Jeden Morgen kurz nach sieben, wenn die besorgten Mutterwische ihren Juniorwischen mit der beblätterten Semmel bis zur Klotür nachkommen, zu einer Zeit also, um die in normalen Wischer-Familien die allgemeinen Erzichlichkeitstorturen beginnen, ertönt die Stimme des Äther-Echo-Rufers Dschi-Dsche-i Dschunior, der seine lieben, guten, tapferen; erfahrenen Freunde und Kollegen, alle Einzelwischer, Doppelkollegen und vielfach geschwistrigen Freunde in den Schul- und Familienalltag begleitet. Da ist von der „Martermatik“ die Rede und von problemigen Schwesterwischen, von Tatzenwuseln, die zurückgegeben werden müssen, und von Alt-, Winzig- und Oberwischern. Von all den Dingen, die Sechs- bis Zwölfjährigen das Herz schwer und die Flatterohren flattern machen. Mit marsmännchenartig verfremdeter Stimme bohren sich via Ö 3 „Verhalterungstips“ für besseres Oberwischern in die Ohren von Österreichs Schulkindern, die dessentwegen vielleicht sogar pünktlich aufstehen.

Nun gibt es einen Teil der Wischer-Briefe auch in Buchform. Auf Grund der Radioserie darf dieses Buch mit einem solchen Vorschuß an Interesse rechnen wie hierzulande kaum eines. Und das zu Recht. Die Wischer sind aus Österreichs Schulalltag nicht mehr wegzudenken. Einem Schulalltag, dem sie auf sehr überzeugende Art nahestehen. Ob sie nun ihrem äußersten Äußeren nach mehr den Tolkien’schen Hobbits oder den Mumins von Tove Jansson ähneln, ist dabei nicht sehr von Belang. Und die Erklärung zu ihrer Existenz ist die beste, die ich bezüglich eines fabelig-menschlich-tierisch-erfundenen Wesens je gehört habe, nämlich: „Wischer gibt es. Weil es einfach alles gibt, darum gibt es auch Wischer“ steht da als erster Satz in den Wischer-Briefen, ein Satz, in dem die Binsen mit der Weisheit erdrosselt werden. Logo und klaro, wie Dschi-Dsche-i zu sagen pflegt, wenn die Einleuchtlichkeit eines Sachverhalts nicht nur für ihnereins, sondern für jederwisch gegeben ist.

In seiner letzten Glosse hat Wolfdietrich Schnurre als eines der obersten Kriterien für ein Kinderbuch dessen Brauchbarkeit genannt. Dem stimme ich zu. Wobei ich so weit gehen würde, außer Faszination und Mitmachbereitschaft auch noch so etwas wie einen ganz konkreten Nutzwert gelten zu lassen. Im besonderen für dieses Buch. Es kann einem schon etwas nützen, Dschi-Dsche-is Botschaften zu hören, wenn man selber in der Zwiespältigkeit hockt. Auch wenn die Nöte sich wiederholen und so gesehen banal sind. Aber gerade diese grundsätzlichen Nöte, die sich generationenweise wiederholen, wenn auch einiges an konkreten Beispielen wegfällt oder neuerdings hinzukommt, wie die Geschichte vom kleinen Biberl Wischer, der sich zum Geburtstag ein Kleid gewünscht hat, obwohl er männlichen Geschlechts ist, und seither, frustriert von den Reaktionen der Altwischer, nur mehr sagt: Jeder Weibswisch raus aus der Jean, nix wie raus!“ Diese Nöte sind nicht nur die alltäglichsten, sondern auch die, die einem am meisten zu schaffen machen. Und somit die interessantesten, wenn, ja wenn sie auf eine Weise spielerisch verfremdet sind, daß man ihnen ganz neue Seiten abgewinnen kann, wobei denn die eigene mieselsüchtige Stimmung durch ein neues wischerisches Selbstwertgefühl aufgehellt wird, ohne daß der Konflikt verharmlost oder durch Sprachspielereien verniedlicht würde.

Die Sprache, derer Dschi-Dsche-i Dschunior sich bedient, ist durchweg eine Kunstsprache. Sie stellt die Wirklichkeit des Schülerslangs überregional dar und zwar so, daß man als Leser oder Zuhörer Lust verspürt, an dieser Art Sprache weiterzubasteln. Das heißt, die Kunst schlägt (wirkt) zurück. Und indem sie „zurückschlägt“, entlarvt sie folgerichtig. Ist es nicht der oder zumindest ein Sinn dieser Art von Kunstsprache, etwas auszudrücken, was die Alltagssprache mit ihren eingefahrenen Wendungen gar nicht mehr „zum Ausdruck“ bringt?

Christine Nöstlinger hat mit der Wischer-Idee eine neue Form für die Kinderliteratur entdeckt, die kaum eindeutige Vorbilder hat. Nicht daß nicht immer wieder mit Sprache gespielt worden wäre, daß nicht immer wieder menschenähnliche Wesen an Stelle von Menschen aufgetreten wären. Aber hier hat etwas stattgefunden, das die Idylle vermeidet und trotz aller äußeren Andersartigkeit mittendrin ist.

Da wird von Heftchen-Literatur profitiert, spurenelementweise von Science-fiction und phantastischer Literatur, vom tatsächlichen Jargon in Form von Analogiebildungen und so weiter. Die einzigen Entgleisungen, die ich entdecken konnte, sind normalösterreichische Sprachschlampereien wie „Zumindestens“ und „über“ statt „übrig“. Die fallen keinem auf und regen auch zu nichts an.

Die Wischer-Sprache ist eine Sprache, die gerade durch ungewohnten Klang Echtheit von Situationen und Konflikten verstärkt, denn sie entschärft sie nichtdurch vorbelastete Sprachformen. Konflikte aber verlangen nach einer Lösung, und die kann nicht vorgegeben werden. Oder wenn, dann nur andeutungsweise. Es kann aber dazu ermuntert werden, so wie im letzten Wischer-Brief. Darin werden die Leser gebeten, sich selber den Kopf darüber zu zerbrechen, wie man verliehene Wischlinge wieder zurückfordert, ohne sich unmöglich zu machen (Antworten bitte an den Verlag). Ein Buch also, das nicht nur zum Mitreden, Mitempfinden und Mitdenken, sondern auch zum Mithandeln auffordert. Eine schöne Geschichte... möchte man da fast sagen.

Christine Nostlingen „Dschi-Dsche-i Dschunior“, Wischer-Briefe; Verlag Jugend und Volk, Wien, München; 132 S., 14,80 DM