Die Jahre der Furcht in Ost und West – Wenn das Pendel wieder zurückschlägt

Von Karl-Heinz Janßen

Während in den Schaufenstern der Warenhäuser der Minirock wieder auftaucht, haben die Politiker einen Begriff aus der Trickkiste ihrer Propaganda hervorgeholt, der vor etwa zehn Jahren mit dem "Mini" allmählich aus der Mode gekommen war: den "Kalten Krieg". Noch ist umstritten, ob der sowjetische Einmarsch in Afghanistan und die amerikanischen Sanktionen gegen die Sowjetunion einen Rückfall in die Gewohnheiten der fünfziger und sechziger Jahre bedeuten, doch unbestreitbar entstammen die polemischen Phrasen dem Arsenal des Kalten Krieges: Das Weiße Haus beschuldigt den sowjetischen Partei- und Staatschef Breschnjew der Aggression, des Wortbruchs und der Lüge; der Kreml bezichtigt Präsident Carter der Kriegstreiberei und der moralischen Verkommenheit.

Cold war, Kalter Krieg – das Wort läßt die Menschen der älteren und mittleren Generation frösteln. Aus dem Unterbewußtsein steigen schreckliche Erinnerungen an längst vergangene Zeiten auf: an jene Tage, als Westeuropa im bitterkalten Winter 1946/47 scheinbar schutzlos dem Zugriff des russischen Bären preisgegeben war; an 1948, als Stalin die Stadt Berlin strangulieren wollte; an den Juni 1950, als der Korea-Schock und die übermütigen Drohungen von SED- und FDJ-Funktionären unsere Bürger das Fürchten lehrten; an den November 1956, als in der Ungarn-Suez-Doppelkrise die Kirchen für den Weltfrieden beteten; an jenen Morgen des 13. August 1961, als plötzlich eine Mauer die Reichshauptstadt zerteilte; an den Herbst 1962, als sich russische Raketenfrachter dem Quarantänering um Kuba näherten und die Welt den Atem anhielt.

Ein notwendiger Konflikt

Das Wort "Kalter Krieg" ist im Schwange, seit es der amerikanische Publizist Walter Lippmann 1947 in den politischen Sprachgebrauch einführte, paradoxerweise zu einem Zeitpunkt, da er ihn schon für beendet wähnte. Mittlerweile existiert eine umfangreiche Literatur über die neue Kriegsgattung. Doch was genau der Kalte Krieg sei, wann, warum und von wem er entfesselt, wann und wo er unterbrochen oder gar durch eine Art Friedensregelung abgeschlossen wurde, darüber haben sich die Wissenschaftler nicht einigen können. Ist er nur eine Fortsetzung alter Gegensätze zwischen Ost und West in anderer Form, nämlich unter den Bedingungen des atomaren Patts? Oder geht es um eine Auseinandersetzung zwischen weltumspannenden, sich gegenseitig ausschließenden Ideologien, um den seit 1789 tobenden Kampf zwischen Revolution und Konterrevolution? Oder handelt es sich um eine Mischform aus beidem?

1. Machtkampf: Die klassische Definition stammt von dem Amerikaner Louis J. Halle: Der Kalte Krieg ist ein unvermeidlicher, historisch notwendiger internationaler Konflikt, ein antihegemonialer Kampf nach dem Muster der napoleonischen Kriege und der beiden Weltkriege. Diesmal war Rußland der Herausforderer, dessen defensiv gemeinte Expansion von Amerika erfolgreich eingedämmt wurde, obschon Rußland mehrmals versucht hat, den Einkreisungsring gewaltsam zu sprengen. Die Verkrampfungen im Verhältnis der beiden Machtblöcke, diese "eingefrorenen Kriegsstrukturen", wie sie der norwegische Friedensforscher Galtung nannte, haben sich erst nach der Kubakrise gelöst.

2. Ideologischer Kampf: Nicht Rußland ist der Feind im Kalten Krieg, sondern der (monolithisch verstandene) Weltkommunismus. Auf der gleichen Schiene bewegen sich die sogenannten Revisionisten der Neuen Linken unter den amerikanischen Zeithistorikern und Politologen, die nicht die Sowjetunion oder den Kommunismus als Hauptschuldigen erkannten, sondern die Außen- und Handelspolitik der Vereinigten Staaten, die allen Völkern demokratische Freiheiten und die kapitalistische Wirtschaftsordnung bescheren und die ganze Welt in einen offenen Markt verwandeln wollte – ein Ziel, dem sich Stalin um der Selbsterhaltung seines Systems willen notgedrungen widersetzen mußte.

3. Ideologisch-machtpolitischer Kampf: Staaten oder Staatengruppen ringen seit 1917, seit den Friedensprogrammen Woodrow Wilsons und der Bolschewiken, um die künftige Gestalt einer einheitlichen Welt. Diese weitgespannte Auslegung verficht der deutsche Zeithistoriker Ernst Nolte, der 1974 in seinem großen Buch über den Kalten Krieg die deutsche Teilung zum Kernproblem des Ganzen erklärte, eine Ansicht, die man in Washington oder in Moskau nicht unbedingt teilen wird, obgleich die empfindlichste Nahtstelle Zwischen Ost und West eben quer durch Deutschland und Berlin verläuft. Jeder Sturm des Kalten Krieges wirft unabwendbar seine Dünung an die deutschen Gestade; jedes Hoch der Entspannung versetzt beide deutschen Staaten in eine Schönwetterperiode.

