Peter Zadek inszeniert einen neuen Menschenfeind“ in Berlin

Von Benjamin Henrichs

Im Theaterstück eines deutschen Lyrikers tritt ein deutscher Lyriker auf: Man feiert gerade eine Party, lässig, schlendert er herein, rührt mit dem Strohhalm im Cocktailglas. Der Lyriker hat die Garderobe eines besseren Vertreters, den Kopf eines Boxers (Mittelgewicht), sein Gesicht ist brutal, seine Stimme heiser und schmierig. Er trägt nun, am Rande der Party, zwei anderen Gästen sein neuestes Poem vor: „Ein Profi bin ich nicht. Das ist bekannt / Ich schrieb den Text als Telex, im Büro / in zehn Minuten nieder, einfach so.“ Das Gedicht (Titel: „Hoffnung“) ist ein abscheulicher Wechselbalg aus Managerdeutsch und Innerlichkeit, aalglatter Lüsternheit und triefendem Kitsch – die Sprache unserer leitenden Angestellten und unserer führenden Lyriker, obszön vermengt.

Der Mann heißt Oronte und entstammt einer Komödie von Molière. Er tritt jetzt auf in einem Stück „Der Menschenfeind“, das Hans Magnus Enzensberger „nach dem Französischen der Molière“ verfaßt hat. Peter Zadek hat es an der Freien Volksbühne Berlin urinszeniert, den Oronte spielt Uwe Friedrichsen mit einer Grauen erregenden Virtuosität. Eklig, wie er seinem eher ordinären Körper so etwas wie gesellschaftliche Eleganz antrainiert hat. Ekliger, wie er seine pornographischen Phantasien zu poetischen Ergüssen sublimiert. Am ekligsten, wenn seine Dichtermaske fällt; wenn Oronte, über den Mißerfolg seiner Rezitation gekränkt, plötzlich das nackte, viereckige, brutale Gesicht des häßlichen Deutschen kriegt, hinter dem Dichter der Schlächter zum Vorschein kommt.

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Ort der Handlung: ein neudeutscher, neureicher Salon. Spiegelnde Silberwände, Säulen, eine schnörkelig-geschmacklose Hausbar, ein Teppich mit Vasarely-Muster. „Die modernen Möbel lieh uns freundlicherweise die Firma Interni, das Originalbild von Tom Wesselmann stellte uns die Galerie Springer zur Verfügung, das Bild von Ricarda Fischer die Künstlerin persönlich. Die euphorbia tirucallii im Bühnenbild stammt von der Firma Hermann Rothe Gartenbau ...“. Schon die dankbaren Hinweise im Programmheft wirken wie das (ungereimte) Präludium zu Enzensbergers (gereimter) Komödie. Auf Daniel Spoerris Bühne präsentiert Peter Zadek ein deutsches Bestiarium, Herr Oronte ist sein schrecklichster Bewohner. Dann treten zwei Party-Jünglinge auf, Acaste (Johannes Pump) mit schickem Zöpfchen, Clitandre (Jörg Holm) mit schön gestutztem Bart und teurem Pelzmantel. Sie spielen Squash, reden viel von ihren sexuellen Erfolgen, ihrer Wirkung auf die „Weiber“, und sehen doch eher wie zwei etwas kläglich geratene Schwule aus. Fräulein Arsinoé (Ilse Ritter) ist ein ausgemergeltes, püppchenhaftes, buntbemaltes Frauenzimmer mit lila Glitzerkleid und blonder Turmfrisur. Sie kaut ständig nervös auf der Zigarettenspitze, klappert mit den Augendeckeln und kann nicht verhindern, daß ihr souverän gemeintes Party-Lächeln dauernd in schiefe, jammervolle Grimassen entgleist. Herr Philinte ist ein zerknautschter Langweiler – den Dietrich Mattausch heroisch und richtig, also ungeheuer zerknautscht und langweilig vorführt. Auf Peter Zadeks Bühne sind lauter Leute versammelt, bei deren Betrachtung man dankbar feststellen kann, daß man selber so ähnlich, aber ganz so schlimm doch nicht ist. Ein Abend für Pharisäer.

