Man „muß“ an Freunde und Kollegen eine Karte aus dem Urlaub schicken. Wer übergangen wird, sieht darin ein ominöses Zeichen seiner niedrigen gesellschaftlichen und beruflichen Rangstellung. Somit erfüllt die Karte nicht nur eine Prestigefunktion für den Schreiber, sondern auch für den Rezipienten. Das Anzwecken der Ansichtspostkarten auf dem Schwarzen Brett im Büro dient nicht nur der Verschönerung der Arbeitsumgebung, es hat die Bedeutung eines Statussymbols für das ganze Büro; je exotischer die Fotos, desto höher der Status für die Gruppe... Auffällig ist, wie besonders der Tourist, der in seinem Alltagsleben wenig Gelegenheit hat, sich in persönlichen Dingen schriftlich auszudrücken, unwillkürlich in die Werbesprache fällt. Er benutzt Klischees wie „phantastische Lage“, „rustikale Romantik“... Der Tourist, vorher nur Objekt der Werbung, ist nunmehr auch zu ihrem Propagandisten geworden.

Helena Szépe: „Überlegungen zum Text der Ansichtspostkarte im Zeitalter des Massentourismus“, in „Sprache im technischen Zeitalter“, 72/1979.

Siedler im neuen Gewand

Der ehemalige Chef des Propyläen-Verlages, der trotz – oder wegen? – seines erfolgreichen Engagements für ein dynamisches Programm letztes Jahr im Unfrieden vom Konzernherrn Springer schied, hat jetzt gemeinsam mit dem früheren Filmproduzenten („Die Brücke“, „Haie und kleine Fische“) und jetzigen Bauunternehmer Jochen Severin einen neuen Verlag gegründet. Unter dem Namen „Severin & Siedler Verlag“ wird er auf dem Felde der Literatur, Politik und Geisteswissenschaften arbeiten, wie es in einer ersten Presseverlautbarung heißt. Zu den wichtigsten Programmbereichen werden die Geschichtsschreibung im weitesten Sinne (Ereignisgeschichte, Ideengeschichte, Literaturgeschichte) sowie die Gesellschafts- und Humanwissenschaften gehören. Zu dem neuen Verlag, der seine Arbeit sofort aufnimmt, sein erstes Programm im Jahr 1981 vorlegen wird, gehören auch die Verlage Trend und Quadriga. Selbstbewußtsein und Courage sind nötig für eine solche Neugründung angesichts der Macht der Konzerne – aber Wolf Jobst Siedler fehlt es daran nicht: „Natürlich haben die anderen die Macht, aber ich habe mich.“ Eine Liste mit Titeln konnten die beiden Eigentümer noch nicht vorlegen – aber eine Liste von fest um den Verlag gruppierten Beratern, zu denen der Präsident der Münchner Max-Planck-Gesellschaft Reimar Lüst gehört wie der Gründungsrektor der in Vorbereitung befindlichen Berliner Forschungsuniversität Peter Wapnewski, aber auch Nobelpreisträger Manfred Eigen, Robert Jungk, Hans Werner Richter und Walter Jens. Am Theater sagt man dazu: Hais- und Beinbruch.

