Industrie auf grausamen Abwegen

Von Gerd Bucerius

Aus der New York Times vom 31. Oktober 1921: "Drei Jahre nach dem Waffenstillstand wurde die berüchtigte Anlage von Cppau durch die Explosion eines geheimnisvollen Stoffes in Stücke gerissen; 3000 Menschen sind tot, verwundet oder vermißt. Professor Haber und andere Wissenschaftler wissen nicht, wie es geschehen konnte, können es nicht erklären... Es gibt in Deutschland noch immer eine Gruppe unverbesserlicher Reaktionäre und Militaristen, die nach einem neuen Kriege trachten; sie würden die Entdeckung tödlicher Gase von gewaltiger Wirkung durch ihre Chemiker begrüßen."

Die New York Times schrieb es; viele in Deutschland dachten es. Wir wußten: Noch sind (in aller Welt freilich) die Kräfte wirksam, denen ein Krieg das rechte Mittel ist, dem Vaterland zu Ruhm, Ansehen und "Lebensraum" zu verhelfen. Nur wenige Wochen vorher, hatten sie in Deutschland Erzberger ermordet (am 26. August 1921); ein knappes Jahr später erlag Walther Rathenau ihren Kugeln (24. Juni 1922).

Auf seltsame Weise freilich wurden Menschen in dieses Verhängnis einbezogen, die – so meinten wir – auf unsere Seite der Barrikade gehörten. Wie das zustande kam, wie Schwäche zur Schuld, Patriotismus zum Verbrechen werden konnte, schildert

Joseph Borkin: "Die unheilige Allianz der IG Farben – Eine Interessengemeinschaft im Dritten Reich"; Campus Verlag, Frankfurt 1979; 232 S., 38,– DM.

Um 1900 fand die Welt-Chemie vor allem in Deutschland statt. Schon früh hatten sich die größten Chemieunternehmen zu einer Interessengemeinschaft (IG) zusammengeschlossen: BASF (Badische Anilin- und Soda-Fabriken, Ludwigshafen), Bayer (Leverkusen), Farbwerke Hoechst und drei kleinere Unternehmen: Agfa (ursprünglich: Aktiengesellschaft für Anilin-Fibrikate, Berlin), Cassella (Frankfurt), Kalle (Biebrich).

Aus Steinkohlenteer künstliche Farben herzustellen, hatte 1856 der 18jährige englische Chemiestudent William Henry Perkins entdeckt. In England wurde er verkannt. Wissenschaftlich gebildete deutsche Geschäftsleute zogen nach England, um die neue Technik zu lernen. Borkin: "Was sie mit der Beute aus ihrem geistigen Diebstahl vollbrachten, war ein industrielles Wunder. Mit der deutschen Begabung, aus Dreck Geld zu machen, begannen sie mit der Verwandlung des Steinkohlenteers in ein immens wertvolles Produkt."

Wenn Nachahmung Diebstahl ist, wird in dieser Welt freilich viel gestohlen. Richtiger wäre: Die an Rohstoffen (und auch sonst) armen Deutschen stürzten sich auf den einzigen Stoff, den sie ausnutzen konnten, die Kohle. Im industriellen, kapitalistischen Aufschwung verdoppelte sich der Farbenverbrauch der Welt anfangs alle drei Jahre. Immer mehr Menschen wurden immer reicher, mit den USA kam ein neuer verbrauchsfreudiger Kontinent hinzu – alle ohne Farbenproduktion; denn die deutschen Farbenfabriken, durch die Interessengemeinschaft zusammengeschlossen, verboten sich die Produktion im Ausland. Die Gewinne von bisher unbekannter Höhe wurden neu investiert. Agfa, einst eine kleine Farbenfabrik, wurde schnell zum größten Hersteller photographischer Erzeugnisse. Der Agfa-Firmenschriftzug zog um die Welt. Die Farbwerke Hoechst bauten pharmazeutische Werke von Weltrang. Sie unterstützten Paul Ehrlich; er erfand das bis zu Sulfonamiden und Penicillin einzige Mittel gegen die damals in der Welt wütende Syphilis, das Salvarsan. Novocain, noch heute ein Schmerzmittel, stammt aus Hoechst. Die Laboratorien von Bayer, Leverkusen, fanden das Aspirin, die Malaria-Droge Atabrin und schließlich die Sulfonamide. Das Biyer-Kreuz wurde das einprägsamste, vertrauenerweckende Markenzeichen aller pharmazeutischen Produkte.