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Enzensbergers „Menschenfeind“ ist ein intellektuelles und lyrisches Zauberkunststück – eine „Bearbeitung“, in der sich, der äußerste Respekt vor dem Original und die äußerste Freiheit verbinden. Enzensberger hält sich exakt an Molières Zeilenzahl, an seine Dramaturgie, an den Ablauf der Szenen. Sein Stück ist wörtliche Übersetzung, freie Übersetzung, Nachdichtung und Neuerfindung in einem. Enzensberger verkürzt Molières Alexandriner in knappe, aggressive Verse, wobei er („Auf den Endreim hätte nur ein Verrückter verzichten können“) die heitersten, auch albernsten Reimpaare findet. So wird die alte Form virtuos benützt, die alte Geschichte aber rigoros in die Gegenwart übersetzt. Das Resultat ist ein Lesespaß wie nur wenige andere: Enzensberger. hat den Jargon der intellektuellen (und halbintellektuellen) bundesdeutschen Schickeria nicht in wütender Prosa parodiert, sondern in leichte, schöne Verse übersetzt, eine tote Sprache zum Tanzen gebracht.

Alceste, der Menschenfeind, die schicke Halbwelt hassend, zu der er doch gehört wie sie zu ihm, beschreibt seine Zeitgenossen so: „So seid ihr alle. Ach, ich könnte speien / wenn ich euch sehe! Diese Kriechereien / und diese Küßchen links und rechts: ‚Ganz ehrlich! / Sie sind der Größte! Und so toll gefährlich!‘ / wie ich das hasse! Dieses Party-Pack – / es ist so glanzvoll wie Metallic-Lack / Derselbe spitze Schrei: ‚You’re wonderful!‘ / ob’s ein Genie ist oder eine Null / Da werden Lob und Zärtlichkeit zum Hohn / und jede Freundschaft frißt die Inflation / Nein, nein. Kein Mensch, der etwas auf sich hält / legt Wert auf diese öde Plastik-Welt...“ Damit beschreibt Alceste auch sich selber: der Menschenfeind ist ein Mitmacher, sein Radikalismus gehört zum festen Programm der Party.

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Das kaum Glaubliche gelingt: die Aktualisierung eines alten Stückes ohne Krampf. In Enzensbergers Komödie sehen Molières Figuren plötzlich den hypochondrischen Intellektuellen von Botho Strauß zum Verwechseln ähnlich. Der einzige, allerdings entscheidende Unterschied: Enzensbergers nur allzu bekannte Gesichter lösen keine gemischten Gefühle mehr aus, eigentlich gar keine Gefühle, zieht man die Schadenfreude einmal ab.

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Es lohnt sich, Enzensbergers Fassung mit der älteren, oft gespielten, sehr viel weniger kessen Molière-Übersetzung von Arthur Luther zu vergleichen. Man sieht dann plötzlich auch die Verluste, die Enzensberger macht. Die Society-Satire, bei Luther historisch schon und etwas bieder, gewinnt bei Enzensberger wieder Schärfe und Glanz. Die andere Hälfte des Stücks, die Geschichte von heilloser Liebe und unheilbarem Menschenhaß, geht verloren.

