In den Fenstern des DDR-Reisebüros hängen Photos, die fremde Länder in Postkartenschönheit zeigen, werden historische Städte und herrliche Landschaften angepriesen, malerische Reiserouten und blühende Volkskunst. Die ČSSR wird nicht nur Reiseland, sondern zugleich „Freundesland“ genannt, für die UdSSR wird mit der Aufforderung geworben: „Lernen Sie die Heimat unserer Freunde kennen!“ Denn dem DDR-Bürger steht als Reiseziel nicht die ganze Welt offen, sondern nur jener Teil, den die DDR „sozialistische Bruderländer“ heißt. Also vor allem Sowjetunion, Bulgarien, die ČSSR, Polen, Rumänien und Ungarn. Die Offerten für Jugoslawien, Kuba, die Mongolei, Korea und Vietnam sind so klein, daß für sie nicht geworben zu werden braucht. Die „Traumziele“ der DDR-Bürger, Italien, Amerika, Frankreich und die Bundesrepublik, sind nicht im Angebot.

Das Reisebüro im Neubaukoloß „Haus des Reisens“ am Ostberliner Alexanderplatz erstreckt sich über zwei Etagen. An einem Schalter, vor dem ständig Leute Schlange stehen, gibt es Fahrkarten für das In- und Ausland. Das Reisebüro verkauft Flugtickets, Bettenkarten für Schlafwagen, und es vermittelt Zimmer in Berlin, Karten fürs Theater, für Stadtrundfahrten, fürs Museum, den Fernsehturm und die Nachtbar am Lindencorso. Nicht zu vergessen: Reiseführer und Stadtpläne sowie die unvermeidlichen Souvenirs, Kugelschreiber, auf denen „Hauptstadt der DDR“ steht, gläserne Aschenbecher, Wimpel und Teller mit derselben Inschrift.

Im ersten Stock ist ein Schalter an die Polizei vermietet, damit sich Ausländer (einschließlich Westdeutsche) in der DDR anmelden können; an einem zweiten Schalter tauscht die DDR-Bank das Pflichttagegeld um. Daneben die Stände, die Pauschalreisen verkaufen. Das heißt, mit dem Verkaufen geht es hier nicht ganz so schnell. In einem Land, das vor allem nach Plan lebt, wird auch der Urlaub langfristig vorbereitet. Wer zum Beispiel im August in den Süden will, tut gut daran, sich schon jetzt im Januar in eine sogenannte „Vormerkkarte“ eintragen zu lassen. Mit einem Erst- und Zweitwunsch.

Das Reisebüro bearbeitet die Vormerkkarten in der Reihenfolge des Eingangs. Bei besonders beliebten Reisezielen (DDR-Süden, Schwarzes Meer, sowjetische Küste) bekommen vielleicht 50 von 100 DDR-Bürgern eine Zusage, dreißig weiteren wird ihr Zweitwunsch erfüllt, der Rest wird nochmals ins Reisebüro bestellt, um ein neues Urlaubsziel auszusuchen. Sind alle Vormerkkarten bearbeitet, gehen die Reisen in den freien Verkauf und werden sogar per Anzeige in der Zeitung angeboten.

Die Reisen werden zentral geplant. Heinz Tischer, stellvertretender Generaldirektor der staatlichen Reiseorganisation: „Das Reisebüro der DDR arbeitet wie ein volkseigener Betrieb, mit Generaldirektion (im Ostberliner Haus des Reisens), elf Bezirksdirektionen und 144 Zweig- und Nebenstellen mit insgesamt 4200 Mitarbeitern.“ Die Generaldirektion erstellt Kataloge für die Winter- und für die Sommer-/Herbst-Saison und verteilt Reisekontingente an die Bezirksdirektionen, die sie weiter an ihre Zweig- und Nebenstellen geben.

Anita Vollandt, eine der Verkäuferinnen im Ostberliner „Reisebüro am Alex“, hat ungefähr zwanzig Kunden am Tag, die meist mit festen Vorstellungen kommen. Oft kann sie die Wünsche nicht erfüllen. Ein Verkaufsgespräch könnte etwa so aussehen: „Im August ans Schwarze Meer? Nein, leider... Aber wie wäre es im September in die Beskiden in der ČSSR, individuelle Anreise, zehn Tage für 500 Mark?“ Sie reicht Prospekte über den Tisch, von Bulgarien, der Sowjetunion, von Polen, von einzelnen Städten wie Smolensk, Kiew, Uljanow, der Geburtsstadt Lenins, von einzelnen Reisegebieten wie der Masurischen Seenplatte in Polen, Südböhmen in der ČSSR; alles ohne Preisangaben. Die Preislisten erscheinen später als die Kataloge.

Der letzte Sommerprospekt kam in einer Auflage von 200 000 Stück heraus – bei jährlich 1,1 Millionen Auslandsreisen und 200 verschiedenen Reisezielen viel zu wenig Kataloge. Preisbeispiele: Fünf Tage Flugreise Moskau–Minsk 470 Mark, 22 Tage Rundreise durch die Sowjetunion 2650 Mark. Siebert Tage Karlovy Vary in der ČSSR, bei individueller Anreise, 375 Mark. 11 Tage per Flug nach Poiana Brasov in den rumänischen Karpaten für 1790 Mark. Fünf Tage Budapest 800 Mark. Sieben Tage in den polnischen Masuren, bei individueller Anreise, 400 Mark.