Lassen die Verbündeten das Land im Stich, das seit Wochen von Ajatollah Chomeini und seinen Schergen gedemütigt wird? Muß sich Amerika isoliert fühlen in seinem Kampf mit einem unberechenbaren Regime? Viele amerikanische Kommentatoren zweifeln inzwischen an der Solidarität des Westens. Sie bezichtigen ihn der Halbherzigkeit, wo Klartext not täte. Besonders die Bundesrepublik gerät in den Verdacht, dem amerikanisch-iranischen Clinch allzu unbeteiligt zuzusehen. Sollte sich dieser Eindruck in der amerikanischen Öffentlichkeit festsetzen, könnte die Teheraner Geiselnahme zur Folge haben, daß ein kühlerer Wind aus Washington weht.

Dabei braucht sich Bonn bislang keine Gleichgültigkeit vorwerfen zu lassen. Der Bundeskanzler hat das Kidnapping wiederholt öffentlich verurteilt und telephonierte in dieser Sache immer wieder mit Präsident Carters. Außenminister Genscher hält ständigen Kontakt mit seinem Kollegen Vance Bonn-Besuch dazu gedrängt, die Geiselaktion zu verurteilen. Der deutsche Botschafter im Iran, Ritzel, nutzte wiederholt seine guten Beziehungen zur Umgebung Chomeinis, um das Los der Geiseln zu erleichtern. Auch im europäischen Rahmen zeigte die Bundesregierung Engagement. Sie war unter den treibenden Kräften hinter den Erklärungen der neun Außenminister, des Dubliner Gipfels und der Demarchen der EG-Botschafter in Teheran.

Das State Department schickte erbosten amerikanischen Journalisten inzwischen eine lange Liste mit den deutschen und europäischen Stellungnahmen zum Geiseldrama. Aber nutzen wird sie wenig. Nach der wochenlangen Herausforderung durch die Willkür können die Amerikaner gar nicht genug Beistand ihrer Freunde erfahren. Dabei mag wohl übersehen werden, daß die europäischen Länder stärker vom persischen Öl abhängen als Amerika; daß die europäischen Diplomaten in Persien nicht so spektakuläre Hilfe leisten können, wie der deutsche Botschafter in Islamabad, Ulrich Scheske, der gemeinsam mit seinem Militärattache unter Lebensgefahr die Demonstranten vor der US-Botschaft zu besänftigen versuchte; daß mit diskreter, Hilfe mehr zu erreichen ist als mit lautem Geschrei,

Doch womöglich ist der Zeitpunkt nicht mehr fern, an dem sich Europa deutlicher hören lassen muß. Wenn das Chomeini-Regime nicht bald Mäßigung zeigt, wird der Westen seine Abscheu noch unmißverständlicher äußern müssen – aus Solidarität und aus Eigeninteresse. Denn was Amerika heute widerfährt, kann morgen die europäischen Länder ebenfalls treffen. D. B.