Erster Akt, erste Szene, der berühmte Disput zwischen dem radikalen Alceste und seinem opportunistischen Freund Philinte. PHILINTE: „Du kannst die Menschen überhaupt nicht leiden.“ ALCESTE: „Am liebsten möchte ich sie ganz vermeiden“ (Enzensberger). Bei Arthur Luther heißt die Stelle so: „So hassen alles Sie, was Menschenantlitz trägt?“ „Haß ist das einzige, was noch mein Herz bewegt.“ – Etwas später redet Philinte über Alcestes paradoxe Liebe zur koketten Célimène. Enzensberger: „Du bist in sie verliebt, ich weiß, ich weiß / Doch daß ein Moralist um jeden Preis / wie du, der jeden Kompromiß verflucht / sich ausgerechnet Célimène aussucht...“ Arthur Luther: „Gestehn Sie, daß es schlecht zum Bild des Mannes paßt / Der stolz drauf ist, daß er die ganze Menschheit haßt / Wenn sich im Sündenpfuhl ein Wesen plötzlich findet / Das ihn unlösbar mit der Menschenwelt verbindet?“

Man könnte den Vergleich, noch lange fortsetzen, das Ergebnis wäre immer ähnlich: Die umständlichere Fassung Luthers ist immer dann beredter, schöner, größer, wo es um die Gefühle der Figuren geht, nicht nur um ihr Gerede. Daß Molière auch ein Boulevard-Autor ist, für diese eine Hälfte der Wahrheit findet Enzensberger unübertreffliche Belege. Daß Molières Stücke aber nicht nur Maschinen, sondern menschliche Komödien (also Tragödien) sind, darauf weiß dieser „Menschenfeind“ keinen Reim. Enzensberger hat einen meisterlichen Text geschrieben, einen Text ohne alle erotische Phantasie; Natürlich könnte man sagen, genau dies sei das Thema seines Stücks: die großen Geschichten, zu kleinen, häßlichen Affären geschrumpft, die tiefen Worte zum flinken Gerede verkommen, Radikalität nur noch als radikale Pose vorhanden. Wo die Figuren Jargon produzieren, ist Enzensberger überaus eloquent, wo sie Sprache haben müßten, bleibt er ziemlich stumm.

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Ich dachte, Peter Zadek würde der Gefahr des Stücks (den Versen mit der Schwere auch den Inhalt auszutreiben) phantasievoll begegnen. Tatsächlich ist er ihr ganz erlegen. Noch schlimmer: die Berliner Aufführung übersetzt Enzensbergers halsbrecherische Virtuosität in eine handfeste (wenn auch weltmeisterliche) Theater-Routine. Sie macht Enzensbergers graziöse Verse durch ein hastiges Boulevard-Parlando nahezu unhörbar. Es ist dies von allen Zadek-Inszenierungen der letzten Jahre die kürzeste (kaum mehr als zwei Stunden) und leider auch die unerheblichste. Selbst Zadeks Ayckbourn-Aufführung („Spaß beiseite“) am Hamburger Schauspielhaus vergangenen Sommer war, mit dem Berliner „Menschenfeind“ verglichen, ein Abend radikalen Theaters.

Zadeks Inszenierung chargiert und karikiert – ohne daß die Leute auf der Bühne jemals zu Chargen oder Karikaturen würden. Im immer genau richtigen Moment macht Zadek klar, daß die Spottfiguren in Wahrheit Jammergestalten sind, ihr gesellschaftlicher Glanz eine notdürftige Maskerade für ihr individuelles Elend. Aber so richtig Zadeks Demaskierungen auch an diesem Abend sind, überraschend sind sie nie. Daß auch flache Menschen Widersprüche haben, wußte Zadek schon vorher, schon vor der Inszenierung, dies Vorwissen (das zu seinem Regiehandwerk gehört) hat er clever umgesetzt. Doch Widersprüche entdeckt hat er nicht, sich nie in Widersprüche verwickelt bei dieser seltsam phantasiearmen Arbeit. So hat man seinen bösen Spaß an den Figuren, ein tieferes Interesse wecken sie nicht.

