Von Ulrich Schiller

Washington, im Dezember

Der US-Verteidigungsminister Brown hat im Pentagon den Journalisten erklärt, ohne militärische Stärke könnten auch die anderen Mittel zur Wahrung der amerikanischen Interessen, seien sie ökonomischer, seien sie politischer oder diplomatischer Art, nicht wirksam sein. "In der gefährlichen und unsicheren Welt unserer Tage ist militärische Stärke immer noch der Eckstein unserer nationalen Sicherheit", so lautet Browns Befund. Das war auch einer der Kernsätze in der Rede des Präsidenten selbst, mit der er vorige Woche die Modernisierung und Anpassung der amerikanischen Streitkräfte an die Aufgaben der achtziger Jahre angekündigt hat.

Carters Rede war eine Wendemarke. Hatte der Ajatollah Chomeini mit der Geiselnahme in Teheran schon die Einigung Amerikas auf einen nationalen Willen zuwege gebracht, so bewirkte der Präsident noch mehr: Er trieb das Bewußtsein in Washington für die Gefährdung des Ölbezugs aus dem Nahen Osten bis an den Punkt, an dem die Vorbereitung militärischer Antworten überzeugend wirkt. Carter sagte: "Wir müssen begreifen, daß nicht jeder Anlaß einer entschlossenen Anwendung von Gewalt ein potentielles Vietnam ist."

Die Rede war auch aus einem Guß, nicht wie früher oft ein "Brzezinski-Teil" in scharfer Gangart und ein "Vance-Teil" mit Versöhnungsangeboten. Jimmy Carter erwartet für die achtziger Jahre mehr als bisher Unruhen und Aufstände, vor allem in den Energieversorgungsgebieten der westlichen Industrienationen, und er erwartet, daß die Sowjetunion, gestützt auf ihre militärische Macht, in wachsendem Maße versucht sein werde, aus den Turbulenzen in der Dritten Welt politisches Kapital zu schlagen. Dies ist Carters Antwort:

  • Modernisierung aller Bereiche der strategischen Waffen,
  • Verbesserung der Streitkräfte in der Nato und im Pazifik,
  • Ausbau der Seestreitkräfte, besonders im Hinblick auf die maritimen Nachschublinien im Bündnis und den Schutz der westlichen Ölversorgungswege,
  • höhere Qualifizierung des Personals der Streitkräfte (von der Wiedereinführung der Wehrpflicht spricht die Regierung zur Zeit noch nicht),
  • beschleunigter Aufbau der Sondereingreiftruppe für Übersee-Einsätze außerhalb der Nato.

Diese Eingreifreserve soll, je nach Lage, in der Stärke eines Bataillons bis zu einem Armeekorps bereitstehen. Für zehn Milliarden Dollar sollen Lufttransportraum und Marineeinheiten beschafft werden. Die Frage, ob dies nicht die Anlage von Luft- und Seestützpunkten (neben Diego Garcia im Indischen Ozean) erfordert, verdrängt die Regierung, Brown sagte, Washington sei mit einzelnen Ländern im Gespräch über eine gemeinsame Verstärkung der Sicherheit. Die großen Paktsysteme der Vergangenheit sollen jedoch nicht wiederbelebt werden. Amerika zieht offenbar bilaterale Abmachungen vor, beispielsweise mit Saudi-Arabien, den Vereinten Emiraten, Ägypten, Israel oder Thailand.