Die Entdeckung eines großen Dichters aus Südtirol

Von Rolf Schneider

Da wird am 19. April im südtiroler Brixen einer jungen Frau ein uneheliches Kind geboren. Der Vater, er will seinen Sohn nicht „ehelich“ machen, kommt zehn Jahre später bei einem Unglück ums Leben. Der Säugling verbleibt zunächst in fremder Pflege, so bei den Grauen Schwestern der Heiligen Elisabeth; seine Mutter heiratet dann einen kriegsversehrten Mann, gelernten Tischler, der arbeitet schließlich als Pförtner bei einer Schafwollwarenfabrik in Bruneck. Der Junge wächst bei Mutter und Adoptivvater heran. Als er zur Schule soll, wird er schwer nierenkrank. Seiner Begabung wegen wechselt er auf Mittelschule und klassisches Gymnasium. In den Ferien arbeitet er als Autowäscher, Geschirrverkäufer, Hotelangestellter. Die Abiturprüfung besteht er nicht.

Er fängt an, Gedichte zu schreiben, die keiner drucken will. Er wird Lehrer. Als er einundzwanzig ist, tritt er in ein Kapuzinerkloster ein; kurz vor seinem zweiundzwanzigsten Geburtstag verläßt er es wieder. Er schreibt weiter Gedichte, besteht nach wiederholtem Anlauf sein Abitur, studiert ein wenig Kunstgeschichte, arbeitet erneut als Lehrer und säuft sich buchstäblich aus dem Schuldienst heraus. Er unternimmt Reisen. Er lebt als Gemeindearbeiter auf einer norwegischen Insel. Er unternimmt einen dritten erfolglosen Versuch mit dem Lehrberuf. Er wird arbeitslos. Einmal ist er Kleindarsteller beim Film. Der Alkohol hat ihn so ruiniert, daß er immer wieder in Krankenhäuser und Sanatorien muß.

1976 tritt er der Kommunistischen Partei Italiens bei. Durch ihre Vermittlung gelangt er in die DDR, nach Thüringen, Bad Berka, wo er kuriert werden soll. Es ist vergebens. Es kommt alles zu spät. Der junge Lyriker kehrt heim nach Südtirol, lebt von Unterstützungen, von Hilfsarbeit, er ist einunddreißig Jahre alt, als er sich hinlegt und stirbt, an einem Lungenödem, in der Folge von fortgeschrittener Leberzirrhose und Bauchwassersucht.

Diese Biographie und, vor allem, die literarische Hinterlassenschaft des Toten sind jetzt zugänglich geworden in dem Band von –

Norbert C. Kaser: „Eingeklemmt – Gedichte, Geschichten und Berichte, Stadtstiche, poetische Protokolle, Kritik, Polemik, Agitation“, herausgegeben von Hans Haider; Edition Galerie Bloch, Boznerplatz 5, A-6020

Deutschsprachige Belletristik aus Südtirol – was weiß man denn da? Es gibt den Legendendichter Heinrich von Purgeis im Hochmittelalter und den Schriftsteller Beda Weber im 19. Jahrhundert. Das alles überstrahlende Genie war Oswald von Wolkenstein, der vor sechshundert Jahren lebte. Von unseren Zeitgenossen kennt man vielleicht Franz Turnier. Norbert C. Kaser hat noch postum die poetische Kraft, zu einem Stern erster Ordnung zu werden.

Um das, was er aufschrieb, werten zu können, muß man es im Zusammenhang der Belletristik aus dem heutigen Österreich sehen. Er selber hat es wohl so gesehen, wenn er sich um österreichische Staatsstipendien bewarb und erhielt, ohne daß er sich nun als südtiroler Anschlußfetischist oder literarischer dinamitero empfand.

ich krieg ein kind

ein Und krieg ich

mit rebenrotem kopf

mit biergelben fueßen

mit traminer goldnen haendchen

& glaesernem leib

wie klarer schnaps

zu allem lust

& auch zu nichts

ein kind krieg ich

es schreiet nie

lallet sanft

ewig sind

die windeln

von dem kind

feucht & naß

ich bin ein faß

Dies ist Käsers letztes Gedicht. Kurz nachdem er es aufgeschrieben hatte, überfiel ihn die Krankheit zum Tode; keine vier Wochen später war er tot.

