Bizarr

"Eraserhead" von David Lynch beginnt wie ein tristes Proletarier-Melodram, dessen gewohnte Bezugspunkte jedoch nachhaltig "verrückt" werden. Ein ungeschlachter junger Mann in finsterer Slumgegend wird bei einem sehr merkwürdigen Mahl von den Eltern seiner Freundin wegen einer Frühgeburt zur Heirat gedrängt. Es entwickelt sich die wohl bizarrste Vater-Kind-Beziehung der Filmgeschichte, denn das "Baby" (eine Kreuzung aus Kalbsfötus- und Allosaurier-Embryo) treibt die Mutter alsbald aus dem Haus. Der Vater phantasiert von einer pausbäckigen Lady hinter dem Heizkörper, die auf beleuchteter Bühne sanft lächelnd tänzelt und süße Lieder singt, während wurmähnliche Kreaturen herabfallen, die sie mit quietschendem Geräusch zertritt. Papa hegt selber einen Wurm im Wandschrank: der macht sich selbständig. "Baby" wächst aber auch im Vater, stößt ihm den Kopf vom Rumpf, aus dem Radiergummis für Bleistifte fabriziert werden. Und so weiter. Verbale Beschreibungsversuche vermitteln jedoch kaum etwas von der verstörenden Faszination dieses ersten Spielfilms von David Lynch (Buch, Regie, Produktion, Ausstattung, Spezialeffekte), den er mit geringem Budget dank eines Zuschusses des American Film Institute gedreht hat; und nichts von der unheilvollen Vieldeutigkeit der Bilder, von der bedrängenden Intensität des Tons (die Dialoge sind sehr spärlich). "Eraserhead" ist bestürzender Abstieg in (Alp-)Traumlandschaften und gräßliche, mitunter ekelerregende Groteske vom Ausschlachten des Inneren und der Innereien, von Schizophrenie und Schmutz, von der Zerrüttung des Organischen durch das Unorganische. Ein Horrorfilm in Schwarzweiß, der die Schockeffekte von "Alien" oder "Zombie" als milde Ammenmärchen erscheinen läßt. Ein Kultfilm der kommenden Jahre. Die untertitelte Originalfassung läuft in den Programmkinos Helmut W. Banz