Riads Herrscher müssen ihr Tempo drosseln

Von Andreas Kohlschütter

Für das saudi-arabische Königreich hat das 15. Jahrhundert der mohammedanischen Zeitrechnung im Zeichen des Terrors begonnen. Zwei ganze Wochen lang wurde in der Al Haram-Moschee zu Mekka, in die im Morgengrauen des 20. November rund 500 schwerbewaffnete Rebellen eingedrungen waren, gekämpft und geschossen. Der von sieben hohen Minaretten eingerahmte Innenhof, in dessen Zentrum das angeblich von Abraham erbaute, würfelförmige Gebäude der Kaaba steht, verwandelte sich in ein grausiges Schlachtfeld. Um den vom Erzengel herangeschafften schwarzen Lavastein, der von den Mekkapilgern siebenmal umschritten werden muß, lagen schließlich Hunderte von Toten und Verletzten in ihrem Blut. Krieg – Bürgerkrieg? – an der heiligsten Stätte des Islam.

Seit dem Brand der Al Aksa-Moschee in Jerusalem von 1969 hat kein Ereignis die gesamte muslimische Welt so tief bewegt und bestürzt. Nach der Ermordung König Feisals im März 1975 ist dies der zweite, heftige Erdbebenstoß, der die „heile“ Wahabitenwelt des Hauses Saud verunsichert und erschüttert. Und seit dem Sturz des Öl-Schahs haben in der nervösen, druckempfindlichen Industriewelt des Westens Staatsmänner und Strategen, Banken und Börsen wohl nie mehr so gezittert wie jetzt, als durch die Schüsse von Mekka der undenkbare Sturz der Ölscheichs plötzlich denkbar wurde.

Der Spuk ist vorbei. Jetzt pilgern sie wieder. Allen voran König Chalid, der um ein Haar in den Moscheesturm hineingeraten wäre und seinen damals geplanten Besuch ganz kurzfristig abgesagt hatte. Er reiste demonstrativ in das wieder befriedete Mekka, tat vor der Kaaba seine Andacht und nahm am abendlichen Gebet teil. Aus der in aller Eile reparierten großen Moschee übertrug das Saudi-Fernsehen nach zweimaligem Ausfall wieder wie gehabt das Zeremoniell des Freitagsgebets. Auf den Bildschirmen zu sehen war auch eine Gruppe der 170 eingefangenen Rebellen und der als militärischer Führer bezeichnete Juheiman Ibn Seif Al-Oteiba. Die Fernsehkommentatoren priesen Allah für das endliche Ende der Moscheebesetzung und verdammten die „Abtrünnigen und Gottlosen“, die „ewigen Fluch“ auf sich geladen hatten, „in die Feuer der Hölle“. Einer der bekanntesten Leitartikler schrieb „Wer die Heilige Moschee entweiht, hat keinen Anspruch auf Verteidigung, kein Recht, gehört zu werden.“ Und der Koran befiehlt für solchen 6Frevel“ „Tötet sie.“

Das blutige Drama

Der saudische Innenminister, Prinz Nayef Ibn Abdul Aziz, zog eine erste Bilanz: 75 tote Rebellen, darunter auch der 27jährige Theologiestudent von der islamischen Universität Medina, Mohammed Abdullah al Kahtani, der sich zum „Mahdi“ (Messias) küren lassen wollte; 60 Tote und 200 Verwundete bei den eingesetzten Einheiten der Armee, Nationalgarde, Polizei und Staatssicherheitsdienste. Über die anscheinend hohen Verluste unter den in der Moschee eingeschlossenen und als Geiseln festgehaltenen Pilgern machte der Prinz keine Angaben. Zusammenfassend erklärte er: „Der Vorfall stellt eine verbrecherische Abweichung vom wahren Glauben des Islams dar und ist weit entfernt von jedem politischen Zusammenhang.“