Diese Verse haben, auf den ersten Blick, eine halb vagantische, halb surrealistische Unbekümmertheit. Kaser scheint darin ein südtiroler Verwandter des literarischen Saufbruders Günter Bruno Fuchs zu sein. In Wahrheit ist die derbe Drastik mit den grellen Bildern ein Versuch, Todesahnung und Verzweiflung zu bändigen. In seiner seelischen Disposition war Kaser ein Anarchist, und nicht erst seit K. H. Bohrer wissen wir, daß Anarchismus und Dada Entsprechungen, Bakunin und Breton intellektuelle Vettern sind.

In Österreich ereignet sich im Vergleich zum übrigen Mitteleuropa der Surrealismus mit der Zeitversetzung eines Vierteljahrhunderts. Er wird zum beherrschenden Stil nach dem letzten Krieg: bei den metaphysischen Malern von Fuchs bis Hutter, in den musikalischen Collagen des Art Club, in den literarischen Experimenten der Wiener Gruppe um Artmann, Bayer, Rühm. Bei Ernst Jandl zeigen sich die Traditionen von Schwitters, Ball, van Hoddis, Arp und Huelsenbeck aufs schönste aufgehoben.

Das alles ist zunächst ein Wiener Phänomen, doch ist das Geheimnis von Österreichs schöner Literatur seit zweihundert Jahren der Regionalismus. Vom Burgenland zum Vorarlberg führt nicht bloß geographisch ein weiter Weg. Die einzelnen Bundesländer bringen mit unüberhörbarer Insistenz ihre Eigenarten in die gegenwärtige Belletristik des Landes ein; das begann schon früh, etwa durch die Kärntnerin Ingeborg Bachmann; Graz ist längst auch ästhetisch ein Gegenentwurf zu Wien, und daß Tirol irgendwann durch jemandes Mund sich poetisch äußern würde, war zu erwarten.

In Mühlau, einer Gemeinde nahe Tirols Hauptstadt Innsbruck, liegt das Grab von Georg Trakl. Ich mußte daran denken, als ich die Gedichte des Tirolers Norbert Kaser las, denn es gibt kaum einen österreichischen Dichter, dem er insgeheim so ähnelt wie Trakl. Beide haben die gleiche bittere und desperate Sicht auf die Dinge, die gleiche Verletzlichkeit, den gleichen Hang zu den hallizogenen Giften, das ist: den gleichen Hang zur Selbstzerstörung. Natürlich bleibt ein Unterschied zwischen dem in pfleglicher Bürgerlichkeit herangewachsenen Apothekersproß aus Salzburg und dem Arme-Leute-Kind aus Bruneck. Wo Trakl geradezu süchtig nach Vorbildern aus der romanischen Welt greift, ist der zweisprachig aufgewachsene (gelegentlich auch italienisch schreibende) Kaser bestrebt, auf deutsche oder deutschsprachige Eigenart zurückzugreifen.

marmorbruch und falscher onyx

die magere etsch mittendurch

misthäufen und traktoren

historischer boden

ist das alles

frage ich.

Dies ist eine Strophe aus Käsers erstem Gedicht. Er schrieb es mit zwanzig. Die Diktion ist auf überraschende Weise schon endgültig: meist sehr kurze Verszeilen, bis zum Lapidaren verkürzte Mitteilungen und Metaphern, das Unwiderlegliche, die böse Melancholie. Die hält auch an, wenn es um Gesten der Zärtlichkeit geht, so in diesem Stück aus einem Zyklus von Gedichten für Kinder:

was man haben muß:

weiße Stiefel muß man

haben

und eine kanne voller

Schwarzbeeren

und eine floete

und eine kleine freche zeh.