Fähig zum Krieg

BASF erwarben sich Weltruf, weil es ihnen nach teuren Forschungen gelang, blaue Farbe künstlich zu erzeugen; bisher war man auf das natürliche Indigo aus China zu Wucherpreisen angewiesen. Dann wieder war es ein Mangel, dieses Mal an natürlichen stickstoffartigen Düngemitteln, der die BASF zu Höchstleistungen trieb: Dem Wissenschaftler Fritz Haber gelang es, unter hohem Druck und extremen Temperaturen Stickstoff aus der Luft mit Wasserstoff zu Ammoniak zu verbinden; aus Ammoniak ließen sich in weiteren Produktionsschritten stickstoffhaltige künstliche Düngemittel herstellen. Damit war die Welt vom chilenischen Monopol an natürlichem Stickstoffdünger befreit. Als Kinder lernten wir im Ersten Weltkrieg Habers Namen. Zusammen mit dem genialen Techniker Carl Bosch machte er das durch die alliierte Blockade vom Chile-Salpeter (dem natürlichen Stickstoffdünger) abgeschnittene Deutschland "autark" und daher erst kriegsfähig. Daß heute "nur" jeder achte Mensch ernstlich hungert, ist dem Haber-Bosch-Verfahren zu danken. Wahrhaft große Leistungen haben den Weltruhm der deutschen Chemie damals und ihr Ansehen heute begründet. Und: Mit dem industriell produzierten Ammoniak ließen sich auch Schießpulver und Sprengstoff herstellen. Denn der im Ammoniak gebundene Stickstoff ist nicht nur für das Wachstum von Pflanzen unentbehrlich, er ist auch der entscheidende chemische Bestandteil vieler Schieß- und Sprengstoffe wie zum Beispiel Schießbaumwolle, Nitroglyzerin oder TNT.

Nach dem Dünger: Gas

Walther Rathenau drängte der ahnungslosen und die Kaufleute als Krämer verachtenden Heeresleitung die Erkenntnis auf, daß man die BASF mit großen Mitteln instand setzen müsse, Ammoniak um fast jeden Preis herzustellen. In Oppau (bei Ludwigshafen) entstand so das größte Chemiewerk der damaligen Welt.

Viel weniger hat man uns auf der Schule von einer anderen Erfindung Habers erzählt. Haber, Jude und glühender Patriot, entwickelte die Technik für Herstellung und kriegerische Verwendung von Giftgas. Er war dabei, als am 22. April 1915 an der Westfront nahe Ypern (Belgien) Chlorgas aus 5000 Metallzylindern vom östlichen Wind gegen den Feind getrieben wurde. Abends lagen 5000 Engländer und Franzosen tot auf dem Felde; zehntausend waren kampfunfähig. Haber aber war verbittert: Die Oberste Heeresleitung hatte seinen Rat in den Wind geschlagen, größere Truppenteile an die von seinem Giftgas zu schlagende Lücke zu bringen. Die französischen Kanalhäfen, direkt gegenüber England, hätten genommen werden können, wäre man seinem Rat gefolgt, klagte Haber.

Nach der deutschen Niederlage stürzten sich die Alliierten auf die IG Farben. Sie suchten vor allem das Verfahren und die Stoffe zur Herstellung von Giftgas und fanden – nichts. Die Deutschen hatten einfach in aller Welt bekannte Verfahren geschickt zusammengestellt. Die Franzosen versuchten, den Deutschen die Produktion von Ammoniak, gleich geeignet als Ausgangsmaterial für die Produktion von Dünger und Schießpulver, zu verbieten. Die Amerikaner verhinderten das: Man konnte den hungernden Deutschen schließlich den Dünger nicht verweigern. Oppau wurde weiter ausgebaut.

