Der Aachener Oberhirte Klaus Hemmerle ist ebenso fromm wie intellektuell

Von Nina Grunenberg

Männer von der Statur eines Josef Mindszenty, eines Stefan Wyszynski, eines Karol Wojtyla sind in den Reihen der deutschen Bischöfe nicht zu finden. Es ist auch schwer, eindrucksvoll zu sein, wenn die Widerstände so gering sind wie in der Bundesrepublik. Weder müssen sich die Bischöfe hier politischem Druck widersetzen wie in Polen, noch stehen sie einer „Kirche der Armen“ vor. Ihre Kassen sind gefüllt. Achtzig Prozent der Deutschen sind noch immer Kirchensteuerzahler. Formal ist alles in Ordnung. Bedrückend ist allenfalls die Gleichgültigkeit, mit der die säkularisierte Gesellschaft die Kirche als Dienstleistungsgewerbe verschleißt. Bei Geburt, Hochzeit, und Tod wird sie gerufen, ab und zu auch noch zur Absolution. Aber sonst?

Achtzig frustrierte katholische Pfarrer aus Mönchengladbach, Krefeld und Rheydt wollten darauf vor kurzem von ihrem Bischof Klaus Hemmerle aus Aachen eine Antwort haben. Sie waren von ihm zu einer regionalen Priesterversammlung in den Pfarrsaal von St. Marien in Rheydt eingeladen worden.

Schon den ersten Frager, einen jungen Kaplan, beschäftigte die „Konsumhaltung der Gläubigen“: „Die Leute“, sagte er, „wollen nur die kirchliche Trauung über die Bühne ziehen. Den Service bei der Taufe nehmen sie auch noch in Anspruch, aber sich selber engagieren – das wollen sie nicht. Mit der Verkündigung werden sie innerlich nicht mehr erreicht.“ Ein zweiter klagte: „Beim Taufgespräch wird das besonders deutlich. Erstens merkt man schnell, daß die Ehen meistens schon nicht mehr in Ordnung sind. Zweitens fehlt der Bezug zum Glauben und zur Kirche. In solchen Fällen rate ich dann zum Taufaufschub. Natürlich habe ich noch keine Taufe verweigert. Aber was der theologische Stellenwert einer solchen Seelsorge noch sein soll, weiß ich nicht.“ Ein dritter erzählte von einem Pfarrer, der einen Taufbrief mit Minimalanforderungen an die Eltern geschrieben hatte: „Aber da war die Empörung groß. Dem Pfarrer wurde Unverschämtheit vorgeworfen.“

„Catholic is beautiful“

Die Pfarrer hatten Glück im Unglück. Bei diesem Bischof waren sie mit ihren Sorgen an der richtigen Adresse. Neben Georg Moser, dem erdverbundenen Bischof von Rottenburg-Stuttgart, ist Klaus Hemmerle der zweite Bischof, der unbesehen vorgezeigt wird, wenn die katholische Kirche Staat machen will. Mit seinen kaum fünfzig Jahren gehört er zu den Jüngsten in der Bischofskonferenz. Und in seiner Person verbindet sich auf seltene Weise hohe Intellektualität mit Frömmigkeit. Keiner der Bischöfe ist unfromm im Sinne der Kardinäle des ancien régime. Aber Klaus Hemmerle fällt durch eine wärmende Frömmigkeit auf, die sich weder ängstlich noch kleinkariert gibt, weder resigniert noch dogmatisch. Als Verkünder wirkt der Bischof von Aachen eher herausfordernd, kompromißlos, anspruchsvoll – fast mit einer elitären Nuance, so als wolle er in Abwandlung des alten Slogans der Schwarzen Panther zu verstehen geben: „Catholic is beautiful.“

Frivole Sprüche dieser Art würde er selber nie benutzen. Er ist nicht nur ein gläubiger, sondern ein nachdenklicher Mann, der seiner Spiritualität einen geschliffenen Stil zu geben versteht. Die intellektuelle Grundlage für ihn waren Studium und Lehre der Religionsphilosophie. Hemmerle war Ordinarius in Freiburg und Bochum, ehe er Bischof in Aachen wurde.

