Bizarr

„Eraserhead“ von David Lynch beginnt wie ein tristes Proletarier-Melodram, dessen gewohnte Bezugspunkte jedoch nachhaltig „verrückt“ werden. Ein ungeschlachter junger Mann in finsterer Slumgegend wird bei einem sehr merkwürdigen Mahl von den Eltern seiner Freundin wegen einer Frühgeburt zur Heirat gedrängt. Es entwickelt sich die wohl bizarrste Vater-Kind-Beziehung der Filmgeschichte, denn das „Baby“ (eine Kreuzung aus Kalbsfötus- und Allosaurier-Embryo) treibt die Mutter alsbald aus dem Haus. Der Vater phantasiert von einer pausbäckigen Lady hinter dem Heizkörper, die auf beleuchteter Bühne sanft lächelnd tänzelt und süße Lieder singt, während wurmähnliche Kreaturen herabfallen, die sie mit quietschendem Geräusch zertritt. Papa hegt selber einen Wurm im Wandschrank: der macht sich selbständig. „Baby“ wächst aber auch im Vater, stößt ihm den Kopf vom Rumpf, aus dem Radiergummis für Bleistifte fabriziert werden. Und so weiter. Verbale Beschreibungsversuche vermitteln jedoch kaum etwas von der verstörenden Faszination dieses ersten Spielfilms von David Lynch (Buch, Regie, Produktion, Ausstattung, Spezialeffekte), den er mit geringem Budget dank eines Zuschusses des American Film Institute gedreht hat; und nichts von der unheilvollen Vieldeutigkeit der Bilder, von der bedrängenden Intensität des Tons (die Dialoge sind sehr spärlich). „Eraserhead“ ist bestürzender Abstieg in (Alp-)Traumlandschaften und gräßliche, mitunter ekelerregende Groteske vom Ausschlachten des Inneren und der Innereien, von Schizophrenie und Schmutz, von der Zerrüttung des Organischen durch das Unorganische. Ein Horrorfilm in Schwarzweiß, der die Schockeffekte von „Alien“ oder „Zombie“ als milde Ammenmärchen erscheinen läßt. Ein Kultfilm der kommenden Jahre. Die untertitelte Originalfassung läuft in den Programmkinos Helmut W. Banz

Annehmbar

„Kalte Heimat“ von W. Werner Schaefer ist nicht direkt langweilig. Es ist ein Film, den man, wenn er zu Ende ist, fast schon wieder vergessen hat Das könnte – durchaus nicht unsympathisch – Bescheidenheit genannt werden. Aber da ist noch die Kamera-Arbeit von Gérard Vandenberg, deren höchst artifizielle Schwarz-Weiß-Kompositionen der einfachen Geschichte immer wieder in die Quere kommen. Dabei hätte gerade dieser Stoff einer anderen, eher dokumentarischen Darstellungsform bedurft: In eine Kölner Vorortvilla werden, im Sommer 1954, Flüchtlinge aus der „Kalten Heimat“ im Osten eingewiesen. Deren Zusammenleben und Orientierungsprobleme in ihrer neuen, kalten Heimat beschreibt der erste, vom WDR finanzierte Spielfilm des 1945 geborenen W. Werner Schaefer (Buch: Peter Steinbach). In diesen Beobachtungen findet er sein eigentliches Thema; und es sind ja auch keine großen Geschichten, die sich da abspielen: eher Probleme des Alltäglichen, zum Beispiel wer wann in die Küche darf. Seine Schwierigkeiten (die er manchmal mit herrlich falschen Anschlüssen löst) hat der Film immer da, wo er diesen engen Schauplatz verläßt. Norbert Jochum

Empfehlenswerte Filme

„Der Komantsche“ von Herbert Achternbusch. „Apocalypse Now“ von Francis Coppola. „Die Frau, die weint“ von Jacques Doillon. „Das Ende des Regenbogens“ von Uwe Frießner. „Die Patriotin“ von Alexander Kluge. „Die Nacht mit Chandler“ von Hans Noever. „Bildnis einer Trinkerin“ von Ulrike Ottinger. „Messidor“ von Alain Tanner. „Beschreibung einer Insel“ von Rudolf Thome und Cynthia Beatt. „Ludwig II“ von Luchino Visconti.