Deutsche Farbenpatente wurden allerdings beschlagnahmt. Die Firma Dupont (USA) gab 50 Millionen Dollar aus, um nach den Patentangaben Farben herzustellen. Sie sahen jedoch schnell ein, daß ".. kein normaler Chemiker mit diesen Patenten arbeiten kann. Sie wurden für Deutsche geschrieben, die ihr Leben in der Farbenindustrie verbracht haben".

Das Schicksal von Haber? Er bekam 1919 – großherzige Welt! – den Nobelpreis für Chemie für sein Verfahren zur Ammoniaksynthese; das Giftgas hatte man schon vergessen. Er blieb der IG Farben und der BASF verbunden. Nach jener fürchterlichen Explosion in Oppau versicherte er, das Haber-Bosch-Verfahren sei nicht Ursache der Katastrophe. Aber, sagte er dunkel, es kannten "neue und schreckliche Kräfte am Werk sein".

Nach Niederlage, Ruhrkampf und Inflation verblüffte das Deutsche Reich durch sein "Wirtschaftswunder". Trotz riesiger vom Reich verlangter Reparationslasten? Aber siehe da: Die amerikanischen Banken pumpten, fast besinnungslos, gewaltige Dollarbeträge nach Deutschland. Industrieunternehmen, Länder und Kommunen konnten, zu guten Zinsen freilich, jeden Kredit aus den USA bekommen. Unbegreiflich, wie leichtfertig die amerikanischen Banken ihren Kunden deutsche Anleihen aufschwatzten. Immerhin gab es mindestens psychologische Begründungen. Wieder einmal schien die deutsche Chemie die Weltwirtschaft zu revolutionieren. Die Innovation jener Jahre hieß: Automobil; vor allem in Amerika. Damals schien sicher: Schon bald würden die Erdölquellen den rasant steigenden Benzinbedarf nicht mehr decken. Auch Naturkautschuk würde in kurzer Zeit knapp werden. Sogleich waren die IG Farben zur Stelle. Sie entwickelten für Öl das Fischer-Tropsch-Verfahren (Öl aus Kohle), für Gummi das Bergius-Verfahren (Gummi aus Kohle).

So hatten die amerikanischen Banken zwar einen armen Schuldner (was hohe Zinsen rechtfertigte), dem aber die Zukunft gehören würde. Die Entdeckung gewaltiger Quellen (1927) in Texas machte das Öl von einem Tag auf den anderen.spottbillig, Öl aus Kohle, eben noch ein glänzendes industrielles Vorhaben, war nur noch eine interessante Wissenschaft. Riesige Gummiplantagen in Fernost lieferten plötzlich Naturgummi in ungeahntem Ausmaß. Buna war wertlos, weil zu teuer.

Die Erfahrungen freilich rentierten sich, als Hitler seinen Krieg vorbereitete. Schon im Dezember 1933 befahl er der IG Farben, ihre Hydrierungsanlagen (Öl aus Kohle) in Leuna auszubauen, daß bis Ende 1937 350 000 Tonnen (22 Prozent des gesamten Ölverbrauchs in Deutschland pro Jahr in Friedenszeiten) erzeugt werden könnten. Erst als die US-Luftwaffe im April und Mai 1944 Leuna durch viele, verlustreiche Angriffe zerstörte, erlahmten Hitlers Panzer, mußten seine Flugzeuge am Boden bleiben.

Der Ausbau von Leuna zahlte sich schon aus, als 1936 die Sowjetunion und Rumänien (als Protest gegen den Einmarsch deutscher Truppen in die neutralisierten Rheinlande) ihre Ölexporte nach Deutschland verringerten und die Preise erhöhten. Das wiederum war der Anlaß, die Produktion von Buna aufzunehmen gegen den Rat der entsetzten Wirtschaftssachverständigen ("Buna ist zehnmal so teuer wie Naturkautschuk"); sie ahnten nichts von Hitlers Kriegsplänen.