Wie sprang er aber nun seinen bedrängten Pfarrern in Rheydt seelsorgerlich bei? Auch ihn selbst, so bekannte er ihnen, bedrängten die Probleme der „Kirchendistanzierung“ bis zur „äußersten Ratlosigkeit und Not“. Doch er warnt die Seelsorger, sich „auf die kleine Herde der Entschiedenen zu konzentrieren“. Die Kirche könne nicht nur „sakramentale Vollgemeinschaft“ sein, sie müsse sich auch als Anlaufstelle für die Distanzierten verstehen, „die den Weg zu den Sakramenten nicht mehr finden“. Doch dann schränkt er ein und macht den Pfarrern Mut zum Widerstand: „Wer nicht vollchristlich in der Gemeinde mitlebt, der soll auch nicht unbedingt das Statussymbol der Sakramente bekommen. Bei der Ehe wäre ich da besonders vorsichtig. Was soll das Sakrament, wenn vorher schon zu sehen ist, daß die Ehe nicht hält. Dafür wäre ich nicht so eng bei Taufe und Begräbnis.“

In einer Kirche, die nicht recht verstehen kann, warum auch sie den Strömungen der Zeit ausgeliefert sein soll, wird ein Mann wie Klaus Hemmerle schnell zum „ragenden Hirten“ – ein Wort aus dem Traditionsfundus der Katholiken, über das sich der Bischof mokiert, aber das er nicht ausräumen kann. Sein viver Sekretär, der Kaplan Johannes Paschen, sagt es dafür im Stil der Zeit: „Der Bischof ist ein absoluter Renner.“ Jedenfalls trägt Hemmerle das Banner auch dann noch, wenn andere Brüder in Christo sich resigniert in ihre katholischen Milieunischen verdrücken.

Er will, sagt er, „Glauben anzetteln“. Sein Zutrauen geht so weit, daß er sich ab und zu und scheinbar unmotiviert während der Tagesgeschäfte mit einem lauten „Halleluja“ Luft macht. Doch ist nicht der geringste Zweifel daran erlaubt, daß er so konservativ wie alle anderen Bischöfe ist, wenn es um den Kern der kirchlichen Lehre geht. „In den Punkten, in denen der Papst umstritten ist“, sagt er, „habe ich es nicht schwer, mit ihm zu halten.“ Das betrifft die Haltung zur Geburtenregelung genauso wie die Ehescheidung, das Zölibat ebenso wie die Frauenordination. Bei diesen Problemen sieht er seine Aufgabe eher in der besseren Begründung und im menschlicheren Umgang als in der Änderung der Norm, erklärt er. „Wenn ich an die Glaubwürdigkeit des Christentums denke“, sagt er, „dann weiß ich nicht, ob wir es nur als Hilfsideologie betreiben können.“ Das ist an die Adresse des Tübinger Theologen Hans Küng gerichtet.

Nicht allen fällt es so leicht, über diese Dinge zu sprechen, wie Hemmerle – fest in der Sache, verbindlich in der Form. Dabei helfen ihm die Erfahrungen, die er als akademischer Lehrer während der unruhigen Jahre an den Universitäten sammelte. Er hat gelernt zu diskutieren statt zu tabuisieren wie die ältere Generation der Bischöfe, die zu hilflosen Hierarchen werden, sobald sie sich beispielsweise zu Problemen der Sexualität äußern sollen.

Genauso entsetzlich sind ihnen nur noch politische Stellungnahmen, seitdem sie sich nicht mehr so selbstverständlich wie zu Konrad Adenauers Zeiten von den Kanzeln herab zur CDU bekennen können. Gerade die Älteren unter ihnen kommen noch aus einem politischen Klima, in dem die christlichen Demokraten als Nachfolger des Zentrums die „eigene“ Partei waren. Bei allen Anstrengungen, die die Sozialdemokraten unternahmen, um das Verhältnis zur katholischen Kirche zu entkrampfen, konnten sie doch nicht mehr erreichen, als daß sich die Bischöfe heute als „geduldete Außenseiter der Gesellschaft“ sehen, wie es einer von ihnen umschrieb. Daß der Staat sich an sie wendet, wenn er verlegen um Grundwerte ist, wollte er nicht als Macht gelten lassen, sondern nur „als Appell eines hilflosen Staates“. Der Kampf um den Paragraphen 218 und die Reform des Ehe- und Familienrechts reduzierte die Beziehungen zur sozial-liberalen Koalition erneut bis fast auf den Nullpunkt. Ein Bischof, der SPD wählt, ist nach wie vor schlecht denkbar. Auch ein liberaler Bischof wäre nur ein Mißverständnis. Allenfalls kann er großherzig sein wie der verstorbene Julius Kardinal Döpfner, der die Gegensätze am Ende nicht mehr verbinden konnte. Er war einer der wenigen Kirchenpolitiker, den die Bischöfe hervorbrachten.