Brückner extra muros

Der noch immer von seinen Lehrverpflichtungen entbundene Hannoveraner Psychologie-Professor Peter Brückner, inkriminiert wegen seiner Mescalero-Studie, hat ein Ausweichquartier gefunden: Ab 7. Januar beginnt er im Club Voltaire, Hannover, Bergmannstraße 7, jeweils um 14 Uhr einen sechsteiligen Vortragszyklus zum Thema „Geschichte und Psychologie“ und ab 15. Januar, 20.15 Uhr – zusammen mit Axel Oestmann – ein fünfteiliges Seminar über Adornos „Minima Moralia“. Als kleine Probe, daß er sich die Beiß-Zähne nicht hat ziehen lassen, verschickte Brückner eine Ankündigungsbroschüre „Kleine Abhandlung über das Brot des Hochschullehrers: dieser als Esser und Bäcker“, die mit den munteren Sätzen beginnt: „Die verbreitete Behauptung, einige ‚linke‘ Hochschullehrer ließen sich vom Staat dafür bezahlen, daß sie den Staat beschimpfen, ist irrig. Bei aller Aufmerksamkeit, die er sicher verdient – ‚der Staat‘, bzw. Würdenträger, die ihn repräsentieren und/oder sein Ansehen schützen, müssen sich nicht einbilden, Linke (...) hätten den lieben Tag nichts anderes zu tun, als ihnen ‚ablehnend, wenn nicht feindlich‘ gegenüberzustehen. Es gibt noch andere Horizonte. ‚Den Staat zu beschimpfen‘, das ist höchstens eine der vielen Tätigkeiten, denen ein Hochschullehrer nachgeht... Im allgemeinen befaßt sich der Hochschullehrer aber mit ‚Sonstigem’: Lehre, Forschung, Prüfung, Selbstverwaltung etc. Das wird mit Geld und mit einem Pensionsanspruch honoriert. Besonders die staatliche Altersversorgung geht unseren Kritikern nahe: bekämpfen Sie diesen Staat, wenn Sie es für notwendig halten, aber bekämpfen Sie ihn nicht mit Pensionsberechtigung‘ (P. Glotz, SPD). Sie vergehen nur, daß wir, um dem Forschung nachgehen zu können – Lehre, Forschung etc. – hierzulande Beamte werden müssen, ob wir wollen oder nicht. Es ist ja nicht der Markt, der die Arbeitskraft eines Hochschullehrers kauft oder nicht kauft.“ Brückner hat Sorge, sein Bewußtsein würde stockig, der Verzehr von Brot und Wein eines suspendierten, aber weiter bezahlten Lehrers Deshalb: auch etwas in ihm – durch Nichtarbeit. Deshalb: „Tisch und Stuhl im Club Voltaire, ein paar Teilnehmer, das wär’s.“

Vor Sonnenuntergang

Die Hamburger Theaterkrise geht rüstig ihrem zwanzigsten Jubiläum entgegen. Seit Gustaf Gründgens’ Tod, seit 1963 also, hatte das Deutsche Schauspielhaus an der Kirchenallee immer nur kurze Atempausen, in denen es ruhig und von öffentlicher Hysterie verschont arbeiten konnte. Im neuesten, besonders erbärmlichen Akt des Dauerdramas war die Situation am Anfang dieser Woche so: Der Hamburger SPD-Senat scheint sich zu weigern, einen Kompromißvorschlag des künftigen Intendanten Niels-Peter Rudolph zu akzeptieren; Rudolph hatte angeregt, auf einen größeren Schauspielhaus-Umbau zu verzichten. Rudolph soll, die SPD will es wohl so, innerhalb von zwei Jahren vom Schauspielhaus ins Operettenhaus und wieder zurück wandern. Der sogenannte starke Mann der SPD, der Fraktionsvorsitzende Ulrich Hartmann (der schon vor Jahren durch den starken Einfall, einfach eines der beiden großen Hamburger Schauspielhäuser aus Gründen der Sparsamkeit zu schließen, als Theaterkenner aufgefallen war), befahl seiner Partei und seinem Senat in einem Interview mit der BILD-Zeitung Unnachgiebigkeit gegenüber Rudolph. Die Lokalpresse lobt nahezu täglich den biederen Interimsspielplan der beiden biederen Geschäftsführer Mares und König – in der nun nicht mehr verhohlenen Absicht, ihnen das Schauspielhaus ganz auszuliefern. Eifrig wiederholt man die Behauptung, Rudolph habe ein „Ultimatum“ gestellt, seine „Kündigung“ angedroht – was nicht stimmt. Vorstellbar aber, daß Rudolph bald die Lust verlieren wird, sich der Hamburger Lokal- und Unfähigkeitsposse länger auszusetzen. Denn über die Hamburger Kultur regiert weiterhin der Hamburger Kultursenator. Erst 1982 wird wieder gewählt.