Besser war man 1938 in den Vereinigten Staaten unterrichtet. Die Luftwaffe brauchte Bleitetraethyl als Benzinzusatz; das wurde damals nur von einer Tochtergesellschaft der Standard Oil of New Jersey" produziert. Also verhandelten die IG Farben mit der Standard Oil über einen umfangreichen Austausch technischer Verfahren. Von Dupont, einem amerikanischen Konkurrenten der IG, wurde die Standard Oil gewarnt: "Es wird behauptet, daß Deutschland insgeheim aufrüstet. Bleitetraethyl würde zweifellos von großem Nutzen für die Militärflugzeuge sein." Aber das Geschäft ging vor. In geheimen Abkommen tauschten Standard Oil und IG kriegswichtige Verfahren aus. Eine von Truman 1942 eingesetzte Senatskommission deckte den Sachverhalt auf. Entsetzt nahmen die Senatoren einen Brief der Standard Oil zur Kenntnis: "Vertreter der IG-Farben-Industrie haben mir heute Überlassungsurkunden für etwa 2000 ausländische Patente übergeben, und wir haben unser möglichstes getan, um einen Durchführungsmodus zu erarbeiten, der während des gesamten Krieges wirksam bleibt, ob die Vereinigten Staaten in den Krieg eintreten oder nicht."

Im Zweiten Weltkrieg schließlich gerieten die IG Farben und viele ihrer leitenden Männer auf die Bahn des Verbrechens, an den Massenmord. Das Konzentrationslager Auschwitz diente, bis zum Mord an seinen Insassen, einer Buna-Anlage der IG. Den vor einem amerikanischen Militärgericht angeklagten IG-Direktoren wurden Beteiligungen an allen Scheußlichkeiten jenes Lagers nachgewiesen. Das in den Vernichtungslagern verwandte Zyklon-B stammte aus einer von der IG kontrollierten Firma. Die Strafen waren milde, neben Freisprüchen wenige Jahre Gefängnis. Der amerikanische Chefankläger hielt die Urteile "für leicht genug, einen Hühnerdieb zu erfreuen". Das Gericht hatte den Angeklagten Befehlsnotstand zugebilligt: "Es kann kaum einem Zweifel unterliegen, daß die Weigerung eines leitenden Angestellten der IG, die vom Reich festgesetzten Produktionsprogramme zu erfüllen oder für die Erfüllung Sklavenarbeiter zu verwenden, eine Herausforderung bedeutet hätte, die als hochverräterische Sabotage behandelt worden wäre und sofort harte Vergeltungsmaßnahmen im Gefolge gehabt hätte."

Die Angeklagten hatten das Glück, vor streng rechtsstaatlich denkenden amerikanischen Richtern zu stehen; Deutsche hätten härter geurteilt: Wir wußten, welche Typen da angeklagt waren. Ich habe, glaube ich, die Hitler-Szene bis zum Zusammenbruch des Reichs genau beobachtet. Rechtswidrigen Befehlen konnte man sich entziehen, wenn man es nur wollte. Die Nazis hüteten ihre verbrecherischen Geheimnisse sorgfältig. Ihnen lag nichts an der Verfolgung von Leuten, die sich stillschweigend davonmachten. Wer freilich auf die Position und das große Geld nicht verzichten wollte, der ist oft genug schuldig geworden.

Die Geschichtsbücher werden – und sollten – diesen alle Grenzen sprengenden sittlichen Frevel immer wieder verzeichnen. Joseph Borkun hat hierzu einen hervorragenden wissenschaftlichen Beitrag geleistet. Bis zum Ersten Weltkrieg beurteilt er den Vormarsch der deutschen Chemie zu streng. Über Giftgas im Ersten Weltkrieg, Auschwitz, Zyklon B und ihre Verursacher berichtet er mit der amerikanischen Historikern und Juristen eigenen Objektivität und Zurückhaltung. Das läßt die Taten um so grausamer erscheinen.