Altmeister Fritz Thiedemann erzählt von seinen Pferden. Zum Beispiel von Godewind: "Wenn es gutging, freute er sich. Und wenn nicht, war es auch nicht schlimm. Im Parcours habe ich mich manchmal über ihn ärgern können, weil er die schwersten Hindernisse fehlerfrei ging und plötzlich durch irgend etwas abgelenkt wurde, das er viel interessanter als die Springerei fand, und dann prompt am leichtesten Hindernis einen Fehler machte. Ich habe ihm diese Unkonzentriertheit nie richtig abgewöhnen können. Aber da er ein besonders anhängliches und vergnügtes Pferd war, konnte man diesem Playboy im Parcours, wie wir ihn nannten, nie lange böse sein..."

Amüsant für Leser, die einfach nur Freude am Reiten haben, informativ und lehrreich für alle, die selbst Springsport betreiben, ist Fritz Thiedemanns Buch "Das Springpferd" – nach "Das Reitpferd" und "Das Dressurpferd" das dritte in der Reihe der großen Lehr- und Bildbände, der Edition Haberbeck. Eine fabelhafte Produktion, opulent in der Aufmachung, ohne protzig zu sein, mit einem bei aller gebotenen Fachlichkeit erfrischenden Text, von dem man nie gelangweilt wird: Thiedemanns Holsteiner Art ist nicht wegredigiert worden; man hört ihn richtig reden.

Es geht um die Entwicklung des Springsports von den Ursprüngen im Jagdreiten bis zu Olympischen Spielen, um Kriterien der Zucht von Springpferden, um Auswahl und Ausbildung des Pferdes, um Sitz und Hilfengebung des Reiters, um Parcoursgestaltung. Es war das Ziel dieses Buches, die "ganze Vielfalt des Springsports umfassend darzustellen", praktische Hinweise zu geben und darüber hinaus ein Gefühl für die Tradition des Springsports zu vermitteln. Dieses Ziel ist erreicht worden. Mehr noch: es macht Spaß, in diesem Band zu schmökern, zu blättern, zu studieren. Schon an den historischen Photos sieht man sich fest.

Mit Recht sind die Herausgeber stolz auf die Fülle photographischen und graphischen Lehrmaterials. Photoserien mit Zeitlupenphotos von neun Bildern pro Sekunde und zahlreiche Photomontagen machen Bewegungsabläufe deutlich, die dem menschlichen Auge sonst verborgen bleiben. Den wichtigsten Ratschlag freilich gibt Thiedemann schon im Vorwort: "... daß man mit einem Springpferd nicht den schnellen, sondern den dauerhaften Erfolg über Jahre hinweg suchen sollte. Wer das aber will, der muß mit den Kräften des Pferdes haushalten." A. B.

Fritz Thiedemann: "Das Springpferd"; Edition Haberbeck, Lage/Lippe, 344 Seiten im Großformat, 154 Farbseiten, 178 DM.