Ist dies aus Robert Musik Roman über den pubertierenden Zögling Törless: „Damals fing etwas von der Leidenschaft an, sich in ihm zu regen, die wir gewöhnlich nicht lange bevor wir uns zum ersten Male rasieren lassen schon verspürt haben.“? Der nüchternen Sprache und dem Vergleich aus Psychologie und Physiologie nach wäre es möglich. Wird diese Reflexion von einem Patienten in Thomas Manns „Zauberberg“-Sanatorium angestellt: „Je mannigfaltiger die Begebenheiten sind, die sich ereignen, desto geschwinder verstreichen einem zwar die Tage, allein desto länger dünkt einen die vergangene Zeit, die Summe dieser Tage.“? Auch die umgekehrte Überlegung wird angestellt, um gegen das objektive Zeitmaß das subjektive Zeiterlebnis zu setzen – beides Spekulationen, die erst durch die Lebensphilosophie der letzten Jahrhundertwende sanktioniert wurden. Ist schließlich hier Nietzsche aus seinen „unzeitgemäßen“ geschichtsfeindlichen Betrachtungen zitiert: „Wir vergrößern wie alle Wissenschaft so auch die Historie zu sehr.“?

Nein. Die Zitate entstammen nicht der Moderne. Sie wurden im 18. Jahrhundert von einem Anhänger derjenigen Denkrichtung notiert, die alsbald vom „Sturm und Drang“, hernach von der deutschen Romantik und seither lächerlich gemacht wurde – besonders auch Nietzsche, Thomas Mann und Musil haben sich gegen sie ausgesprochen – und die sich im Bewußtsein des deutschen Lesepublikums bis heute von diesem Makel der Lächerlichkeit nicht hat freisetzen können: der Aufklärung. Dieser Mannstand seinen Deutschen sehr kritisch gegenüber. Er liebte England; ein „Land“ – wie er von dort aus schrieb – „dessen König nicht mehr Trommeln machen läßt, als er just braucht, dessen Wild keine Bauern frißt, und der mehr Leute bisher glücklich gemacht hat als der Landgraf von Darmstadt seit einem Jahr unglücklich“.

Es ist Georg Christoph Lichtenberg (1742 bis 1799), ein verwachsener kleiner Göttinger Hofrat und Professor der Physik und Astronomie, der hier zur Sprache gekommen ist. Er war als Gelehrter mit besonderem Wissen und Forschen auf dem neueren Fachgebiet der Elektrizität, aber auch allgemein als „witziger Kopf“ (Goethe) seinen Zeitgenossen bekannt. Ja, er gehörte zu denen, die in der Generation vor Gauss und den Göttinger Sieben den Ruf der jungen Göttinger Universität als höchst fortschrittlicher Bildungsstätte so sehr angehoben hatten, daß der alte konservative Kaspar Goethe seinen Sohn Wolfgang dort um keinen Preis studieren lassen wollte. Dabei hatte Lichtenberg nur wenig veröffentlicht. In den Naturwissenschaften gab er mehr Werke anderer heraus, als daß er Eigenes hervorbrachte. Seine Beiträge zur Literatur und den schönen Künsten füllen im ganzen nur einen handlichen Band.

Aber diese Beiträge hatten jeweils zu ihrer Zeit heiße Eisen aufgegriffen und sie mit satirischer Schärfe und unmittelbaren kritischem Blick auf Gesellschaftszustände, und das heißt in beziehungsreichem Zusammenhang behandelt. So hatte er Lavaters spekulative Physiognomik nicht nur in ihrem Unsinn analysiert, sondern dieser Lehre von der Ablesbarkeit des Charakters aus den Gesichtszügen und Schädelformen sein „Fragment von Schwänzen“ öffentlich entgegengehalten, in dem er aus anzüglichen Skizzen von Schweineschwänzen und Haarbeuteln an den Frisuren junger Männer den Charakter ihrer Träger abzulesen vorgab. Oder er richtete – wie sonst Potentaten untereinander – als Erde ein Sendschreiben an den Mond, und zwar nicht in der Muttersprache der Erde, Hebräisch, sondern auf deutsch, weil in dieser Sprache die mondsüchtige Dichtungsart damals überhand nahm. Seine letzte Satire enthält die Erfindung von der Geburt und dem Heranwachsen des idealen Kronprinzen und Regenten. Es ist ein siamesischer Doppelprinz. „Der eine zeigt viel Hang zur Spekulation und einem sitzenden Leben, der andere zum aktiven.“

