Von Aloys Behler

Im Alltag des Kasernenlebens dominiert zwangloses Räuber-Oliv doch wenigstens einmal im Jahr hat der Bataillonskommandeur den Wunsch, das Kompanie-Aufgebot korrekt und komplett in voller Kriegsbemalung vor sich zu sehen: angetreten auf dem Kasernenhof, angetan und ausgerüstet mit Kampfanzug, Stahlhelm, Sturmgepäck, Klappspaten, Schutzmaske, G3-Gewehr und allem, was dazugehört.

Dann kommen, als eine Art Truppen-TÜV, Offiziere und Feldwebel des Stabes über die Kompanie und legen bei jedem einzelnen Mann die Lupe an: Waffe in Schuß? Schanzzeug in Butter? Truppenausweis, Impfbuch, Führerschein in der richtigen Tasche? Die Veranstaltung heißt „Kompaniebesichtigung“ und wird der betroffenen Einheit durch Bataillonsbefehl in der Regel rechtzeitig angekündigt.

Heute wird die 4. Kompanie besichtigt. In der Morgenfrühe marschiert Hauptmann Hintelmann mit seinen Männern im Gleichschritt marsch in die „Manege“, spricht auf den Exerzierplatz. Auch für ihn ist es eine Prüfung. „Das stinkt mir“, hat er am Abend vorher im Kasino in seinen Bart geknurrt, „und meinen Leuten auch.“

Es kann für einen Menschen kein Vergnügen sein, in Reih und Glied stehend sich selbst und sein Zubehör „besichtigen“ zu lassen. Da kramen erwachsene Männer vor prüfenden Blicken ihre Habseligkeiten hervor, entleeren den Inhalt ihres Kochgeschirrs, sortieren mit klammen Fingern Zahnbürste, Seife und Waschlappen auf dem Boden...

Die Offiziere kontrollieren penibel, immerhin so diskret, wie es unter Kasernenhof-Bedingungen möglich ist. Es wird niemandem zu nahe getreten. Und es gibt auch keinen Grund zu der Annahme, dies könnte nur deshalb so gewesen sein, weil an diesem Tag ein Außenstehender zuschaute. Der Besucher hat trotzdem das Gefühl, einer etwas peinlichen Vorstellung beizuwohnen. Allzu zivile Sensibilität eines „Ungedienten“?

Kompaniebesichtigungen müssen sein, heißt es, damit der Kommandeur sich über äußere Erscheinung und innere Verfassung seiner Einheiten ein Bild machen kann. Das Ergebnis scheint die offizielle Lesart zu rechtfertigen: Ein Oberleutnant hat entdeckt, daß bei einer ganzen Reihe von Soldaten eines Zuges die ABC-Schutzmasken nicht in Ordnung sind; es fehlt ein Sieb, und damit wären die Masken im Ernstfall unbrauchbar. Der Oberleutnant meint: „Entweder waren da ein paar ganz Schlaue, die sich das Tragen der Masken während der Übungen erleichtern wollten, oder die Leute waren tatsächlich ahnungslos – die hatten so überraschte Gesichter.“

Daß die meisten jungen Wehrpflichtigen heute sensibler reagieren als ihre Vorgänger in den zurückliegenden Jahren, bedeutet auch, daß sie sensibilisiert sind gegenüber gewissen Peinlichkeiten einer Kompanie- und Menschenbesichtigung, selbst wenn sie nachher darüber lachen und ihren Truppenausweis wieder von der linken in die rechte Tasche packen. Die Form solcher Kontrollen empfinden viele Wehrpflichtige als „Kaspertheater“, und Truppenführer sollten die Gefahr sehen, daß sich in solchen Dingen auch guter Wille abnutzt.

Kollegial und freundlich

Innere Führung – ein einziges Mal während der Gespräche mit jungen Wehrdienstleistenden fiel dieses Stichwort, und es erregte Heiterkeit. Keineswegs eine Demonstration des Mißtrauens gegen – im allgemeinen durchaus akzeptierte – Vorgesetzte, eher eine Kundgebung der Verlegenheit: unter dem Stichwort können sich Soldaten immer noch nichts Rechtes vorstellen. „Mitdenkender Gehorsam“ ist nach den Prinzipien der Inneren Führung das anzustrebende Ideal soldatischer Grundhaltung in der Bundeswehr. Wie nahe die Truppe diesem Ideal gekommen ist, kann einer nach drei Tagen unter Soldaten nicht kompetent beurteilen. Sehr nahe sicherlich noch nicht.