Charakteristisch für den Kalten Krieg war der Wechsel zwischen Spannung und Entspannung, der in seiner Endphase Anfang der siebziger Jahre sogar nebeneinander hergehen konnten: Kissinger verhandelte mit den Staatsmännern im Kreml über die Begrenzung der strategischen Rüstungen in einem Augenblick, als die Amerikaner den sowjetischen Verbündeten Nordvietnam mit Bomben und Minen traktierten. Nach dem Wechselbadverfahren liebten es die Sowjets, von ihnen initiierte Krisen durch sogenannte Friedensoffensiven abzulösen. Allerdings hat es der Westen mehrmals versäumt, Entspannungssignale des Ostens beizeiten richtig zu deuten.

Erst nach der Kubakrise, die beide Weltmächte an den Rand des nuklearen Holocaust gebracht hatte, kamen die Staatsmänner, die mit dem Feuer gespielt hatten, zur Besinnung: Schon 1963 wurde in Moskau das Atomteststopp-Abkommen unterzeichnet. Präsident Nixon markierte dann den Übergang "von der Konfrontation zur Kooperation". Amerika und Rußland knüpften wieder dort an, wo sie sich 1945, nach dem gemeinsamen Sieg über die Kriegsgegner Deutschland und Japan, getrennt hatten.

Die Vereinigten Staaten versuchten bereits im Vorfeld der Potsdamer Konferenz von 1945, die vom Krieg geschwächte Sowjetunion mit Mitteln des Handelskrieges (Einstellung der Pacht- und Leihlieferungen, Verweigerung von Krediten) zur Zusammenarbeit und zum Wohlverhalten Zu nötigen. Doch Stalin zeigte sich weder bereit, in den russisch besetzten Ländern Europas freie Wahlen zuzulassen, noch den Amerikanern gleiche wirtschaftliche Chancen einzuräumen.

Umgekehrt war es für die Amerikaner eine bestürzende Erfahrung, als die Russen, trotz ihrer ungeheuren Nachkriegsprobleme im eigenen Land, ungerührt daran gingen, ihr strategisches Vorfeld, das ihnen durch Hitlers Wahnsinnskrieg zugefallen war, abzusichern, womöglich noch auszudehnen. Bereits auf der Potsdamer Konferenz forderten Stalin und Molotow Stützpunkte an den Dardanellen und in Nordafrika.

Vergiftetes Klima

Die Initialzündung für den Kalten Krieg legten 1947 Präsident Truman mit seiner Schutzgarantie für Griechenland und die Türkei und sein Außenminister Marshall mit der Wirtschaftshilfe für Westeuropa. Im Gegenzug gründete Stalin die Kominform sie ermunterte die kommunistischen Parteien in Italien und Frankreich, durch Streiks das Wirtschaftsgefüge zu Zersprengen. Psychologisch verheerend aber wirkte sich erst der Prager Putsch im Februar 1948 aus – ein Land, das zwar schon, wie heute Afghanistan, dem sowjetischen Einflußbereich zugezählt und von einem kommunistischen Ministerpräsidenten regiert wurde, wurde gewaltsam, wenn auch noch ohne "Militärhilfe" (die kam erst 1968) in einen sowjetischen Satelliten verwandelt. Unmittelbar darauf folgte die Berliner Blockade als Antwort auf die westlichen Bestrebungen, einen westdeutschen Staat zu gründen.

In der heutigen Situation, da die Öffentliche Meinung im Westen und in Teilen der Dritten Welt fast unisono das sowjetische Vorgehen in Afghanistan verdammt, ist es gut, sich daran zu erinnern, daß George Kennan, jener amerikanische Diplomat, der damals das Konzept für die "Eindämmung" sowjetischer Expansion entworfen hatte, all diese so erschreckend aggressiven Akte als "defensive Reaktionen" bewertete: "Moskau wollte, bevor es zu spät war, die politischen Karten ausspielen, die es auf dem europäischen Kontinent noch in der Hand hielt."

Auf Jahre hinaus hat der Kälte Krieg das geistige Klima diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs vergiftet. Freund-Feind-Gefühle nisteten in den Herzen der Menschen. Von allen Fehleinschätzungen auf beiden Seiten war am verhängnisvollsten die gegenseitige Angst vor einem Überfall. Zur gleichen Zeit, als die Westeuropäer täglich damit rechneten, daß Stalin seine Panzer bis zum Ärmelkanal rollen lassen würde, erwarteten die Russen stündlich einen blitzartigen Überfall des Strategischen Bomberkommandos. Ein Gutteil dieser Ängste wurde erst in den entspannungsträchtigen siebziger Jahren abgebaut.

Die weltpolitische Lage von heute ist mit der von anno ’50 oder anno ’60 nicht mehr zu vergleichen. Die einst unangefochtene Weltmacht Amerika hat an Glanz verloren; die Sowjetunion hat militärisch gleichgezogen; China spielt seine eigene Rolle; neue Kräftezentren (Europäische Gemeinschaft, Opec-Staaten) sind entstanden. Wenn künftig das Pendel wieder von der Kooperation zur Konfrontation zurückschlagen sollte, so ständen wir vor dem, woran Louis Halle nicht glauben mochte: vor dem zweiten Kalten Krieg.