Vor allem hat die Aufführung dort, wo ihr Zentrum sein müßte, ein Loch. Zadeks Lieblingsschauspielern Rosel Zech und Ulrich Wildgruber fällt (nach Hedda Gabler und Eilert Lövborg, Cordelia und Lear, Hermione und Leontes) zu Alceste und Célimène nur wenig ein. Noch nie haben die beiden auf, mich so sehr wie ein Theater-, ein Schauspielerpaar gewirkt, so sehr Virtuosen, so wenig Individuen. Wildgruber rast über seine wunderbaren Verse mit ziemlich monotonem Ingrimm hinweg, und Rosel Zech hat (wie schon bei Alan Ayckbourn) begreifliche Schwierigkeiten bei der Darstellung einer Society-Löwin. Das lockere Plaudern, das schicke Flirten bleibt ihren ernsten Talenten fremd. Was Gabriele Henkel alles mit der Hand macht: dafür, glaube ich, interessiert sich Rosel Zech überhaupt nicht. Und so sieht sie manchmal, fast außerhalb ihrer Rolle, sehr betrübt aus, als hätte sie lieber eine andere Célimène, eine ohne Hans Magnus Enzensberger, gespielt.

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Molière, Enzensberger, Zadek, Wildgruber, Zech: Wie kann, wo so viel Talent zusammenkommt, ein so schaler Theaterabend sein? Meine Vermutung: Enzensbergers Fassung ist zu gut, um überhaupt noch spielbar zu sein. Enzensberger ist ein großer Lyriker, ein furioser Polemiker, ein Dramatiker ist er, fürchte ich, nicht.

Enzensbergers Text führt, triumphierend, vor allem sich selber vor – jeder Vers macht erst einmal auf die eigene blendende Machart aufmerksam, weniger auf die Figur, die ihn spricht. Jeder Satz definiert eine Figur sofort, brillant und endgültig. Das Stück ist eine glitzernde Kette von Beweisstücken – und vernichtet so jeden Doppel- und Hintersinn von Molières Komödie. Zu einem wahrhaft dramatischen Text gehört auch das Hören und Zögern und Suchen, nicht nur das glanzvolle Sprechen. Bei Enzensberger fällt nahezu jeder Satz ein Urteil über die Figuren – und löscht so das Interesse für sie aus. Womöglich ist der „Menschenfeind“ ein Zaubertrick, mit dem sich Enzensberger selbst überrumpelt hat. Ein Essay in Szenen und Versen, ein Kunststück, kein Stück.

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Die Berliner Aufführung geht mit ihrem Gegenstand so ähnlich um wie die Figuren auf der Bühne miteinander: radikal oberflächlich. (Was man, ich weiß, ich weiß, natürlich zur besonderen Qualität hochinterpretieren könnte.) „Ich habe Molière nicht zu einem Bürger der Bundesrepublik machen wollen“, schreibt Enzensberger in seinem Nachwort zum Stück, ahnungsvoll. Es hat nichts geholfen: In Berlin ist Molière unser Mitbürger geworden, ein ZEIT- und Spiegel-Leser, Intercity-Fahrer, Zadek-Fan. Die Party, die am Abend des 4. Juni 1666 begann, ging auch am 1. Dezember 1979 weiter, vor einem Publikum, das selber ein Bestiarium war, eine Versammlung sämtlicher Premierentiger und -mäuse der Republik.

Am Ende natürlich ein großer Tumult: die fröhliche Vortäuschung des Skandals, der ausgeblieben war. Gewiß, man kann über den Abend herrlich plaudern, eine Party, eine Premierenfeier lang – dann ist die Sache zerredet, vergessen.

Enzensberger und Zadek verbeugten sich fröhlich wie Max und Moritz nach einem besonders gelungenen Streich, Zadek wie Max und Magnus wie Moritz. Die nette Pola Kinski (Eliante) riß immer wieder, wie ein Ringrichter, Enzensbergers Arm zum Siegeszeichen hoch. Ob sie wußte, was sie tat? Der Berliner „Menschenfeind“ ist tatsächlich ein K. o.-Sieg: der Triumph eines großen literarischen Textes über das in die Knie gehende Theater. Der erste Knockout freilich, über den sich Sieger und Besiegte gleichermaßen freuten.