Es gibt Anzeichen dafür, daß Partnerschaft immerhin versucht wird. Offiziers-, Unteroffiziers- und Mannschaftsdienstgrade verkehren untereinander im allgemeinen kollegial bis freundlich. Der Umgangston ist zivil, wohltuend der Verzicht auf betonte Hervorkehrung der militärischen Hackordnung. Im Offizierkasino wird dasselbe Essen serviert wie im Mannschaftsspeiseraum – zweifellos ist die Kluft zwischen Vorgesetzten und Untergebenen gegenüber früher geringer geworden.

Dennoch wird es eine Weile dauern, bis sich die Wunschvorstellung der neuen Führungskonzeption – der militärische team-leader inmitten einer Truppe von lauter verantwortungsbewußten, mitdenkenden Mitarbeitern – von oben nach ganz unten durchgesetzt haben wird, soweit eine solche Erwartung überhaupt realistisch ist. Derzeit fehlt es dazu an Personal, an qualifizierten Offizieren und Unteroffizieren in Bataillonen und Kompanien für den unmittelbaren Truppendienst am Mann. Die Militärbürokratie schluckt man-power. Kompaniechefs der Infanterie haben, so hat das Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr in einer Studie ermittelt, bei einer durchschnittlichen Arbeitszeit von 52 Stunden in der Woche gerade vier Minuten Zeit für ein Gespräch mit dem einzelnen Soldaten in einer 120 Mann starken Einheit.

Oberstleutnant Lange-Hilmers, der von erheblichen Personalsorgen geplagte Kommandeur des Panzergrenadierbataillons in Cuxhaven, erinnert daran, daß die an sich begrüßenswerten Bemühungen der Bundeswehr um eine höhere fachliche Qualifikation ihrer Offiziere und Unteroffiziere auch ihre Kehrseite haben: „Fast alle Offiziere erhalten heute zwar eine gute wissenschaftliche Ausbildung, doch wenn sie dann zur Truppe zurückkommen, haben sie oft jeden Kontakt zur Praxis verloren. Das Bataillon soll gute Leute werben, doch wenn sie dann soweit sind, werden sie wegkommandiert. Unsere Stellenpläne sind zwar alle besetzt, doch viele davon nur auf dem Papier, weil die Männer in der Truppenschule, auf dem Lehrgang oder nicht außendienstfähig sind.“

Hauptmann Hintelmann hat einen Zugführer („mein bester Mann“) in der eigenen Kompanie, den hat er im Zeitraum von eineinhalb Jahren ein Jahr und drei Wochen nicht zu Gesicht bekommen. Da waren zunächst vier Monate Unteroffiziers-Aufbaulehrgang, dann zwei Monate und drei Wochen Verwaltungslehrabschluß, dann sechs Monate Lehrgang der sogenannten Fortbildungsstufe Alpha – noch bis Ende März 1980. Die 48 Mann des dritten Zuges führt stellvertretend ein Stabsunteroffizier, der dafür nicht ausgebildet und viel zu jung ist.

Unter diesen Umständen ist verständlich, daß immer noch mehr „befohlen“ als „geführt“ wird. Überlastete Offiziere und überforderte Unteroffiziere neigen nicht dazu, sich aufs Argumentieren oder Diskutieren einzulassen. Ein Vorgesetzter, der seinen Untergebenen im Sinne einer richtig verstandenen Auftragstaktik Handlungsspielraum läßt, sie zum Mitdenken und zur Mitverantwortung einlädt, geht das Risiko ein, dafür gegebenenfalls geradestehen zu müssen. Also befiehlt er lieber ganz genau, was zu tun ist. Ein Befehl gibt sich leichter als ein Denkanstoß.