Kirche und Rentenformel

Unter den 72 Kardinälen, Bischöfen und Weihbischöfen (aus 22 Diözesen), die in der Deutschen Bischofskonferenz versammelt sind, ist Klaus Hemmerle jemand, der den Wechsel der Generationen anzeigt, doch keinen grundsätzlichen Wandel. Von jenen, die die Versammlung kennen, wird immer wieder die innerhalb der pluralistischen Gesellschaft verblüffende Homogenität der Bischofskonferenz hervorgehoben: „Man kann nicht von Flügeln reden wie in einem Parlament. Es gibt keine konservativen oder progressiven Fraktionen. In der Regel sind die Bischöfe konservativ in der Lehre der Kirche, aber aufgeschlossen und sozial in ihren gesellschaftspolitischen Vorstellungen.“ Typisch dafür ist Josef Kardinal Höffner, der Vorsitzende der Bischofskonferenz: Er ist kein homo politicus, aber zu seinen Verdiensten gehört die Erfindung der dynamischen Rentenformel, Bei der Rentenreform, so wie sie durch die katholische Soziallehre vorbereitet würde, hat Höffner eine Schlüsselstellung gehabt.

Der strategische Kopf der Bischofskonferenz ist der Essener Bischof Franz Hengsbach. Er gilt als mächtig, weil er auf der Kasse der Bischofskonferenz hockt. Sobald es um Macht und Einfluß geht, werden auch in der Bischofskonferenz keine entscheidend anderen Kriterien angelegt als anderswo auch. Da geht es um territoriale Aspekte: Sind die „reichen“ westdeutschen Diözesen zu einflußreich? Kommen die Bayern genügend zur Geltung? Daß der Vorsitz der Bischofskonferenz nach dem Tode von Kardinal Döpfner an den Kölner Kardinal überging und nicht bei den Bayern blieb, ist heute noch ein Stachel im Fleisch der empfindsamen Süddeutschen. Wer hat die größte Diözese? (Hildesheim als Diasporadiözese?) Wer hat das meiste Steueraufkommen? (Köln?) Wer hat die meisten Weihbischöfe? Sie sind es, sagt man, die die Kärrnerarbeit machen.

Wie sich die Bilder gleichen: In der katholischen Weltkirche spielen die Bischöfe eine ähnliche Rolle wie deutsche Politiker in internationalen Gremien. Von ihnen wird Takt und Geld erwartet. Als Zahlmeister sind sie unentbehrlich. Im übrigen erfreuen sie sich in der römischen Kurie einer Wertschätzung, wie sie Inhabern einer Mittelposition zukommt. Ihre Kirche gilt als relativ konsolidiert, intakt und problembewußt. Zu Zeiten Pius XII. war der Einfluß der Deutschen sicherlich größer. Daß dies Vergangenheit ist, hat auch handfeste materielle Gründe. Kein deutscher Prälat reißt sich noch um einen Job im Vatikan. Die Anlaufzeiten dort sind lang, die Kuriengehälter niedrig.

Professoren hatten hierzulande lange Zeit die größte Chance, einmal Bischof zu werden. Das klassische Fachgebiet für einen zukünftigen Oberhirten war die Moraltheologie als Herzstück der Lehre. Dies brachte die deutsche Kirche in den Ruf, mit wissenschaftlicher Gründlichkeit an Glaubensfragen heranzugehen, nicht so pastoral. Noch früher hatten die „Germaniker“ die meisten Chancen: Wer Bischof werden wollte, mußte das Collegium Germanicum für den Priesternachwuchs in Rom besucht haben. Das gilt schon lange nicht mehr. Auch die Konjunktur für Professoren ist nicht mehr ganz so heftig. Wenn sich die Domkapitel nach einem Bischof umsehen, ziehen sie mehr und mehr auch wieder Seelsorger mit in Betracht. Ein einfacher Pfarrer hat dabei allerdings kaum große Chancen. Ein gutes Sprungbrett hingegen ist der Posten eines Direktors einer katholischen Akademie (vorher vielleicht noch ein paar Jahre als Studentenpfarrer): Er hat sich die intellektuelle Gelenkigkeit im Umgang mit Politikern, „Distanzierten“ und Nichtchristen erworben, ohne die auch ein Bischof heute nicht bestehen kann.

