Von Hans Mayer

Da spürt man Widerstand in sich selbst, richtiger Widerwille macht sich bemerkbar, wenn einer mal wieder, möglichst in baritonaler Emphase, vom "kulturellen Erbe" spricht, das man hüten, vor allem auch "verteidigen" müsse. Nun gar die Floskel vom "nationalen Kulturerbe", wie sie in amtlichen Verlautbarungen der DDR, aus gegebenem Anlaß, stets von neuem aufzutauchen pflegt. National, Kultur, Erbe: Es ist ein Spiel mit lauter Unbekannten. Ganz nach Mephistos Rezept:

Schon gut! Nur muß man sich nicht allzu ängstlich quälen; durch unsere Ron denn eben, wo Begriffe fehlen, Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.

So verhält es sich hier, beim Klischee vom kulturellen Erbe, national oder auch nicht, oder gar noch abendländisch.

Vielleicht kommt man weiter, wenn man das Klischee nach seiner geschichtlichen Genese befragt. In unseren Wörtern und Redensarten ist immer noch die längst abgelebte Vergangenheit wortfest gemacht. Wir kämpfen mit offenem Visier, und ziehen doch nicht in den ritterlichen Turnierkampf. Ritterzeit, Schwedenkrieg, Franzosenzeit unter Napoleon, bürgerliche Gesittung des 19. Jahrhunderts, Landsererfahrung aus zwei Weltkriegen: alles ist Sprache geworden, mithin Kultur der Gegenwart. Die Obszönität von einst wandelte sich zur Alltagsfloskel. Kriegerisches – "das haut nicht hin!" – ist plötzlich spaßhaft gemeint.

Auch das Wort vom Erbe hat seine Gesellschaftsgeschichte. Mit dem Besitzdenken des bourgeoisen 19. Jahrhunderts hängt es zusammen: wenigstens in der scheinbar vergeistigten und sublimierten Fassung des kulturellen Erbes. Kulturelles Erbe, das kann als Synonym verstanden werden für die Grundhaltung bürgerlicher Existenz in Deutschland und im 19. Jahrhundert, bis etwa zum Jahre 1914. Kulturelles Erbe war folglich zu verstehen als Bildung und Besitz. Werke der Kunst, als Klassiker sanktionierte Künstler, anerkannt große Leute gleich welchen Metiers: das wurde als Besitz deklariert, war Erbschaft, die man getrost antreten durfte, denn sie war schuldenfrei.

Dabei ist der bürgerliche Begriff des Besitz- und Erbschaftsdenkens in Fragen der Kunst, der Architektur, natürlich auch der Landschaft, durchaus nicht uralt und gleichsam natürlich. Viele Zeitalter und Generationen hielten das Überlieferte und Hergebrachte durchaus nicht für erhaltenswert. Geschichtliche Beispiele sind stets aufschlußreicher als abstrakte Thesen der Kulturphilosophie.