ZDF, Mittwoch, 26. Dezember, 20.15 Uhr (2. und 3. Folge: Sonnabend, 29. Dezember, 20.15 Uhr, und Dienstag, 1. Januar, 19.20 Uhr): „Ein Kapitel für sich“; nach den Romanen „Uns geht’s ja noch gold“, „Im Block“ und „Ein Kapitel für sich“ von Walter Kempowski; Regie: Eberhard Fechner.

An drei Feiertagen nicht Klebrig-Besinnliches, sondern eine nachdenkliche Kunstanstrengung – dafür kann man dem Regisseur Eberhard Fechner danken; statt Ablenkung bietet seine Kempowski-Verfilmung die Möglichkeit, auf etwas hinzulenken: auf jüngste Geschichte, unsere Verstrickung. Nimmt man die Weihnachtszeit nicht lediglich als verglitzerte Kaufbrunst, als „Fest der Lüge“, nimmt man es ernst, dieses Fest mit seiner Kraft zu Verstörung und läßt sich das Hirn nicht vernebeln von der Sentimentalität des „Holder Knabe im lockigen Haar“: dann sind diese drei Fernsehfolgen ein Angebot.

Ungetrübt jedoch kann auch diese Freude nicht sein. Der große Ernst von Fechners (und der Schauspieler) Arbeit läßt mich den eigenen Einwänden gegenüber zögern, gar skeptisch sein; denn: dem Appell dieser Filme kann man sich schwer entziehen. Aber vielleicht liegt darin eine Gefahr?

Kempowskis Kunst ist die des Erinnerns. Die beiden als zeitliche Abfolge konzipierten Bücher „Uns geht’s ja noch gold“ und „Ein Kapitel für sich“ sind Produkt eines nahezu zwanghaft Details aufspießenden Erinnerungsvermögens. Rostock nach 1945 (also die Szenerie nach seinem Roman „Tadelloser & Wolff“) gibt die Kulisse für den einen, die Inhaftierten von Bautzen den Hintergrund für den zweiten Roman (in den wiederum Kempowskis allererstes Buch „Im Block“ eingegangen ist; Kritiker sagen auch: aufgegangen). Also: Hunger, Kälte, unförmige Mantel und dicke Handschuhe, Ofenstochern und Kartoffeln klauen, Reste aufkochen und Schwarzmarktgeld verstecken – das ist wie Pestzeit über die einst gutbürgerliche Reedersfamilie gekommen. Die Russen als Rache der Geschichte. In den Büchern ist es auch: Strafe. Das photographiert der Film fort. Hier geschieht etwas Unheimliches – die Scherben einer zerbrochenen Haltung, einer zerborstenen Sprache, die sich nur mehr an ihre eigenen Splitter hält (und damit den Leser verwunden soll) werden zum Klischee. Kempowski pinnt das feste wie ein Schmetterlingsjäger, da liegen sie bei ihm unter Glas: bunte alte Pracht, und sehr tot.

Der Film belebt das. Und schwächt es so ab. Ein winziges Beispiel: „Wie isses nun bloß möglich“, sagt Margarethe Kempowski immer wieder. Das ist nicht bloß Redeweise des Althergebrachten; es ist Kempowskis Weise, das bare Unverständnis gegenüber aller Politik, allem Geschehen, aller eigenen Schuld zu demonstrieren. Menschen als Opfer und Täter zugleich – das birgt so ein Sprachpartikel. Es hat die Banalität des Grauslichen. Der Film läßt das zur Chargeneinlage verkommen, zum Witzwort, auf das man nach einer Weile wie auf das Bewährte, Vertraute wartet, wie auf das „Sire, geben Sie Gedankenfreiheit“ der Stadttheateraufführung. Es stört nicht. Der Film glättet, macht konsumierbar, wo der Leser sich verschlucken, um Atem ringen sollte.

Es ist unheimlich: Ich habe mich dabei ertappt, dem bewegten Geschehen ganz unbewegt zu folgen – einem Kostümstück. Holzgasautos, Leiterwagen, Kopftücher und Russengesichter – alles stimmt. Aber diese Stimmigkeit deckt etwas zu statt auf. Sie ist oft an der Grenze des gepflegten Elends; man schmeckt und riecht es nicht.

Voller Zweifel frage ich mich das bei den Zuchthauspassagen. Beide Söhne und schließlich auch ihre Mutter werden von den Russen abgeholt, verhört, gequält, entwürdigt. Auch Bautzen war eine Hölle. (Die Härte – und gute Ungelenkheit – seiner ersten Notare „Im Block“ hat Kempowski nie wieder erreicht.) Unvergeßlich die Szene, in der Fechner seinen Titelhelden nackt, frierend, gekrümmt, zur Kreatur erniedrigt in der Wasserzelle der Russen zeigt, ein zitterndes Wesen nur noch und des DDR-Poeten Kuba „Ein Mensch – wie stolz das klingt“ unendlich weit. Aber: der literarische Text leistet es sich, bis zur Befremdlichkeit Alltag, Groteske, Humor zu zeigen. Kurz: die Belastbarkeit des Menschen. Der Film wiederum bietet mit enormem Statistenaufgebot und breit ausmalenden Elendsszenen genau jenen emotionalen Appell, den Kempowski sich verbietet. Der Autor führte etwas vor – der Film gerät zur Vorführung.