Die Besetzung eines vakanten Bischofsstuhls ist auch heute noch ein ebenso geheimer wie geheimnisumwitterter Prozeß. Demokratisiert ist daran wenig, dafür wird um so strenger gesiebt, geschüttelt und ausgelesen. Man kann es auch beschreiben wie Klaus Hemmerle, der fand: „Bischof wird man so unverhofft, wie Pontius Pilatus ins Credo kommt.“ Formal sieht das so aus: Wenn ein Bischof stirbt, wird nach den Vorschriften des preußischen Konkordats vom Domkapitel eine Vorschlagsliste mit drei Namen nach Rom gesandt. Diese Liste löst dort einen Informationsprozeß aus, der überaus langwierig und sehr geheim ist. Zum Beispiel werden auch Fakultäten um eine Beurteilung der Kandidaten gebeten. Wer befragt wird, darf dies nicht erkennen lassen, sondern geht „sub secretiae pontificate“ nur mit sich selber zu Rate. Nach mehr oder weniger vielen Monaten erhält das Domkapitel aus Rom einen Dreier-Vorschlag zurück, der die gleichen Personen enthält – vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Aus dieser Liste darf es einen auswählen.

„Was mache ich mit meiner Mutter?“

Bei Klaus Hemmerle war das so: Als Berater der deutschen Bischofskonferenz und Geistlicher Direktor des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken galt er zwar schon einige Zeit als bischofsverdächtig – „es wäre eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, wenn der nicht mal Bischof würde“, hieß es von ihm –, aber daß er, der geborene Alemanne, nach Aachen ins Rheinland berufen würde, konnte er sich nicht vorstellen. Zu jener Zeit war er Dekan der theologischen Fakultät der Universität Freiburg und verbrachte im Schwarzwald einen Wanderurlaub mit Freunden. Den Dompropst von Aachen und seinen Generalvikar hielt dies nicht zurück, ihn dort aufzustöbern. Bei Badischem Wein erklärten sie ihm, er sei gewählt und sie wollten wissen, ob er annähme – eine theoretische Frage: „Nein sagen kann man nur abstrakt.“ Den Rest der Ferien grübelte er über die Fragen nach: „Was mache ich mit meinem Lehrstuhl? Mit meinen Doktoranden? Mit meinen Habilitanden? Mit meiner achtzigjährigen Mutter?“

Klaus Hemmerle und Georg Moser zwei Bischöfe aus der großen Schar der deutschen Oberhirten, die es wagten, aus der Nische zu treten und sich ausfragen zu lassen – über ihre alltäglichen Geschäfte in der Kirche, über ihre Probleme mit der Welt „draußen“ und über sich selber. Sie standen nicht an, sich den Bischofsring vom Finger zu nehmen, damit ich ihn aus der Nähe ansehen konnte: Der Bischof von Aachen trägt die Trauringe seiner Eltern, vom Goldschmied mit einem schlichten goldenen Viereck zusammengefügt. Die Hand des Bischofs von Rottenburg schmückt ein großer amethystfarbener Stein, der aus China kommt und früher dem Bischof von Verdun gehörte.

Beide sind vielgereiste Männer: Wer das „Leben in der Kollegialität der Bischöfe mit dem Papst“ (Hemmerle) ernst nimmt, braucht sich seiner Reiselust nicht mehr zu schämen. Katholische Gemeinden gibt es urbi et orbi. Die Bischöfe kennen ihre Kirche. Ob sie die Welt kennen, steht auf einem anderen Blatt. Dazu stehen sie vielleicht auch schon zu weit oben auf der Leiter der Hierarchie, dazu ist auch ihre Männergesellschaft zu total.

Wenn Bischof Moser nach der Heiligen Messe Kontakte mit den Gläubigen suchte, erinnerte er mich manchmal an jenen Divisionskommandeur, der sich jedem Wehrpflichtigen in den Weg stellte, um ihm die Hand zu schütteln und sich selber zu beweisen, daß er noch wußte, was unten an der Basis los ist.

Bischof Moser, mit seinem Talent, das rechte Wort zu finden, wenn ein Thema beendet war, sagte es so: „Es ist viel Welt in der Kirche und viel Kirche in der Welt.“