Von Michael Jungblut

Der Start in die achtziger Jahre steht unter einem unglücklichen Stern. Wahnwitzige Spekulation treibt den Goldpreis fast täglich auf neue Rekordmarken; der Dollar wackelt trotz aller Stützungsversuche; die Gewerkschaften stellen Forderungen, die kaum Hoffnung auf eine Lohnrunde der Vernunft aufkommen lassen; die erst wenige Wochen alten Voraussetzungen über wirtschaftliches Wachstum und Beschäftigung müssen schon wieder nach unten, die Inflationsprognosen nach oben korrigiert werden; die Ölpreise sind von den Förderländern noch vor Beginn der Opec-Konferenz in Caracas erneut kräftig heraufgesetzt worden. Der offizielle Preis für das auf lange Zeit noch unentbehrliche Rohöl hat sich damit innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt.

Ein Narr, wer glaubte, daß es die Ölproduzenten nun dabei bewenden ließen. Ihre Begehrlichkeit kennt keine natürliche Grenze. Schon vor der Opec-Konferenz war klar, daß es ziemlich unerheblich ist, ob die Opec sich in Caracas auf feinen Einheitspreis einigt oder nicht. Ein Schelm, der angesichts der Schwierigkeiten der Ölstaaten, wieder zu einem Einheitspreis zurückzukehren, freudestrahlend verkündet, das Kartell sei zerbrochen. Die Förderländer haben den in den Zeiten gemeinsamer Schwäche entstandenen Einheitspreis gar nicht mehr nötig, weil jedes einzelne Land angesichts der weltweiten Jagd auf das letzte Faß Rohöl fordern kann, was ihm beliebt.

Ein offizieller Ölpreis ist auch deswegen nur noch von geringer Bedeutung, weil die Mengen ständig schrumpfen, die Förderländer den nationalen oder internationalen Mineralölkonzernen als "Vertragsöl" liefern werden. Nicht nur der Iran versucht, immer größere Ölmengen zu Höchstpreisen auf den sogenannten Spot-Märkten zu verkaufen. Wer längerfristige Lieferverträge haben will, muß den Herren des Öls zudem "Eintrittsgelder", "Erschließungsbeiträge" und andere Aufschläge zahlen.

Bisher sieht es so aus, als ob die Ölverbraucher weniger nervös auf die Ölpreisexplosion reagieren als 1974. Aber selbst wenn der Schock diesmal ausbleibt, so ändert dies nichts an den Problemen, die durch den enormen Kaufkraftentzug und die Zahlungsbilanzdefizite bei den Verbraucherländern und die gewaltigen Überschüsse bei wenigen Förderländern bewirken. An den Rand ihrer Zahlungsfähigkeit werden nicht nur einige Industrieländer, sondern vor allem auch viele Entwicklungsländer geraten. Daran wird auch der famose Vorschlag von Caracas wenig ändern, für jedes Faß Rohöl einen halben Dollar in einen Klingelbeutel zugunsten der von der Explosion der Ölpreise besonders hart getroffenen Länder der Vierten Welt zu werfen.

Die vorläufig durch nichts zu bremsende Ölpreiserhöhung führt aber nicht nur zu einer Verschärfung des internationalen Verteilungskampfes. Auch die Auseinandersetzungen zwischen den sozialen Gruppen innerhalb der westlichen Industriegesellschaften werden durch die jetzt unvermeidliche weitere Erhöhung der Benzin- und Heizölpreise zusätzlich angeheizt. Natürlich wissen die deutschen Gewerkschaftsführer, daß der Teil unseres Volkseinkommens, den die Besitzer der Ölquellen in ihre Tasche umleiten, unwiderruflich verloren ist. Auch durch eine noch so aggressive Lohnpolitik läßt er sich nicht zurückholen. Die Belastung kann dadurch allenfalls auf andere soziale Gruppen abgewälzt werden, die im Verteilungskampf nicht über soviel Schlagkraft verfügen. Aber die Gewerkschafter wagen es offenbar nicht, dies ihren Mitgliedern klipp und klar zu sagen. Leichter fällt es ihnen, zu fälligen Lohnerhöhungsrunden Stellung zu nehmen.

Freilich, daß die Gewerkschaftsführer Eugen Loderer (Metall) und Heinz Kluncker (öffentlicher Dienst) den Lohnkampf gleich mit einer zweistelligen Forderung eröffnet haben, war dann doch eine böse Überraschung. Natürlich können sie auf die zum Teil recht ansehnlichen Unternehmergewinne im Jahre 1979 verweisen. Aber das ist der Schnee vom letzten Jahr. Solange die Gewerkschaften nichts von einer Gewinnbeteiligung der Arbeitnehmer wissen wollen und sogar gegen private Initiativen auf diesem Gebiet kämpfen, sollten sie endlich aufhören, die Gewinne des vergangenen Jahres als Argument für die Lohnforderung im kommenden Jahr zu benutzen. Jetzt wird darüber gestritten, wie hoch die Löhne 1980 steigen dürfen, ohne die Inflation noch weiter anzuheizen und dem immer noch viel zu großen Heer der Arbeitslosen neue Rekruten zuzuführen.

Wenn das wirtschaftliche Wachstum wirklich auf magere 1,5 Prozent zurückgeht, wie einige Konjunkturforscher jetzt unter dem Eindruck der jüngsten Ölpreiserhöhungen fürchten, dann paßt eine Lohnforderung von über zehn Prozent dazu wie die Faust aufs Auge.