ansichten wieder?“