Oder in diesem Gedicht, einem der raren Beispiele von Liebeslyrik bei Kaser:

bald

die bergseen kriegen graugrüne augen

bald

geht das heu zur neige

die kennen legen

auf ostern zu bald

bleibt der ofen ohne holz

die tage steigen

in langes licht

bald

ist mir nimmer kalt

& ich bei Dir

leer vom winter her

Es bleibt bei dem Grundton der Bitternis, die sich immer wieder unverstellt äußert:

hielte frißt mich auf

ich weiß um den schweiß

nicht mehr

nicht mehr

um sand oder sonne

marod & mued ist mein leib

ein sack von leeren messen

ach plaerre nicht

der sorgen sind zuviel

der feuerlilien keine Es existieren literarische Grundmuster für Käsers Lyrik: im Formalen das Kinderlied, die Vagaitenstrophe und das plebejische Spruchgedicht. Bei den Inhalten werden immer wieder die Traumata der eigenen Biographie unterbreitet: die von Borniertheiten beschädigte Heimat, die verhunzte Religion, die Räusche in den Gasthäusern, der lang vorausgeahnte Tod.

Der Südtiroler Norbert C. Kaser war nichts weniger als ein Chauvinist. Er haßte, was nach deutschnationaler Beschränktheit in den Dolomiten schmeckte; und je älter er wurde, desto mehr radikalisierte sich diese Emotion, sein Eintritt in die KPI hatte gleichermaßen soziale wie nationale Motive. Stärker als in der Lyrik hat er diese Dinge in seiner Prosa abgehandelt. Die umfaßt schneidende Polemiken an die Adresse der Südtiroler Volkspartei, politisches Organ des deutschen Establishments in Alto Adige, und sie umfaßt poetische Kurztexte, die der Lehrer Käser schrieb, um „mit selbsterzählten Fabeln gegen den Lesebuchmief“ anzukämpfen. So formuliert es der Herausgeber Hans Haider, der diesen Nachlaßband aufs Mustergültigste betreut und herausgegeben hat.

In Käsers Kurzprosa finden sich erstaunliche Dinge. Es gibt da eine Märchenfabel vom Drachen, die so karg, bös und eindrucksvoll ist wie das Märchen in Georg Büchners „Woyzeck“. Es gibt die „Stadtstiche“: literarische Porträts großer Ortschaften in Tirol. Ein paar Sätze aus dem Text über die Heimatstadt Bruneck:

„in die wieren faellt kein kind. unter tiefem stadtdreck sind die sandgrubenerdbeeren erstickt in die felder haueser gewachsen statt erdaepfel & am sonnigen hang sitzen die reichen waehrend die aermeren ihr haeuschen wie fliegendreck in die joergener wiesen pflanzten, in der hoelzernen schwimmschule wurden schwimmen: Ergongnie Hier changieren Ekel, Abscheu und Haß all- – mählich zu rationaler Gegnerschaft: „Für kaum einen Landstrich Mitteleuropas trifft der Begriff ,reaktionär‘ in so voller Wucht zu wie für unser hochscheinheiliges Südtirol. Nirgends sind leichter Stürme im Kulturwasserglas zu erzeugen als bei uns. Literaten werden diffamiert und mit anonymen Morddrohungen eingeschüchtert (oder auch nicht), Graphiker und Maler werden der Pornographie bezichtigt und angezeigt, Theatergruppen nach ihrem Feinsilbergehalt abgeklopft, für kupferrot befunden und in den finanziellen Würgegriff genommen, bis sie wirklich rot anlaufen.“

Von da bis zu einem historisch fundierten Sich-Vergewissern führt nur noch ein Schritt. Eines der aufregendsten Stücke des Buches ist die bloß in Stichwörtern notierte Lebensgeschichte des Peter Paßler, der im Bauernkriegsjahr 1525 von einem Michael Kohlhaas fast zu einem Thomas Müntzer wurde: „er war ein guerillero / er war ein glaeubiger ueberzeugter mensch bis zum letzten.“

In diesem Stoff lag die Chance zu einem großen Epos. Damit hätte aller (auch sozialer) Autismus überwunden werden können. Kaser besaß die sprachliche Kraft und die intellektuelle Physiognomie, dies zu bewältigen. Die biologische Kraft besaß er nicht. Das Gedicht auf den Heiligen Sebastian schrieb er sich wohl auch als eigenes Epitaph:

mit der nacht kommen

engel seine todeswunden

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