Jonathan Swift war Lichtenbergs Muster für die Satire. Von den Deutschen schätzte er Wieland, Lessing, Mendelssohn, Rabener und – nach dem Genuß von etwas Wein – auch den „Herrn Gleim“. Goethes Werther mißverstand er wie andere Aufklärer. Eines unterschied ihn in jedem Fall von seinen schreibenden Zeitgenossen: das kärgliche Maß seiner Veröffentlichungen. Er hielt sich absichtlich im Zaum aus Mißtrauen gegen oberflächlichen Witz, gegen die Leichtigkeit, mit der in jedem Zeitalter in „einer gewissen Modeschreibart“ produziert werden kann. Ja, er deutet an, daß im Nichtschreiben ebensoviel Vernunft liegen möge, als im Gutschreiben.

Das Erstaunliche ist, daß Lichtenbergs Name in der deutschen Literatur zu den großen, bedeutenden gehört. Sein Nachruhm ruht auf den Kladden, die er seit seinem 23. Jahr geführt hat. Er hat in sie Beobachtungen, Überlegungen und Maximen zu allen möglichen Gegenständen eingetragen. Eine bald nach seinem Tod veröffentlichte Auswahl hat auf Goethes Maximen und Reflexionen Einfluß gehabt. Das Interesse an diesen Aufzeichnungen hat seitdem fortgedauert. Das mag am Reiz des Fragmentarischen liegen, den die Romantik für eine ungeduldige moderne Leserschaft entdeckt hat. Es mag durch die Spontaneität erklärt sein, die solchen Kurznotaten eignet. Die verbindliche Klarheit der Lichtenbergschen Sprache zieht außerdem an, wie auch die Vielfalt der behandelten Gedanken aus den Geistes-, Natur- und Gesellschaftswissenschaften. Aber weder alle diese Punkte noch eine Kombination aus einigen von ihnen erklären die faszinierende Wirkung von Lichtenbergs Schmierbüchern, Sudelbüchern und waste-books. Endlich tut es auch das Element des Persönlichen nicht, das sich in jeder dieser höchsteigenen „Pfennigswahrheiten“ ausspricht – und von dem her neuere Interpreten Lichtenbergs Vorliebe für „untergründige Geheimnisse“ oder gar sein Penchant zur „Existenzerhellung“ begründen zu können meinten. Die eigentliche Begründung von Lichtenbergs Wirkung – zu Lebzeiten und posthum – liegt im festen und weiten Zusammenhang seines Denkens und seiner Vorstellungen, die kein aufgegriffenes Detail partikularisieren, sondern ihm seinen Platz in diesem Zusammenhang zuweisen.

Es ist ein Ordnungsdenken und intellektuelles Planspiel, wie es Cervantes’, Shakespeares, in Deutschland Lohensteins und Leibniz’ Denken zugrunde liegt. Noch Lessings Frage im Nathan nach dem Platz des Menschen in der Kette des Seins, nämlich über den Tieren, aber doch unterhalb der Engel, geht aus diesem Ordnungsdenken hervor. Es ruht auf alten platonisch-neoplatonischen Traditionen. Sie werden in Deutschland durch den „Sturm und Drang“ endgültiger zerstört als sonst in den westlichen Ländern. Lichtenbergs Denken wird ganz von ihnen geleitet – bis zur Anwendung im Skurrilen: „Wenn eine Erbse in die Mittelländische See geschossen wird, so könnte ein schärferes Auge als das unserige, aber noch unendlich stumpfer als das Auge dessen, der alles sieht, die Wirkung davon an der chinesischen Küste verspüren.“

In Lichtenbergs Notaten weist jeder Gedanke über sich hinaus auf das zusammenhaltende System gemäß der allgemeinen Reflexion, die er darüber anstellt, „daß in einer Welt, in welcher sich alles durch Ursache und Wirkung verwandt ist und wo nichts durch Wunderwerke geschieht, jeder Teil ein Spiegel des Ganzen ist“. Sein ursächliches Denken läßt Lichtenberg so modern, so wissenschaftlich zeitgemäß erscheinen.

Klaus Schröter

Georg Christoph Lichtenberg: „Schriften und Briefe“, herausgegeben von W. Promies; Hanser, München; 4 Bände;

Band 1: „Sudelbücher I“, 2. Auflage, 1973; 988 S., 50,– DM;

Band 2: „Sudelbücher II, Tagebücher, Materialhefte“, 2. Auflage, 1975; 872 S., 60,– DM.