Auch nach Feierabend – wenn schon der Dienstplan so wenig Spielraum läßt – kommt eine dem partnerschaftlichen Denken möglicherweise förderliche Kommunikation nicht zustande. Wie die Soldaten streben auch die Offiziere nach Dienstschluß zum Kasernentor hinaus: Sie haben Familie und private Verpflichtungen und leisten ohnehin genug Überstunden. Das Offizierkasino ist gähnend leer. Ein paar vereinsamte wehrpflichtige Stabsärzte sind regelmäßige Gäste, und für ein paar Abende auch Major Hotop, der stellvertretende Bataillonskommandeur. Er ist erst kürzlich nach Cuxhaven versetzt worden; seine Familie lebt noch in Munster, und er ist noch unschlüssig, ob er sie nachholen oder erst einmal abwarten soll. Versetzungen sind für die Familien der Offiziere meist mit Härten verbunden: gesellschaftliche Isolation, Schulschwierigkeiten bei den Kindern, oft finanzielle Einbußen. Wolf-Rüdiger Hotop sagt allerdings: „Ich kann nicht klagen.“

„Insgesamt gut“

1968 gehörte er zu den Kandidaten für die deutsche Olympiamannschaft in Mexiko. Die Fünfkämpferfigur hat er noch. Hotop erinnert sich: „Damals waren die Offizierkasinos abends immer brechend voll.“ Heute sind die meisten Offiziere schon in jungen Jahren verheiratet, und es zieht sie nach Hause – nicht anders als die jungen Wehrpflichtigen. Wer in der Kaserne bleiben muß, kommt ins Saufen oder ins Grübeln, seltener ins Denken. Daß dies zwangsläufig so sei, möchte der ehemalige Leistungssportler Hotop nicht gelten lassen: „Zu mir ist einmal einer dieser Jungen gekommen, Abiturient, stolz darauf, daß er es aus bescheidenen Verhältnissen so weit gebracht hatte, und hat mir erklärt, er müsse unbedingt weg; er habe es hier schon vollkommen verlernt, selbständig zu denken. Ich habe ihm das ausgeredet. Ich habe ihm gesagt, er werde es doch wohl noch schaffen, in seiner freien Zeit hier ein paar gescheite Bücher zu lesen, zum Beispiel. Er hat das auch geschafft.“

Den Wissensstand zu verbessern und womöglich Prozesse des Mit- und Nachdenkens in Gang zu setzen, gibt es beim Militär die Einrichtung des theoretischen Unterrichts. Er ist so beliebt wie das Waffenreinigen, die „Flintenkosmetik“. Die Soldaten sprechen von „Belaberung“. An diesem Nachmittag steht „Chefunterricht“ als ein Teil der Kompaniebesichtigung auf dem Programm; der Kompaniechef selbst und seine pädagogischen und didaktischen Fähigkeiten kommen auf den Prüfstand.

„Menschenführung in der NVA“ heißt das im Bataillonsbefehl gestellte Thema. Es geht darum, daß die Soldaten die Unterschiede zwischen der Nationalen Volksarmee der DDR und der Bundeswehr erkennen. Hauptmann Hintelmann doziert kernig. Er ist kein Freund des Theoretischen, er ist Praktiker, aber er hat sich und seine Leute gut vorbereitet. Brav bringen die Soldaten aufs Stichwort die gelernten Antworten. Es ist wie in der Schule, wenn der Schulrat zur Referendarstunde erscheint. Hinten sitzen der Bataillonskommandeur und der Brigadekommandeur.

Eine einstudierte Spielszene ist der Clou der Stunde. Drei Panzergrenadiere im T-Shirt in der Rolle von NVA-Soldaten, die sich über ihren Dienst unterhalten. Anschließend werden die Lehren gezogen: NVA-Soldaten dürfen nur in Uniform ausgehen, Bundeswehrangehörige dagegen jederzeit in Zivil; drüben dürfen sie nicht einmal ein Moped in die Kaserne bringen, während hier die Kasernenparkplätze mit Privatwagen überfüllt sind; in der DDR darf jeder Vorgesetzte Untergebene bestrafen, bei der Bundeswehr darf das nur der Disziplinarvorgesetzte.

Es kommen noch weitere Unterschiede zur Sprache, auch jener zwischen Fahneneid drüben und Gelöbnis hüben. Bevor die Soldaten mit dem Eindruck entlassen werden, daß es mit der Menschenführung in der NVA nicht weit her sein kann, ergreift der Bataillonskommandeur kurz das Wort: In der NVA, so warnt er vor einem naheliegenden Mißverständnis, sei keineswegs alles schlecht. Es gebe da auch Positives.

Zu gegebener Stunde wird darüber im Chefunterricht zu sprechen sein.

Auch in der Bundeswehr ist nicht alles schlecht. Dieter Hintelmann und seine 4. Kompanie bestehen die Besichtigung mit der Note „insgesamt gut“.