Der Maidanek-Prozeß geht ins fünfte Jahr

Von Dietrich Strothmann

Düsseldorf, im Dezember

Es war der 369. Verhandlungstag. Es sollte ein besonderer Verhandlungstag werden. Es war der Tag, an dem der Prozeß "gegen Hermann Hackmann und andere", kurz der Maidanek-Prozeß, in sein fünftes Jahr ging. Und es war, völlig unerwartet, auch der Tag, an dem eine der Angeklagten zum erstenmal "zur Sache" aussagte, was heißt, sie gab etwas zu. Und das kam so:

Hermine Ryan, geborene Braunsteiner, 60 Jahre alt, verheiratet mit einem Amerikaner, von denen, die Maidanek überlebten, "Stute" genannt, genauer aber: "Schindermähre", war am 368. Verhandlungstag zusammengebrochen und hatte plötzlich laut geschrien: "Ich kann es nicht mehr aushalten. Helf mir! Helft mir!" Der Vorsitzende Richter Günter Bogen unterbrach die Sitzung.

Am nächsten Verhandlungstag, bei dem "vorübergehend abgesetzten Verfahren gegen Hermine Ryan-Braunsteiner", wurde erst der medizinische Sachverständige gehört, von dem es heißt, er sei in diesem Prozeß der "wichtigste Mann". Sie sei, so der Arzt, seit nunmehr 14 Jahren in einem Streßzwang, befinde sich in einer Konfliktsituation. Dann drang Richter Bogen in die vor ihm sitzende, bleiche Angeklagte, die ihren Mantel anbehalten hatte: Sie sollte sich jetzt, nachdem sie vier Jahre lang nichts gesagt habe, überlegen, ihr "totales Schweigen" aufzugeben.

"Ich bin dabeigewesen"